Stadtführung in Bad Cannstatt Keine Angst vor dem Hallschlag

Von Ina Schäfer 

Christiane Scheuing-Barthelmess kennt sich im Hallschlag gut aus: Jahrelang hat sie in dem Cannstatter Stadtteil gelebt und sich in Archiven über das Gebiet schlau gemacht. Heute zeigt sie Interessierten den Hallschlag, so wie sie ihn sieht.

Christiane Scheuing-Barthelmess Foto: Martin Stollberg
Christiane Scheuing-Barthelmess Foto: Martin Stollberg

Bad Cannstatt - Christiane Scheuing-Barthelmess ist keine Historikerin. Trotzdem will sie es genau wissen. In Archiven, etwa im Stadtarchiv oder in historischen Büchern macht sie sich schlau über die Gegend, in der sie gerade wohnt. Bis vor einigen Jahren hat sie im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag gewohnt. Auch dort weiß sie Bescheid, über Ereignisse, die fünfzig oder weit mehr Jahre zurück liegen. In regelmäßigen Führungen, die sie im Frühjahr und Herbst anbietet, teilt sie ihr Wissen und zeigt den Hallschlag von einer ganz anderen Seite.

Ihr Stadtspaziergang steht unter dem Motto „Hallschlag – Henkersort oder Salzwüste“, knapp zehn Besucher sind an diesem Sonntagnachmittag gekommen, um mehr zu erfahren über diesen Stadtteil, der den meisten Stuttgartern lediglich als sozialer Brennpunkt bekannt ist. Scheuing-Barthelmess weiß das. „Einmal hat ein Paar aus Sillenbuch an meiner Führung teilgenommen“, sagt sie, „sie meinten, sie hätten sich alleine gar nicht hierher getraut.“

Menschheitsgeschichte und Einzelschicksale

Treffpunkt ist der Kiosk an der Haltestelle Rosensteinbrücke. Von dort aus streift die Gruppe nicht nur ein Stück Menschheitsgeschichte der vergangenen Jahre, sondern erfährt gleichzeitig, wie sich der Hallschlag in dieser Zeit Jahren verändert hat, denn Christiane Scheuing-Barthelmess arbeitet beim Verein Frauen helfen Frauen, der das Stuttgarter Frauenhaus betreibt. „Durch Sozialarbeit hat sich im Stadtteil in den vergangenen Jahren viel getan“, sagt sie und beginnt mit der Führung. Es geht vorbei am Kindertreff Kifu und weiter zur ersten Überraschung. Christiane Scheuing-Barthelmess führt die Besucher in einen Innenhof. Es ist das Anwesen von Jette Koch, der Großmutter Albert Einsteins. Weiter geht’s zur Altenburger Steige und über die Altenburger Staffel weiter in Richtung Römerkastell.

Die Gruppe folgt ihr in den Steigfriedhof. Im ältesten noch bestehenden Friedhof Stuttgarts liegen berühmte Stuttgarter begraben. Thaddäus Troll oder Pauline Zais, die Tochter des ersten Stuttgarter Fabrikanten. Vor dem jüdischen Friedhof erzählt Christiane Scheuing-Barthelmess vom jüdischen Leben in Cannstatt vor dem Holocaust. Sie erzählt von Dina Strauss, einer Unternehmerwitwe, die eine Stiftung gegründet habe, um bedürftigen Witwen zu helfen, gleich welcher Konfession diese angehört haben. Sie führt weiter in die Diskriminierungsgeschichte ein, erzählt von der Cannstatter Synagoge zwischen König-Karl-Straße und Waiblinger Straße, die während der Reichskristallnacht angezündet worden war.

Nächste Führung im Oktober

Danach geht es weiter an Christiane Scheuing-Barthelmess alter Wohnung vorbei, der McGee-Kaserne, in der sozial engagierte Menschen leben und von da aus zum „Herz des Hallschlags“ wie sie sagt, zum Hattinger Platz. Sie bedauert, dass es dort keine Bänke mehr gibt. Gegenüber des Platzes, in einem Gebäude, in dem heute ein Lebensmittelmarkt untergebracht ist, sei früher eine Metzgerei gewesen. Der Metzger habe sich stark sozial engagiert im Stadtteil, sich später aber umgebracht, sagt Christiane Scheuing-Barthelmess. Die Führung endet tief in der Vergangenheit – im Steinbruch, der wie man heute weiß, der Lagerplatz des Homo Erectus ist.

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