Stadtgedächtnis Allmachtsfantasien, die sich beim Blick von oben entwickeln

Von Harry Walter 

Was den Puls oder den Charme einer Stadt ausmacht, ist schwer zu beschreiben, noch schwerer ist, es zu planen. Möglicherweise hängt alles davon ab, wie viele Widersprüche in einer Stadt aufeinandertreffen und als etwas Produktives begriffen werden. Und da hat es eine reiche Stadt wie Stuttgart natürlich schwer, dem Slogan „arm, aber sexy“ etwas Zündendes entgegenzusetzen. Eine Stadt, die sich von ihren Höhen und Halbhöhen aus beständig selber betrachten kann, neigt sozusagen von Natur aus dazu, ihre Kessellage überzuinterpretieren, sie für etwas Gottgegebenes und Einhaltgebietendes zu halten. Die Angst vor Veränderung ist dabei jedoch nicht a priori größer als die Chance, das Privileg relativer Saturiertheit zu nutzen und den Kessel mal endlich zum Dampfen zu bringen. Denn nicht in Berlin sind Massen auf die Straßen gegangen, um sich gegen staatliche Bevormundung zur Wehr zu setzen, sondern in Stuttgart.

Zurück zu den Hochhäusern: in kurzer Zeit gelang es uns, den Bahnverkehr da unten als ein von uns da oben bewirktes Geschehen zu empfinden. Das Gefühl, mit der Hand am Trafo den tatsächlichen Geschehnissen nicht etwa nur zu folgen, sondern ihnen voraus zu sein und sie zu lenken, bedurfte lediglich einer kleinen Verschiebung der Selbstwahrnehmung. Die Verwechslung von Ursache und Wirkung ist einfacher, als man denkt, sie lässt sich üben. Pathologisch wird die Sache nur dann, wenn man aus diesem Spiel nicht mehr aussteigen kann und tatsächlich glaubt, die Wirklichkeit sei eine Modelleisenbahn.

Störfläche für städtebauliche Visionen

Allmachtsfantasien entstehen bekanntlich umso leichter, je weiter weg man sich vom eigentlichen Geschehen befindet. Mein Vater berichtete des Öfteren, wie sich von der Flugzeugkanzel aus die Welt in „eine Art Spielzeugwelt“ verwandelt hatte, in die hineinzubomben weit weniger Überwindung kostete, als etwa im Nahkampf mit dem Spaten einen feindlichen Schädel zu spalten. Der Blick von oben führt deshalb nicht selten zu berauschenden und gleichzeitig abstrakten Gefühlen. Manchmal genügt ein einziger Hubschrauberflug, um etwas an sich Funktionierendes plötzlich als Störfläche für städtebauliche Visionen zu empfinden. Sich auf Teufel komm raus und koste es, was es wolle, ein Denkmal zu setzen wäre das eine; ein Gespür für das Spezifische eines Ortes das andere.

Blickt man von einem der Hochhäuser ins Innere dieses Gevierts, erkennt man einen pavillonartigen Gebäudekomplex, der zur Hälfte aus Garagen und zur anderen Hälfte aus einer Waschküche samt Heißmangelstube besteht. Plus/minus 50 Meter liegt dieser Waschküchenbau ziemlich genau dort, wo der Jude Joseph Süß Oppenheimer, der Finanzberater und Geldbeschaffer des katholischen Herzogs Karl Alexander von Württemberg, vor 275 Jahren, am 4. Februar 1738, erwürgt wurde und in einem rot gestrichenen Käfig noch sechs Jahre lang zur Abschreckung aufgehängt war, bis dann auf Anordnung des Herzogs Carl Eugen seine wohl noch in den Kleidern hängenden Knochen am Fuße des Galgens verscharrt wurden. Der Hinrichtung ging ein langwieriger und perfider Schauprozess voran, mit dem sich die protestantischen Landstände nach dem plötzlichen Tod des ungeliebten Herzogs für die Beschneidung ihrer Privilegien rächen wollten. Zwölftausend Schaulustige sollen teils auf eigens errichteten Tribünen dem grausigen Schauspiel beigewohnt haben.Wer war „Jud Süß“ wirklich? Ein gerissener Geldeintreiber, ein Verführer, der – wie seine Henker meinten – den Herzog nur benutzte, um sich selber zu bereichern; oder war er im Gegenteil ein Freidenker, ein Kosmopolit, ein unerkannter Vorläufer der Moderne? Oder auf verwickelte Weise beides zugleich? Bis heute ist der historische Süß Oppenheimer bis zur Unkenntlichkeit überwuchert von den schon zu seinen Lebzeiten in denunziatorischen Flugblättern verbreiteten, später dann in Literatur und Film sowohl ins Negative wie ins Positive fortentwickelten Bildern.




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