Stadtentwicklung Leonberg Stadtquartier Schützenrain liegt weiter auf Eis

In diesem Areal Unterer Schützenrain sollen Wohnungen, eine Kita und eine Seniorenwohngruppe entstehen. Foto: Simon Granville

Leonbergs OB Cohn empfiehlt überraschend einen Stopp des geplanten Wohngebiets. Doch das will die Mehrheit im Gemeinderat angesichts der Wohnungsnot nicht mitmachen. Nun geht alles auf Los.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Paukenschlag im Leonberger Gemeinderat: Eine Entscheidung über das seit Jahren kontrovers diskutierte Neubaugebiet Unterer Schützenrain wurde am Dienstagabend erneut vertagt. Ob das 0,8 Hektar große Gebiet am Engelberg jemals realisiert wird, steht damit weiter in den Sternen. Entscheiden wird diese für die Stadtentwicklung elementare Frage erst der neue Gemeinderat, der am 9. Juni gewählt wird.

 

Schon der Auftakt der Sitzung in der Mainacht gab einen Vorgeschmack, wie brenzlig das neue Viertel, Teil eines vor Jahren mühevoll geschmiedeten Kompromisses für mehr Wohnbebauung in der Kernstadt, nach wie vor ist: Anwohner, die seit Monaten Sturm gegen die ungeliebte potenzielle Nachbarschaft laufen, brachten abermals in der Einwohner-Fragestunde ihre bekannten Argumente gegen die dort vorgesehenen 3800 Quadratmeter Wohnraum vor: eine zu steile Zufahrtsstraße, nicht geeignet für behinderte und ältere Menschen, und mögliche negative Auswirkungen aufs Klima führten mehrere Redner an. Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) verwies auf die drei stattgefundenen Info-Abende zu dem Baugebiet, eine in der Tat ungewöhnliche Häufung, und auf die an diesem Abend anstehende finale Entscheidung des Gemeinderates.

Cohns Empfehlungen: Planungen nicht weiterverfolgen

Doch die fand, zur Verblüffung der meisten Stadträte, nicht statt. Der OB überraschte mit der Empfehlung, das gesamte Projekt nicht weiterzuverfolgen. Im Klartext: sämtliche Pläne zu beerdigen. In der Beschlussvorlage war der Planungsstopp nur eine von vier genannten Möglichkeiten.

Cohn begründete seine unerwartete Haltung mit der steilen Zufahrt, die es gerade älteren und behinderten Menschen schwer machen würde. Außerdem: Ein Quartier ohne Kindergarten und Seniorenwohnungen würde heutzutage keinen Sinn machen.

Unterstützung erhielt der OB von den Grünen, die schon immer aus vor allem ökologischen Bedenken gegen das neue Wohnviertel waren. „Wir würden uns lächerlich machen, würden wir ein Baugebiet nur für Fitte ausweisen“, meinte Bernd Murschel.

Ganz anders Christa Weiß: „Wir brauchen dringend neuen Wohnraum“, sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende. Das Argument der steilen Zufahrten ließ sie nicht gelten: „Dann müssten wir auch die Burghalde leer räumen.“ Auch die CDU-Fraktionschefin Elke Staubach zeigte sich „überrascht“ vom plötzlichen Sinneswandel des Oberbürgermeisters: „Einen Kindergarten gibt es auch nicht im Wohngebiet Pandeon und ist im Postareal ebenfalls nicht vorgesehen.“ Außerdem würden schon jetzt ältere Menschen dort wohnen.

Ähnlich Dieter Maurmaier: „Wir verzichten kurzerhand auf eine ganze Menge Wohnungen, die wir dringend brauchen“, kritisierte der FDP-Fraktionsvorsitzende und sagte mit Blick auf den OB: „So stelle ich mir Beratungen nicht vor.“ Konter von Cohn: „Der Oberbürgermeister hat jederzeit das Recht, Beschlussvorschläge zu unterbreiten.“ Außerdem habe er, Cohn, die Varianten des Weiterplanens ja nicht abgewürgt.

Entscheidung ist noch offen

Angesichts des Hin und Her beantragte Axel Röckle, der Fraktionschef der Freien Wähler, eine Unterbrechung zur Beratung. Ergebnis: Der Gemeinderat will erst in einer der nächsten Sitzungen entscheiden.

Das Ringen um mehr Wohnraum am Engelberg-Hang währt schon lange. Dabei ist Konsens, dass Leonberg dringend Wohnraum benötigt. Das Bebauungsplanverfahren für den Unteren Schützenrain wurde im November 2019 gestartet. Es folgten zahlreiche Diskussionen, Gutachten wurden beauftragt, Bewohner der unmittelbaren Nachbarschaft in den Dialog mit aufgenommen.

Lage am Ortsrand und gute Erreichbarkeit

Was das Gebiet für die Stadtplaner so interessant macht, sind die Aspekte Lage am Ortsrand und die dennoch gute Erreichbarkeit des Stadtzentrums sowie die Anbindung an den Nahverkehr. Im Entwurf der Architekten sind zehn Reihenhäuser und zahlreichen Wohnungen mit insgesamt mehr als 3800 Quadratmetern Wohnfläche geplant, eine Kita und eine Seniorenwohngruppe. Die Neubauten sollen in hoch wärmegedämmter Holzhybridbauweise erstellt werden, die Dächer sind im Entwurf begrünt und teilweise mit Photovoltaik-Elementen versehen.

Kriterien für das Investorenauswahlverfahren waren ökologische, stadtklimatische, energetische und gestalterische Aspekte, Innovation und Zukunftsfähigkeit sowie die Schaffung und Integration bezahlbaren Wohnraums. Den Zuschlag hatte der Entwurf des Investors Weisenburger Projekt GmbH aus Karlsruhe und der Werkgemeinschaften HHK Architekten GmbH bekommen.

Verkehr würde sich durch die Kita verdoppeln

Die beiden Hauptargumente der unmittelbaren Anlieger gegen das Bauvorhaben sind die ökologisch wertvolle Landschaft und die Verkehrssituation. Der Untere Schützenrain kann nur von Süden her über die Stuttgarter Straße, Goethestraße und Unterer Schützenrain verkehrlich als Sackgasse erschlossen werden. Eine Erschließung von Norden her, also von der Feuerbacher Straße, lehnt das Regierungspräsidiums Stuttgart aus bau-, straßen- und verkehrsrechtlichen Gründen ab. Das geplante Erschließungskonzept wurde vom Planungsbüro Richter-Richard geprüft.

Anfang März wurde eine aktualisierte Verkehrszählung durchgeführt und die Planfälle „Wohngebiet mit Kita“ (514 Autos in 24 Stunden) und „Wohngebiet ohne Kita“ (263 Autos in 24 Stunden) prognostisch untersucht. Die Untersuchung ergab, dass sich die Verkehrszunahme durch die Kindertagesstätte in etwa verdoppeln würde. Aktuell sind 110 Fahrzeuge in dem bestehenden Wohngebiet unterwegs.

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