Stadtkirche Vaihingen/Enz Verstümmelte Orgel wird zum Riesenprojekt

Von  

Billigmaterialien, schwere Bespielbarkeit, ständige Bruchgefahr: die Orgel in der Vaihinger Stadtkirche ist kaum noch benutzbar. Mit 800 000 Euro Kosten ist die Sanierung wohl eines der derzeit teuersten und ambitioniertesten Vorhaben seiner Art im Großraum Stuttgart.

Kein Kinderspiel: seit Jahren kämpft der Kantor Hansjörg Fröschle mit den technischen Tücken der Stadtkirchenorgel. Foto: factum/Granville
Kein Kinderspiel: seit Jahren kämpft der Kantor Hansjörg Fröschle mit den technischen Tücken der Stadtkirchenorgel. Foto: factum/Granville

Vaihingen/Enz - Man stelle sich das mal vor: Gottesdienst an Heiligabend in der rappelvollen Vaihinger Stadtkirche. Doch die Königin der Weihnachtslieder klingt in der Orgelbegleitung verstümmelt, etwa wie „Stille . . ., Heilige . . .“. Wo ist der jeweils vierte Ton geblieben? Verschwunden! Abgebrochen, weil ein Plastikzug im Inneren der Orgel gebrochen ist. Peinlich, peinlich, und gar nicht weihnachtlich.

Diese Schmach ist dem Vaihinger Kantor Hansjörg Fröschle nur mit Glück erspart geblieben. Kurz vor einem Gottesdienst in der Weihnachtszeit 2014 ist eine Halterung im Wellenbrett der Orgel gebrochen. Fröschle reagierte und rückte mit Sekundenkleber an. Er ist sich sicher: „So etwas kann im Grunde ständig passieren.“ Die Demonstration der technischen Mängel seines Instruments fällt auch für den Laien beeindruckend aus.

Klappern übertönt fast den Orgelklang

Fröschle öffnet zwei Türen hinter dem imposanten Orgelprospekt. Myriaden von Leitungen, Klappen und Zügen sind zu sehen. Der Kantor beginnt mit einem Präludium. Die imposanten Töne der Orgel werden übertönt: Es klappert und scheppert, Leitungen, die Pfeifenklappen präzise öffnen und schließen sollen, wackeln bedrohlich, als wären es Gitarrensaiten. „Das darf eigentlich nicht sein“, beklagt Fröschle.

Schon sein Vorgänger, der Lehrer und Organist Egon Häfner, sei „todunglücklich über dieses Instrument“ gewesen. Im vergangenen Jahr wagte Fröschle den Schritt: Er holte einen Fachmann, der das Instrument inspizierte. Dessen Fazit war für die Kirchengemeinde nicht überraschend, aber dennoch schockierend: Die Orgel muss im Inneren komplett saniert werden, „technischer Neubau“ lautet der Fachbegriff. Die Finanzprognose war nicht weniger ernüchternd. Rund 800 000 Euro werden für die Arbeit fällig.

„Es gibt nur Steuergeld für die Hülle“

Jetzt steht die evangelische Kirchengemeinde vor einem doppelten Problem. Sie muss den Innenraum der Kirche sanieren – ebenfalls ein sechsstelliges Projekt. Im Gegensatz zu diesem Vorhaben kann die Gemeinde bei der Orgelsanierung jedoch auf keinerlei Geld aus dem derzeit gut gefüllten Topf der Kirchensteuer hoffen. „Es wird nur noch Geld für das Gebäude selbst, also die Hülle, bezahlt“, erklärt Fröschle.

800 000 Euro, allein aus Spendenmitteln – das Projekt dürfte eines der ambitioniertesten seiner Art im Kreis sein. Um nicht die Flinte ins Korn werfen zu müssen, entschloss sich der jüngst gegründete Förderkreis, das Vorhaben zu stückeln. Bis Weihnachten 2017 will die Gemeinde rund 300 000 Euro zusammenbekommen, damit überhaupt ein genaueres Gutachten in Auftrag gegeben werden kann.

Ausgerechnet die Firma Walcker!

Ausgerechnet der klangvolle Name Walcker steht im Zentrum des Vaihinger Problems. Der einst weltweit renommierte Orgelbaubetrieb, dessen Gründer auch Namenspate für die bekannte Ludwigsburger Orgelbauschule ist, wurde 1968 mit der Sanierung der Vaihinger Orgel betraut. „Damals war das Unternehmen aber auf dem absteigenden Ast“, erläutert Hansjörg Fröschle. Fachleute hätten den Betriebsleiter darauf hingewiesen, dass mit den verwendeten Materialien, darunter reichlich Plastik und Sperrholz, das Instrument praktisch nicht mehr richtig zu stimmen sei. „Es ist mir egal, ob das Instrument hinterher reguliert werden kann“, soll er damals gesagt haben.

Die Folgen können Orgelfreunden wie Hansjörg Fröschle die Tränen in die Augen treiben. Selbst bei der Windlade, die den Luftausstoß in die Pfeifen und damit die saubere Tonbildung reguliert, wurde billiges Sperrholz verwendet. „Es wurde damals gespart, wo es nur ging“, klagt Fröschle, „und wir haben jetzt den Salat.“ Das Rückpositiv – rund ein Drittel der etwa 2500 Pfeifen befindet sich hinter dem Organisten – ist während der Heizperiode nicht nutzbar. Wegen der Umluftheizung würden die Töne eiernd „wie bei einer Jahrmarktorgel“ klingen, sagt Fröschle.

Die Orgelretter bleiben optimistisch

Optimistisch sind die Orgelretter trotz allem. Immerhin seien im ersten halben Jahr bereits mehr als 50 000 Euro gespendet worden. Weitere Ideen hat die Gruppe, in der auch eine Profi-Fundraiserin mitarbeitet, bereits im Köcher. Es soll Pfeifenpatenschaften geben (rund 5000 Euro werden für die großen Pfeifen fällig), ein Orgelweltrekord mit drei Tagen Dauer­spielen wird angepeilt, eine Benefiz-CD ist geplant. „Das Projekt ist ambitioniert, aber machbar“, glaubt der Vaihinger Kantor und hofft: „Wenn es am Ende nicht ganz reicht, erbarmt sich vielleicht noch jemand.“




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie