Die Finanzlage der Stadthalle Leonberg will sich einfach nicht bessern. Dem neuen Veranstaltungsmanager sind trotz vieler Ideen durch Corona die Hände gebunden.
Leonberg - Seit Nils Strassburg vor neun Monaten sein Amt als Veranstaltungsmanager der Stadt Leonberg angetreten hat, durchlebt er ein Wechselbad der Gefühle. Schon kurz nach seinem Start kam der erste Corona-Shutdown. Statt des von ihm angepeilten kulturellen Aufschwungs war Tristesse verordnet.
Das überaus erfolgreiche Sommerfestival Leonpalooza auf dem Bürgerplatz machte Hoffnungen auf bessere Zeiten. Doch im Herbst dann der nächste Tiefschlag: Die von Strassburg in der Stadthalle geplanten Konzerte mit Julia Neigel und dem Duo Graceland, zwei der Abräumer bei Leonpalooza, fielen ins Wasser.
Hauptgeschäft Seminare
Und dann das: „Seine“ Stadthalle ist eine stetige Verlustbringerin. Die Zahlen, die jetzt im städtischen Finanzausschuss vorgestellt wurden, bleiben der traurigen Negativtradition treu: Stets bewegen sich die Verluste in Richtung eine Million Euro.
Der einzige Trost für Nils Strassburg: Das Defizit von knapp 919 000 Euro stammt aus dem Jahre 2018, lange vor seiner Amtszeit. Die Bilanz des vergangenen Jahres ist gerade in Arbeit. Und was in diesem Jahr unter dem Strich steht, wird erst später ermittelt. Doch klar ist: Wenn pandemiebedingt keine erfolgreichen Veranstaltungen über die Bühne gehen können, ist keine Besserung in Sicht.
Dabei klingt die Detailbetrachtung, die Iris Neumann, die Leiterin des Rechnungsprüfungsamtes, und ihr Team vorgenommen haben, gar nicht so schlecht. Der Erlös aus dem Verkauf von Eintrittskarten für Kulturabende deckt mit rund 141 000 Euro beinahe die Aufwendungen für Gagen und Honorare (144 000 Euro). Auch konnten 2018 beim kleinen Kulturabonnement mit 16 Veranstaltungen einige Plätze mehr verkauft werden als im Vorjahr: 870 statt 862 im Jahr 2017.
Kongresse, Tagungen und Co. machen Hauptgeschäft aus
Das Hauptgeschäft für die Stadthalle liegt zumindest bisher aber nicht im Kultursektor, sondern bei Kongressen, Seminaren und Tagungen. Ein wichtiger Kunde ist dabei Bosch. Der Technologiekonzern, der in seiner Leonberger Niederlassung an der Zukunft des autonomen Fahrens arbeitet, hält im großen Saal der Stadthalle regelmäßig mehrtägige Workshops ab.
Zwar zeigen sich Bosch-Vertreter mit den Räumlichkeiten und auch der Verpflegung durch die Stadthallen-Gastronomie sehr zufrieden, doch dürften die Buchungen in drei bis vier Jahren zurückgehen. Wenn das erweiterte Entwicklungszentrum im Bereich Poststraße/Römerstraße vollendet ist, verfügt das Unternehmen über ein eigenes Atrium.
Nicht aufgestellt schlechter als Böblingen
Umso wichtiger ist es, das Angebot der Stadthalle zu erweitern. Der neue Chef hat viele Ideen, das Festival Leonpalooza, das im kommenden Sommer eine Neuauflage erleben soll,ist nur eine davon. Doch selbst wenn die Pandemie nicht mehr der große Hemmschuh sein sollte, gibt es einen anderen: der schlechte bauliche Zustand der Halle. Die rund 35 Jahre alte Haustechnik hat permanenten Reparaturbedarf. Die Stühle wurden erneuert, der Zustand der Toiletten ist ein Dauerthema.
Fast 65 000 Euro wurden 2018 für Instandsetzungen ausgegeben, knapp 15 000 Euro mehr als geplant. In den Folgejahren dürfte es kaum weniger werden. Trotzdem, das betont die Chefin des Rechnungsprüfungsamtes, wird in Leonberg nicht schlechter gewirtschaftet als in vergleichbaren Städten. Bei der Kongressgellschaft Böblingen-Sindelfingen etwa liegt das Jahresdefizit bei rund 1,4 Millionen Euro, Tendenz steigend.
So gibt es auch kaum einen kommunalen Veranstaltungsorganisator, der für sich in Anspruch nehmen könnte, ein breites Angebot kostendeckend zu betreiben; zumindest dann, wenn die Eintrittspreise nicht ins Uferlose steigen sollen.
Wie wäre es mit einer Kulturmeile?
Wege aus diesem Dilemma sucht nun eine Arbeitsgruppe, in der zwölf Stadträte und das Hallenmanagement sitzen. Lösungsvorschläge sind vorhanden: Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) schwebt ein Abriss und der Neubau eines völlig neuen Kongresszentrums vor, das von einem privaten Betreiber erfolgreich geführt werden könne.
Kurt Kindermann geht sogar noch weiter: Der FDP-Stadtrat hat eine Kulturmeile ins Gespräch gebracht, die bis zur Altstadt reichen könnte. Eine Idee, die auch der Baubürgermeister Klaus Brenner spannend findet. Doch bevor solche Visionen zum Tragen kommen, geht es zunächst um den Zustand der Stadthalle selbst: „Wenn wir jetzt nichts investieren, müssen wir sie beim kleinsten Schaden zumachen“, befürchtet nicht nur der Fraktionschef der Freien Wähler, Axel Röckle.