Stadtgedächtnis Zweckentfremdung von Modelleisenbahn-Zubehör

Von Harry Walter 

Wiewohl mein Vater der einzige Nichteisenbahner im Haus war, besaß er doch als einer der wenigen eine Modelleisenbahn, die wegen Platzmangels allerdings nur zu Weihnachten aufgebaut werden konnte. Während diese Anlagen anfangs noch eine heile Bergwelt vorspiegelten, dominierten auf ihr allmählich die Katastropheninszenierungen: entgleisende und vom Bahndamm herunterstürzende Züge, die von meinem Vater fotografisch festgehalten wurden, bisweilen senkrecht von oben; möglicherweise eine Reminiszenz an seine damals noch gar nicht so lange zurückliegende Funktion als Zerstörer und Aufklärer bei der Luftwaffe.

Aus unerfindlichen Gründen wollte er die Eisenbahn jedoch Anfang der sechziger Jahre nicht mehr aufbauen und betrachtete sie nun allabendlich im Abstellraum der Dreizimmerwohnung in ihrem verpackten Zustand wie eine Reliquie. Wir Kinder fanden das natürlich blöd. Doch eines Tages kam mein im neunten Stockwerk bahnseits wohnender Schulfreund auf eine geniale Idee, wie man sie vielleicht nur einmal im Leben hat: Warum erst eine Modelleisenbahnanlage aufbauen, wenn man eine solche praktisch direkt vor der Haustür hat! Man müsse nur den richtigen Abstand dazu gewinnen. Wir holten uns also heimlich einige Trafos und Weichenstellpulte aus dem Depot meines Vaters, nagelten alles auf ein Brett und stellten uns auf den bereits erwähnten Balkon, mit freiem Blick auf eine sich mehrfach durchkreuzende und untertunnelnde Gleislandschaft, deren Faszination nicht wenig damit zu tun hat, dass sie nichts beschönigt.

Was suchen die jungen Stuttgarter in Berlin?

Obwohl der tief ins Stadtinnere eindringende Gleiskörper seine eigenen Schönheiten aufweisen mag, ist er doch in erster ­Linie unverstellter Ausdruck technischer Raumbeherrschung, wie ihn nur das Industriezeitalter hervorbringen konnte. Man kann dieses Gleis- und Tunnelgebirge samt den an seinen Rändern auftretenden Bruchzonen durchaus als hässlich empfinden; die Frage wäre nur, warum etwas ungeschminkt Hässliches so oft attraktiver scheint als alles Zugedeckelte und Geglättete und was das mit Urbanität zu tun hat.

Ziehen nicht deshalb so viele jüngere Schwaben nach Berlin, weil sie dort etwas zu finden hoffen, was noch so heimelige Weindörfer nicht befriedigen können: den Geschmack am Disharmonischen und – so pervers es klingt – an den historischen Abgründen dieser Stadt? Oder warum spielt sich ein Großteil der hiesigen Clubszene gerade an einer der hässlichsten aller Stuttgarter Verkehrsadern, der Theodor-Heuss-Straße, ab? Könnte es sein, dass man sich auf diese Weise – wie ironisch auch immer – von den Fußgängerzonenidyllen der Eltern absetzen will? Und ist andererseits das unter Subversionsverdacht stehende Wagenhallengelände nicht längst zu einem Museum der Subkultur geworden, einer Location für „Tatort“-Regisseure und alle, die sich in einer langen Museumsnacht mal „das andere Stuttgart“ reinziehen wollen?




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