Stadtkind Stuttgart

Stadtkinder über ihre Stadt: Skater Phil Anderson „Stuttgart ist ein riesiger Skatespot“

Von Nina Dias da Silva 

Stuttgart, für immer erste Liebe? In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben - und was sie so richtig nervt. Heute mit Skater, Hausleiter vom Stuttpark und irgendwie auch ehrenamtlichem Pädagogen Phil Anderson.

Der Skater Phil Anderson wünscht sich für Stuttgart drei Dinge: Wasser, Miteinander und mehr Plätze zum Skaten. Foto: Erik Sturm 2 Bilder
Der Skater Phil Anderson wünscht sich für Stuttgart drei Dinge: Wasser, Miteinander und mehr Plätze zum Skaten. Foto: Erik Sturm

Stuttgart - Seit 18 Jahren hat Phil Anderson einen treuen Begleiter: das Skateboard. Ob auf dem Board, als Ansprechperson im Stuttpark oder durch die Verbundenheit zu Skatern auf der ganzen Welt – Skaten ist für den Stuttgarter mehr als ein Sport auf vier Rollen.

„Skateboarding ist eines der schönsten sozialen Auffangbecken, die es gibt“, sagt Phil überzeugt. Denn beim Skaten seien Herkunft und Alter Nebensache. Und so kommt es auch, dass in der Stuttgarter Skatehalle Stuttpark, die direkt am Cannstatter Bahnhof und neben dem Club Cann gelegen ist, Menschen von fünf bis vierzig Jahren auf den Brettern stehen. Vom Anwalt, der nach Feierabend ein bisschen abschalten will bis hin zum Nachwuchs-Skater, der sich gegen den Fußballverein und für einen Skatekurs entschieden hat  – in dieser Halle ist jeder willkommen.

Die Stadt ist ein riesiger Spielplatz

Als der Stuttpark in der Planung stand, wurde Phil von den Machern gefragt, ob er als Hausleiter arbeiten möchte. Natürlich wollte er. Wieso? „Für uns war es eine coole Chance, hier in Stuttgart mit den finanziellen Möglichkeiten der Stadt und der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft etwas zu machen, zu bewegen und Projekte umzusetzen.“

Der Name Stuttpark würdigt die Stadt als Skateparadies. Ein Skatevideo, das vor einigen Jahren von Thorsten Frank und Michael Rathgeb gefilmt wurde, trägt diesen Namen. Als ein Name für die neue Halle gesucht wurde, war Stuttpark der treffendste, auch in Anlehnung an den Clip von damals. Durch Kessellage und Architektur gibt es auf engem Raum unzählige Möglichkeiten, „deswegen ist die ganze Stadt ein riesiger Spielplatz für uns“, schließt Phil.

Die Erfahrenen helfen den Anfängern

Phil stand mit elf Jahren das erste Mal auf einem Skateboard. Damals noch mit Inlinern unterwegs, kam er in einem Skatepark in Böblingen mit Skatern ins Gespräch und durfte sich mit dem Brett ausprobieren. Der Funke war schnell übergesprungen und bis heute ist das Feuer nicht erloschen. Kurze Zeit später ist er das erste Mal alleine nach Stuttgart gekommen – um in der legendären Gaskammer am Schlossplatz zu fahren. Damals wie heute das gleiche Spiel: als Skater bist du nicht lange allein - die Erfahrenen helfen den Anfängern. So hat er es vor 18 Jahren erlebt, so wird es auch weiter getragen.

In Stuttgart lernt er auch Thorsten Frank kennen – lange Zeit sein Mentor, heute ein guter Freund. Thorsten sucht ein paar junge Skater für ein Skatevideo für 4Kids TV, ein ehemaliger Onlinesender für Kinder. Damit ist der Grundstein für Phils Karriere gelegt. Es folgen weitere Videos, Wettbewerbe, Interviews in Fachmagazinen und Sponsorings von großen Marken. Phil erzielt eine beeindruckende Reichweite, damals noch ganz ohne Social Media. „Es war immer noch der gleiche Spieltrieb, aber es ist alles wichtiger geworden für mich.“

Auch heute noch ist Phil als professioneller und international bekannter Skateboarder aktiv, unter anderem als Teamfahrer für Arrow & Beast und Adidas. Seit zwei Jahren schon kann er allerdings nicht mehr richtig fahren, eine Verletzung, die einen langen Rattenschwanz nach sich zieht. In Skaterzeit eine Ewigkeit, hat er früher acht Stunden am Tag trainiert. Jetzt arbeitet er daran, bald wieder voll einsteigen zu können.

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Als ich das erste Mal mit meinem Skateboard nach Stuttgart gekommen bin und in der Gaskammer war. Da waren Sprüher, Skater, Rapper, Breakdancer, BMXer, Rollschuhfahrer – da waren einfach alle vertreten.

Deine Hood ist … Ich mag Stuttgart-West und Stuttgart-Süd. Außerdem schau ich immer wieder gerne im Arrow & Beast an der Tübinger Straße vorbei und besuche die Jungs.

Wo ist Stuttgart am schönsten? Ich bin ganz gerne im Kursaal Bad Cannstatt, dort gefallen mir die Stimmung und die Atmosphäre. Es ist ein Ruheort, an dem ich gut entspannen kann. Außerdem treffen hier Jung und Alt zusammen.

Wo ist Stuttgart am hässlichsten? Der Cannstatter Bahnhof ist ein hässlicher Ort.

Stuttgart fehlt … Wasser. In Form von einem Badesee, was auch beinhaltet, dass man dort zusammen kommt. Ein Ort, an dem alles aufeinander trifft. Wie der Schlossplatz damals, wo die Subkultur der Gaskammer direkt neben dem Mövenpick war.

Was würdest du an Stuttgart ändern, wenn du Oberbürgermeister wärst? Ich würde mehr skateable sculptures bauen.

Dein liebster Skatespot? Für mich ist Stuttgart ein riesiger Skatespot. Hier gibt es so viele Möglichkeiten.

Seit wann wohnst du hier? Seit ich 14 bin wohne ich hier, damals in der WG von Thorsten und Co. Meine Mutter hatte den Jungs sogar eine Vollmacht ausgestellt, damit wir filmen gehen konnten. Sie hatte ein unfassbar großes Vertrauen in mich und in die Jungs, das war immens wichtig. Sie haben sich dafür aber auch darum gekümmert, dass meine Hausaufgaben erledigt wurden. Meine erste eigene Wohnung hatte ich mit 18.

Welchen Skateshop vermisst du am meisten? Die Skatebox, der erste Skateshop in Stuttgart von Martin Grüb. Wenn du zu ihm in den Laden gegangen bist, hast du immer ein Stück Skateboardgeschichte mitbekommen.

Wie verbringst du dein perfektes Wochenende in der Stadt? Cappuccino trinken gehen beim Misch Misch und Michi besuchen, bisschen spazieren gehen, Freunde treffen, sich austauschen, ins Schwimmbad gehen. Einfach in den Tag hinein leben. Feiern gehen ist für mich nicht das perfekte Wochenende. Feiern bedeutet danach ein oder zwei Tage im Eimer zu sein...

Dein absoluter Geheimtipp? Das Café Stöckle, da gibt es den besten schwäbischen Apfelkuchen.

Kannst du dir ein Leben ohne Skaten vorstellen? Ich kann mir ein Leben ohne Skateboard schon vorstellen. Aber durchs Skaten habe ich so viele andere schöne Dinge kennen gelernt. Alleine mit anderen Menschen zu reden, die genau so eine Leidenschaft für etwas hegen. Ich fahre jetzt seit 18 Jahren Skateboard und wahrscheinlich wird es ein Leben ohne Skateboarding für mich nicht geben. Ich sehe Stuttgart auch mit anderen Augen: Wenn ich durch die Stadt laufe, sehe ich Spots, die man skaten kann.

Was ist dir im Leben wichtig? Gesundheit und dass es meinen Mitmenschen gut geht. Denn Gesundheit ist die Basis und alles andere passiert.

Welche Auswirkungen hat der Stuttpark auf die hiesige Szene? In der alten Halle hat es teilweise von der Decke getropft, es gab keine sanitären Anlagen und das Haus war einfach zum Abriss bereit. Die Eltern haben ihre Kids nicht gerne hingeschickt, auch weil die Halle im Industriegebiet war. Jetzt haben wir einen sicheren Ort zum Fahren. Die Kids finden auch außerhalb der Kurszeiten immer jemanden, mit dem sie sich austauschen können. Für die erfahrenen Skateboarder haben wir außerdem einen neuen Park kreiert, der sich mit der Welt messen kann. Hier fließen Elemente aus der gesamten Welt ein, plus die Hommage an die Stuttgarter Red Banks. Hier ist es egal, wie dein familiärer Background ist oder ob du zwölf bist oder 38, alles passiert generationsübergreifend.