Anne Abelein führt Menschen dorthin, wo einmal die Größender Literaturgeschichte gelernt haben. Literaturhistorische Spuren hinterließ zum Beispiel Friedrich Schiller.

S-Mitte - Die Runde startet an der ehemaligen Wohnstätte Robert Musils an der Urbanstraße. Aus Langeweile begann Musil hier an seinem ersten Roman zu schreiben: „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, der fast jedem Schüler bekannt sein dürfte. Knapp ein Drittel des Romans entstand zwischen Oktober 1902 und April 1903 in Stuttgart, danach zog Musil nach Berlin. Zu erfahren ist derlei auf den Rundgängen von Anna Abelein. Sie begibt sich auf die Spuren, die Literaten in der Innenstadt hinterlassen haben. Davon gibt es reichlich.

Ein weiterer Ort von Bedeutung ist das Königin-Katharina-Stift, genannt auch Katzenstift. In der ehemaligen Eliteschule für höhere Töchter, die 1818 von Königin Katharina von Württemberg gegründet wurde, lehrte Eduard Mörike. Seine „Fräuleinslektionen“, Unterricht in deutscher Literatur, waren äußerst beliebt bei den Schülerinnen. In Stuttgart entstanden auch Mörikes letzte Prosawerke, wie „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“ und „Die Hand der Jezerte“. Mörike starb im Juni 1875 und ruht auf dem Pragfriedhof.

Große Augen in der Runde

Während Anna Abelein die nächste Station ansteuert, erzählt Volker Horn, Teilnehmer des Stadtspaziergangs, dass auch er bis 1958 Schüler des Katzenstifts war. Das führt zu großen Augen in der Runde. In den unteren Stockwerken war nämlich von 1951 bis 1958 das Dillmann-Realgymnasium für Jungen untergebracht, nachdem die Schule 1944 bei einer Bombennacht zerstört worden war. Volker Horn erinnert sich: „Wir durften nur getrennt in die Pausen gehen, erst die Jungs, dann die Mädchen.“ Der Kontakt zu den Schülerinnen sei strikt verboten gewesen, dennoch hätten manche seiner Klassenkameraden Erfolg gehabt, erzählt der ehemalige Schüler amüsiert – was immer „Erfolg“ heißen mag.

Literaturhistorische Spuren hinterließen Friedrich Schiller, Johann Christoph Friedrich Haug und auch Johann Heinrich Dannecker an der Hohen Carlsschule hinter dem Neuen Schloss. In der Nähe des Charlottenplatzes stand zudem das Wohnhaus von Ernst Eugen Freiherr von Hügel, wo Wilhelm Hauff als Hauslehrer beschäftigt war. Dort erzählte er seinen Zöglingen die Märchen, die ihn später berühmt machen sollten. Über den Schlossplatz vorbei am Kunstmuseum, das 2011 eine Rudolf-Steiner-Ausstellung zeigte, geht es weiter zur nächsten Station: dem ehemaligen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium.

Gedenktafeln erinnern daran, was früher einmal war

Auch das „Ebelu“ brachte viele berühmte Schriftsteller und Persönlichkeiten hervor, unter ihnen Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, Johann Friedrich Cotta, Eduard Mörike, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dessen Geburtsstätte lag nur ein paar Gehminuten von der Schule entfernt. Heute allerdings werden in dem Haus Steaks gebraten.

Im ehemaligen Friedrich-Eugens-Gymnasium, in dem Gustav Schwab lehrte und Ingenieure und Architekten gedrillt wurden, sind heute die Rockkonzerte des Jugendhauses zu hören. Wo einst das Gymnasium illustre stand, werden heute Markenklamotten verkauft. „Bedauerlich“, finden die Teilnehmer des Stadtspaziergangs, dass die historischen Gebäude modernen Betonklötzen weichen mussten. Einzig Gedenktafeln erinnern noch daran, was früher einmal war.

Doch nicht alles, was historisch ist, war gut: Gespannt lauschen die Teilnehmer den Ausführungen Anne Abeleins zu den Kuriositäten aus dem früheren Schulalltag. Die erste Schulstunde begann um sechs Uhr, nicht alle Klassenräume hatten Heizöfen, es war kalt und dunkel, zudem wurden die Schüler regelmäßig geschlagen, und es gab einen Sittenwächter. Nicht selten mussten die Schüler öffentliche Auspeitschungen und Hinrichtungen besuchen. „Das hinderte viele jedoch nicht daran, zu rebellieren“, sagte Abelein, die seit fünf Jahren Stadtführungen anbietet. Die Schüler ließen entgegen der Regeln ihre Haare lang wachsen und trugen französische Mäntel, waren aufmüpfig oder gelangweilt. Einiges wird sich wohl nie ändern, befinden die Teilnehmer am Ende des Stadtrundgangs.

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