Stadtkind radelt: Enduro-Mountainbiker Fabian „Der Wald ist groß genug“

Sich in Stuttgart mit dem Rad fortzubewegen ist schon sehr mühsam, sagt Fabian Scholz. Foto: privat 3 Bilder
Sich in Stuttgart mit dem Rad fortzubewegen ist schon sehr mühsam, sagt Fabian Scholz. Foto: privat

Seit Mitte September steht fest: Der beste Enduro Mountainbiker kommt aus Stuttgart und heißt Fabian Scholz. Für unsere Serie "Stadtkind radelt" haben wir mit dem 29-jährigen Stuttgarter über seinen Sport, radeln im Kessel und den Reibungen im Wald zwischen Biker und Wanderern gesprochen.

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Stuttgart - Seit Mitte September steht fest: Der beste Enduro Mountainbiker kommt aus Stuttgart und heißt Fabian Scholz. Der 29-Jährige hat die sogenannte SRAM Enduro Series gewonnen. Radfahren ist für Fabian Hobby und Beruf in einem. Wenn er nicht trainiert oder Rennen fährt, arbeitet er als Design- und Entwicklungsingenieur bei einem Fahrradunternehmen. Im Rahmen unserer Serie „Stadtkind radelt“ sprachen wir mit Fabian über seinen Sport, Radeln im Kessel und die Reibungen im Wald zwischen Biker und Wanderern.
Zunächst: Was ist die Specialized SRAM Enduro Series?
Enduro ist eine relativ junge Disziplin im Mountainbike-Sport. Es ist quasi eine Mischung aus Downhill und Cross-Country. Man muss eine vorgegebene Strecke abfahren, die meist zwischen 30 und 50 km lang ist und zwischen 600 und 2500 Höhenmeter beinhaltet. Die Anstiege muss man im Gegensatz zum Downhill selbst erklimmen. Auf der Strecke gibt es dann meist fünf verschiedene, sogenannte Stages, die zum Großteil bergab gehen und auf denen die Zeit gestoppt wird. Wer dann insgesamt auf den fünf Stages am wenigsten Zeit gebraucht hat, hat gewonnen. Die Überführungsetappen zwischen den Stages sind entweder neutral oder man hat ein Zeitfenster zur Verfügung. Das Format ist vergleichbar mit Rally fahren im Motorsport. Die Specialized Sram Enduro Series ist die Deutsche Rennserie, einige Läufe finden aber auch im nahen Ausland wie Italien und Österreich statt. Die Serie besteht aus sechs Läufen mit einem Streichergebnis für die Gesamtwertung.
Auf was kommt es bei diesem Sport an?
Beim Enduro ist Konstanz ein wichtiger Faktor. Ist man auf einer Stage extrem schnell, stürzt man aber auf den anderen vier, ist man natürlich im Tagesergebnis nicht weit vorne. Es gilt also, seine Kräfte gut einzuteilen und auf jeder Stage schnelle Zeiten zu fahren.  Da die Rennen in verschiedenen Ländern stattfinden sind die Bedingungen natürlich auch sehr unterschiedlich. Am Gardasee ist es extrem steinig, in Willingen dafür fast nur erdig und wurzelig. Man muss also überall zurecht kommen und sich anpassen.
Und du bist jetzt sozusagen Deutscher Meister?
Der Titel ist hauptsächlich auf Deutschland bezogen, die Serie hat aber durch Ihre Austragungsorte einen internationalen Touch. Es gibt natürlich noch eine Europa- und auch eine Welt-Serie. Da ist das Niveau dann natürlich nochmal höher.
Du hast auch gewonnen, weil du als Ingenieur das „schnellste Bike“ gebaut hast. Was muss man sich darunter vorstellen? Ist die Leistung beim Radsport nicht immer noch mehr vom Fahrer und seinen Skills abhängig? Ist ein Fahrrad nicht irgendwann absolut zu Ende entwickelt?
Klar, der Fahrer macht den Hauptteil aus, also Skills und Fitness. Gerade die Fitness ist extrem wichtig, weil man auf der einen Seite extrem sprintstark sein muss, aber auch die nötige Ausdauer haben muss, um die ganze Strecke zu überwinden. Ein gutes Enduro Rad ist aber ebenso extrem wichtig. Ich fahre ein Focus SAM, mit 160mm Federweg vorne und hinten, Scheibenbremsen und einer absenkbaren Sattelstütze. Super wichtig sind auch die Reifen. Je nach Wetter und Terrain fahren wir verschiedene Profile und Gummimischungen. Da hat natürlich jeder seine eigenen Präferenzen. Mountainbikes sind heutzutage schon recht weit entwickelt, es gibt aber immer neue Trends oder Erfindungen, die das Fahren verbessern. Da passiert schon noch viel, allein die neuen E-Bikes fordern wieder neue Lösungen und Denkansätze.
Vom Sport zum Alltagsfortbewegungsmittel: Wir behandeln in die letzten Wochen unter dem Slogan „Stadtkind radelt“ das Thema "Fahrrad in Stuttgart". Wie empfindest du Fahrradfahren in Stuttgart.
Sich in Stuttgart mit dem Rad fortzubewegen ist schon sehr mühsam. Das liegt natürlich einerseits an der Topologie, andererseits aber auch daran, dass Stuttgart einfach eine Autostadt ist und keiner mit Radfahrern rechnet. Ich selbst erledige eigentlich alles mit dem Rad, habe aber auch schon einige haarige Situationen erlebt. Damit Stuttgart eine Fahrradstadt wird, muss noch einiges passieren.  Mountainbiken kann man in Stuttgart aber recht gut, wenn nicht gerade wieder Wege zugelegt oder von Waldarbeitern zerstört werden. Wir haben zwar keine richtigen Berge, aber man ist recht schnell aus der Stadt draußen und im Wald.
Du meinst wiederum, dass wegen der sogenannten Zwei-Meter-Regel legales Mountainbiken nicht möglich ist in Stuttgart und ganz Baden-Württemberg. Dafür sehe ich im Wald doch relativ viele Mountainbiker oder täuscht mich dieser Eindruck?
Das ist ja genau das Verrückte. Es gibt super viele Mountainbiker in und um Stuttgart, aber rein theoretisch ist es für uns nicht legal, schmälere Wege als zwei Meter zu benutzen. Diese sind per Gesetz nur Wanderern/Spaziergängern überlassen. Auf breiten Wegen macht ein Mountainbike aber keinen Sinn, besser gesagt auch überhaupt keinen Spaß. Im Raum Stuttgart und Baden Württemberg gibt es zudem ziemlich viele Radfirmen, die auch wirtschaftlich stark sind. Vor kurzem ist das Kippen der Zwei-Meter-Regel trotz knapp 60.000 Unterschriften gescheitert, für mich unverständlich.
Wird dagegen mit Druck vorgegangen, also z.B. mit Strafen etc? Kommt es zu Reibungen mit Spaziergängern?
Manche Förster lauern schon auf den Trails auf und versuchen einen zu erwischen. Meist haben wir aber nur mit „Selbstjustiz“ zu kämpfen, sprich Wanderer, die Wege mit Ästen zulegen und Waldarbeiter, die Stämme in die Wege reinlegen. Das ist natürlich ganz schön gefährlich, vor allem für ungeübte Mountainbiker. Es wurden auch schon Nagelbretter im Wald gefunden, da wird es dann natürlich schon richtig haarig für uns.  Durch das Abreisen oder Zulegen von Wegen entstehen wiederum wieder neue Wege. Wenn die bestehenden Wege einfach zugelassen würden, gäbe es mit Sicherheit weniger Konflikte. In Tirol oder anderen Regionen klappt das Trail Sharing von Wanderern und Bikern schließlich auch. Wieso also nicht in Stuttgart?
Wenn schon nicht die Zwei-Meter-Regel gekippt wird, was könnte man deiner Meinung nach tun, damit sich der Zustand verbessert?
Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass die Wege frei bleiben und man in Ruhe im Wald Mountainbiken kann. Vor allem auch, dass Wanderer Verständnis dafür haben, dass der Wald nicht nur für sie da ist. Wenn man sich gegenseitig respektiert, sollte der Wald eigentlich groß genug für alle sein.
Wo trainierst du eigentlich?
Da ich einen „normalen“ Job habe, trainiere ich die meiste Zeit in Stuttgart und kurve hier durch den Wald. Um mich auf die Rennen vorzubereiten, reise ich öfters nach Italien oder in andere Regionen mit richtigen Bergen. Ansonsten gehört aber auch der Gang ins Fitnessstudio oder auch mal eine Einheit auf dem Rennrad dazu.
Was steht 2014 noch an?
Dieses Wochenende findet das erste Mal die Deutsche Meisterschaft statt, das ist dann das letzte Rennen der Saison. Danach habe ich erst mal etwas radfrei, im November/Dezember geht dann aber die Vorbereitung für nächste Saison wieder los.
Mehr Informationen gibt es hier.

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