Der Architekt Roland Ostertag präsentiert ein Konzept für Stuttgarts in den Untergrund verbannte Bäche und Kanäle. Sauberes Wasser soll wieder durch die Stadt plätschern.

Aus den Stadtteilen : Cedric Rehman (cr)

Stuttgart - Der Mann hat Visionen, aber zum Arzt will er deshalb nicht. Der Stuttgarter Architekt Roland Ostertag bezieht sich selbst auf Helmut Schmidts Credo für die Nüchternheit und erklärt im selben Moment, warum gerade mit ihr keine Zukunft für Stuttgart zu planen ist. „Wir brauchen endlich eine grundlegende Idee von unserer Stadt statt dieses ständige Arbeiten am Detail.“

Das Vorbild ist eher Bordeaux als Freiburg

Seine Sicht der Dinge legt der Erschaffer des Bosch-Areals und frühere Präsident der Bundesarchitektenkammer in einer Ausstellung in den Räumen der ehemaligen Sammlung Hugo Borst dar. Mit Hilfe von Schautafeln erklärt er sein Konzept, die unterirdisch geführten Gewässer Stuttgarts zum Teil wieder an die Oberfläche zu holen. Lediglich das Schmutzwasser soll wie bisher unter dem Boden fließen. Ostertag will sauberes Wasser dagegen in wenige Zentimeter tiefen Kanälen durch die Stadt leiten. Auch der Nesenbach soll weitestgehend offen geführt werden. Freiburg mit seinen berühmten „Bächle“ ist allerdings nicht das Vorbild, das ihm vorschwebt. „Ich denke eher an Bordeaux oder Lyon.“ Gerade Bordeaux, die Großstadt nahe der französischen Atlantikküste, habe in ihrem Stadtbild stark profitiert von Oberflächengewässern im Stadtgebiet. „Wer Bordeaux früher kannte und es heute sieht, erkennt den Unterschied“, sagt er.

Stuttgart soll dank der offenen Gewässer allerdings nicht nur an Charme und Atmosphäre hinzugewinnen. Ostertag spricht von einer notwendigen Rückkehr zu den Ursprüngen der Stadt. Einst sei Stuttgart von vielen Bächen und Brunnen geprägt gewesen, sagt der Architekt. Doch die wachsende menschliche Besiedlung habe die Gewässer in eine offene Kloake verwandelt, die buchstäblich zum Himmel stank. Besonders die Abfälle der Industrialisierung seinen zum Problem geworden, sagt Ostertag. „Deshalb haben die Menschen im 18. und 19. Jahrhundert begonnen, die Bäche zu überdecken und einzuwölben.“ Angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten sei dies inzwischen natürlich überflüssig, sagt Ostertag. Der Architekt widmet sich in seiner immer wieder überarbeiteten Ausstellung nicht nur den in den Untergrund verbannten Gewässern. Auch viele andere Aspekte der Stadtarchitektur Stuttgarts werden vorgestellt und auf Schautafeln diskutiert. So etwa der Verkehr. Ostertag macht keinen Hehl daraus, dass er schon immer ein Gegner eines Tiefbahnhofes für Stuttgart ist. Das Geld, das darin investiert werde, könnte unter anderem eben auch dazu genutzt werden, Stuttgart wieder zu einer Stadt mit vielen Gewässern zu machen, argumentiert er. Unter den Bedingungen von Stuttgart 21 seien seine Pläne zwar schwieriger umzusetzen. „Aber unmöglich wird selbst dadurch nichts.“