Stadtgedächtnis Die Kinder und die Obdachlosen kannten sich hier aus

Von Harry Walter 

Sowohl stadteinwärts wie stadtauswärts existierten in diesem urbanen Dickicht unzählige Schleichwege, Verstecke und „Unorte“, die nur wir Kinder kannten. Eine bis Anfang der sechziger Jahre übrig gebliebene Ruine genau gegenüber den Hochhäusern bot gar einen unterirdischen Tunnel in Richtung Gleisfeld, der aber mitten unter der Straße unvermittelt ein Ende fand. In den Resten des ausgebombten Häuserblocks lag noch alles mögliche Zeugs aus der Kriegszeit herum: alte Schuhe, aufgerissene Koffer, Matratzen, ausgediente Brandbomben; ja selbst Geldscheine aus der Inflationszeit fanden sich noch zwischen den herabgestürzten Backsteinen.

Die unter erbärmlichen Bedingungen in den Kellerverschlägen dieser Ruine hausenden „Penner“ waren unsere einzigen Mitwisser. Denn niemand sonst interessierte sich für die Welt hinter dem „Betreten verboten“-Schild. Auf dem Grundstück dieser Ruine wurde dann in der ersten Hälfte der sechziger Jahre das sogenannte und noch heute existierende „Obdachlosenasyl“ eingerichtet, gegen den Widerstand evangelischer Kirchengemeinderäte und wohl der meisten Hochhausbewohner, die um den Ruf ihres Stadtteils fürchteten.

Aus dem Hofbräustüble wurde die Bar Z

Bis heute heißt das untere Stück der Nordbahnhofstraße „Galgenbuckel“. Dort an der Einbiegung zur Friedhofstraße hatten die Obdachlosen ihre Stammkneipe: eine Hofbräustüble genannte Bretterbude, die sozial und ästhetisch mehrfach umcodiert wurde, zuletzt noch als pinkfarbene Bar Z firmierte und schließlich wegen des Großprojekts Stuttgart 21 abgerissen wurde. Dort kamen auch die ersten Gastarbeiter in ihren abgewetzten Anzügen und mit verschnürten Pappkartons vorbei, um in einem schräg gegenüber der heutigen Gedenkstätte gelegenen Wohnheim unter­gebracht zu werden. Wir Kinder riefen ­ihnen „Spaghettifresser“ entgegen, weil es uns die Älteren so vormachten.

Von Anfang an zeichneten sowohl topografische wie soziale Verwerfungen diesen in seinen weiteren Umrissen Prag genannten Stadtteil aus. Dass Lenin, der beim Internationalen Sozialistenkongress von 1907 in Stuttgart weilte, sich – während der berühmten Fahrt im verplombten Eisenbahnabteil – an das „Prag-Wirtshaus“ erinnert haben soll, mag ein Hinweis darauf sein, dass diese Gegend einmal mit anderen Augen betrachtet wurde.




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