In Mössingen fällt es bis heute nicht allen Bürgern leicht, sich mit dem Generalstreik vom 31. Januar 1933 gegen Hitler zu identifizieren.

Landespolitik: Michael Petersen (mip)

Mössingen - Das kleine Mössingen am Rande der Schwäbischen Alb zählte im Januar 1933 rund 4000 Einwohner. Immerhin 800 Arbeiter beteiligten sich am 31. Januar 1933 an einem Generalstreik gegen die Einsetzung von Adolf Hitler als Reichkanzler. Als „bedeutendstes Ereignis in der Stadtgeschichte Mössingens“ bezeichnet Hermann Berner diesen Streik. Der Mössinger Museumsleiter beschäftigt sich seit 27 Jahren mit dem Thema. „Wenn sich viele Arbeiter in ganz Deutschland an dem Generalstreik beteiligt hätten, hätte Hitler zu diesem frühen Zeitpunkt der Machtübernahme verhindert werden können“, ist Berner überzeugt und würdigt damit diesen „Widerstand von ganz unten“.

Allerdings wurde der Streikaufruf der KPD nirgendwo in Deutschland so befolgt wie in Mössingen. Berner sieht den Widerstand in einer Reihe mit den Hitler-Attentätern Graf Stauffenberg und Georg Elser. Letzterer wurde erst in jüngerer Zeit gewürdigt. Auch in Mössingen sind bis heute beileibe nicht alle der mittlerweile 20 000 Einwohner stolz auf die historisch einmalige Tat. Kritisiert wird der Hausfriedensbruch der Streikenden, die in Textilfabriken die Arbeit unterbrochen hätten. Auch die Forderungen der KPD nach der Errichtung eines Arbeiter-und-Bauern-Staates hindert einige Mössinger noch nach 80 Jahren daran, diesen Widerstand als Heldentat anzusehen. Berner widerspricht heftig: „Historisch zu bewerten ist alleine das, was diese Leute gemacht haben. Und das ist positiv.“

Berner zieht Gerichtsurteile von 1954 und 1955 heran. Die Richter stuften den Landfriedensbruch der Streikenden durchaus als Straftat ein. Allerdings sei durch das Hitlerregime eine Notstandslage eingetreten, die zu Eingriffen in das Rechtsgut anderer berechtigte. Eine Arbeiterrepublik sei zwar gefordert worden, doch sei dies mit dem Ziel, eine Hitlerregierung zu vermeiden, als ganz untergeordnet zu bewerten. Im letztinstanzlichen Urteil in Stuttgart wurde von einem „aus Überzeugung geleisteten Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft“ gesprochen, und der sei „ein Verdienst um das Wohl des deutschen Volkes“.

Ein Riss durch die Familien

In Mössingen wurde der Generalstreik über Jahrzehnte hinweg kaum erwähnt, allenfalls war verharmlosend von einem „Aufstand“ die Rede. In der Kleinstadt lebten Nazis und Nazigegner eng nebeneinander, Risse zogen sich durch Familien, um so mehr wurde das Thema vermieden.

Studie zum 5. Jahrestag

Zum 50. Jahrestag brachten Tübinger Kulturwissenschaftler den Mössinger Generalstreik in Erinnerung. „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ nannten sie eine in mehreren Jahren entstandene Arbeit, die im Rotbuch Verlag erschien. 1983 demonstrierten 15 000 Menschen in Mössingen gegen „Neofaschismus und neue Kriegstreiberei“, wie es hieß. „Lauter Studenten aus Tübingen“, sagten damals einige im Ort. Noch einmal 30 Jahre später sind Parallelen offensichtlich. Das längst vergriffene Buch zum Streik hat der Talheimer Verlag überarbeitet und neu herausgebracht. Es hat 360 Seiten und kostet 32 Euro. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und die Gewerkschaften haben für den 2. Februar 2013 zur Demonstration aufgerufen. Teilnehmer des Streiks werden – anders als 1983 – nicht mehr dabei sein können. Als letzter starb 2010 Jakob Textor, im Alter von 102 Jahren.

Warum wurde nur in Mssingen gestreikt?

Im Gemeinderat wurde kürzlich von den Freien Wählern eine neue Studie gefordert, die den Generalstreik „historisch prüfen soll“. Laut Berner sollte den Generalstreikteilnehmern „der Heiligenschein genommen“ werden und aufgezeigt werden, dass die KPD sowieso nur die Revolution im Sinn gehabt habe. Zeitzeugen können nicht mehr befragt werden, alle Quellen wurden schon 1983 aufgearbeitet, neue Fakten gebe es nicht, mit diesem Argument stoppte OB Michael Bulander den Vorschlag..

Warum wurde nur in Mössingen gestreikt und nicht in ganz Deutschland? Zumal laut Berner zumindest die Anführer des Streiks geahnt haben müssen, dass es sich um eine isolierte Aktion handelt. „Waren die Einwohner des Steinlachtals besonders naiv, schlecht informiert, oder wollten sie trotz aller für sie persönlichen Probleme ein Zeichen setzen“, fragt Berner. Seine Antwort: Irgendwie war alles zusammen der Fall. Die teils pietistisch, teils kommunistisch ausgerichteten Mössinger als evangelisches Eck im katholischen Oberamt hätten schon immer was gegen die Obrigkeit gehabt. Und schon immer waren sie gerne „vorne dran“ sagt Berner anerkennend von den „Mössinger Dickschädeln“.

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