Kommentar zur Stadtentwicklung Stuttgart im Aufbruch

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Die B 14 wird zur Fußgängerzone und das künftige Stadtmuseum zur ersten Anschauung geöffnet: An diesem Wochenende machen Bürger und Politiker in Stuttgart gemeinsame Sache. Endlich, meint unser Lokalchef Holger Gayer.

Was für ein Ausblick – vom Wilhelmspalais zum Alten und Neuen Schloss. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Was für ein Ausblick – vom Wilhelmspalais zum Alten und Neuen Schloss. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Wer Beispiele für eine konstruktive Art von Stadtentwicklung sucht, sollte an diesem Wochenende viel Zeit in Stuttgart verbringen. Von Samstag an öffnet das umgebaute Wilhelmspalais seine Pforten; Bürgerinnen und Bürger können dort erkunden, wie ihr künftiges Stadtmuseum aussehen wird. Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um vorauszusehen, dass der Anblick des luftigen Interieurs viele Betrachter erfreuen wird. Einen Tag später will der Verein Aufbruch Stuttgart mit Moderator Wieland Backes und vielen namhaften Kulturschaffenden „eine Stadt in Bewegung“ versetzen. So lautet das Motto der Großveranstaltung, die als Demonstration angemeldet ist, weil sie gleich drei politische Ziele verfolgt: die Stadtautobahn zu eliminieren, die Kulturmeile erlebbar zu machen, den Menschen ihre Stadt zurückzugeben. Eine Nummer kleiner ging’s offenbar nicht.

Und das ist auch gut so, möchte man den früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, zitieren. Denn die Geschichte hat gezeigt, dass es bisweilen große Worte braucht, um wenigstens kleine Taten zu erzeugen. Insofern ist der Zusammenschluss der Intendanten, Architekten und Museumsdirektorinnen ein Segen für Stuttgart: Sie posaunen ihre Botschaft mit voller Lautstärke ins Rathaus und teilen so dem Oberbürgermeister und den Stadträten mit, dass es Zeit für Visionen ist.

Es liegt nicht so viel Staub im Rathaus wie manche glauben

Manche übersehen in ihrem Überschwang allerdings, dass sich Fritz Kuhn und sein Vorgänger Wolfgang Schuster nur bedingt als Ziele einer Generalabrechnung eignen. Es liegt nicht so viel Staub im Ratssaal wie manche, die jetzt zum Aufbruch blasen, glauben machen wollen. Gerade an diesem Wochenende darf man daran erinnern, dass es eine von Schuster eingesetzte Jury war, die 2009 den jetzt umgesetzten Entwurf zum Umbau des Wilhelmspalais ausgewählt hat. Es ist der aktuell gewählte Gemeinderat, der 30 Millionen Euro zur Sanierung der Wagenhallen bewilligt hat. Und es ist der heutige Oberbürgermeister, der im neuen Rosensteinviertel ein neues Konzerthaus und ein neues Linden-Museum bauen will. Man muss ihm dafür kein Denkmal errichten, zumal es dringend nötig wäre, der Idee endlich einen konkreten Plan folgen zu lassen. Aber ein piefiger Schnarchzapfen ist Kuhn auch nicht.

Seine Aufgabe ist es, eigene Ideen zu entwickeln (damit hat er kein Problem) und die Ideen anderer aufzunehmen (das fällt ihm deutlich schwerer). Aber er muss auch deren Machbarkeit prüfen. An der Verbannung des Verkehrs von der Kulturmeile haben sich in den vergangenen Jahrzehnten viele Visionäre versucht. Geschafft hat es keiner, weil die B 14 Teil des Cityrings ist und sich die Autos nicht einfach wegzaubern lassen. Und wie schnell manche Kulturanarchen ihre Überzeugungen über Bord werfen, zeigt das Beispiel derer, die in ihrem Widerstand gegen Stuttgart 21 den gefrevelten Denkmalschutz beim Bonatzschen Hauptbahnhof geißelten, nun aber bereit gewesen wären, das Königin-Katharina-Stift zu schleifen, um der Oper ein aus ihrer Sicht adäquates Ausweichquartier zu bauen. Solche Art von Doppelmoral bringt Stuttgart nicht weiter.

Die Bürgerbewegung zeitigt schon erste Erfolge

Was aber an diesem Wochenende – und hoffentlich darüber hinaus – passiert, ist ein erfreulicher Gleichklang von bürgerschaftlichem Engagement und kulturpolitischer Initiative. Diese sich gegenseitig befruchtende Gemeinschaft hat auch schon Wirkung gezeitigt: Ohne das Wissen um die Unterstützung vieler engagierter Bürgerinnen und Bürger hätten sich die Stadträte kaum getraut, die oberirdischen Parkplätze aus der City zu verbannen. Denn der Widerstand der Händler ist gewaltig. Doch wie lange noch? Der frühere Chef der City-Initiative, Hans H. Pfeifer, meint, dass viele Geschäftsleute schon weiter sind als ihre Lobbyisten. Manche sympathisieren sogar mit dem Verein Aufbruch.

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