Stadtklimatologe zum Unwetter „Stuttgart kämpft schon ohne Klimawandel“
Die Stadt ist wegen der Kessellage für Extremwetterlagen besonders anfällig. Der Stadtklimatologe Rainer Kapp fordert mehr offene Böden – und weniger Verkehrsflächen.
Die Stadt ist wegen der Kessellage für Extremwetterlagen besonders anfällig. Der Stadtklimatologe Rainer Kapp fordert mehr offene Böden – und weniger Verkehrsflächen.
Stuttgart – - Hätte man Stuttgart aus heutiger Sicht in dieser Talsohle überhaupt bauen dürfen? Ein Gespräch mit dem Stuttgarter Stadtklimatologen Rainer Kapp (54). Der gebürtige Stuttgarter leitet seit Februar 2018 die Abteilung Stadtklimatologie im Amt für Umweltschutz.
Herr Kapp, hat Sie die Stärke des Unwetters in Stuttgart überrascht?
Dass es passieren würde, war klar, aber nicht wann und lokal in welcher Stärke. Wir kennen die Gefahrenpunkte in der Stadt – das sind oft Geländesenkungen wie Unterführungen innerhalb des Talkessels –, aber nicht jede Senke ist ein kritischer Punkt. Es kommt darauf an, wie viel Wasser das Kanalsystem und der Boden jeweils aufnehmen können. Wir können nicht lokal warnen. Man steht dann machtlos daneben, es bleibt nur noch die Reaktion mit den entsprechenden Einsatzkräften.
Drohen Unwetter-Albträume wie in Braunsbach, wo ganze Häuser weggespült wurden?
Das droht in Stuttgart in der Form zunächst nicht. Auch vom Neckar geht im Moment noch keine Gefahr aus, auch nicht bei Extremniederschlägen. Aber klar ist: Wir werden es künftig sehr viel häufiger mit Unwettern dieser Art zu tun haben.
Was unternimmt die Stadt, um die Gefahrenpunkte zu entschärfen?
Aktuell arbeiten wir an einer Starkregen-Gefahrenkarte für die Region Stuttgart, um die Fließwege, die Stärke des Wasserflusses und mögliche Stauhöhen zu erkennen. Es gibt viele Stellen, die man gut und schnell entschärfen könnte, aber die muss man erst kleinräumig identifizieren. Das Projekt läuft noch zwei Jahre. Ich erwarte in etwa einem Jahr erste Ergebnisse.
Dann wird vermutlich nicht sofort städteplanerisch reagiert ...
Das ist eine echte Zukunftsaufgabe, die uns die nächsten Jahrzehnte beschäftigen wird. Wir brauchen mehr Regenrückhaltebecken, in Einzelfällen ist das Kanalsystem überfordert, wie man gesehen hat. Wir versiegeln immer mehr Flächen und produzieren immer mehr Abwasser – da muten wir dem System zu viel zu. Aber wir können nicht alle Probleme bautechnisch lösen, die Verbreiterung des Kanalnetzes ist sehr kostenintensiv, da kommt man aus dem Buddeln nicht mehr raus. Wir müssen das Thema Versiegelung/Entsiegelung der Böden ernster nehmen. Wir brauchen mehr offene Böden, um die Natürlichkeit des Wasserkreislaufes wieder herzustellen. Man hätte schon vor zehn Jahren damit beginnen können, Anpassungen an die Folgen des Klimawandels vorzunehmen.
Reagiert Stuttgart zu spät – auch mit Blick auf die topografische Lage und die Debatte über die Nachverdichtung?
Es gibt Städte, die da schneller vorankommen, konsequenter und zielgerichteter vorgehen. Aber wir haben wenig freie Flächen und können nur mit Puffern an ganz vielen Stellen für eine gewisse Entlastung sorgen – etwa an den Wagenhallen, wo Wasser vom Dach und Grauwasser gesammelt werden, um damit die Fassadenbegrünung zu bewässern. Auch Dachbegrünungen mit einer gewissen Substrathöhe verlangsamen den Wasserfluss. Da müssen auch Privatleute reagieren. Im Moment liegen die versiegelten Flächen wie eine Folie über der Stadt, das Wasser steht an der Oberfläche oder geht ins Kanalsystem. Häufig hat die starke Versiegelung mit dem Verkehr zu tun, man müsste weniger Platz für Verkehrsspuren und Stellflächen zur Verfügung stellen, um zusätzliche wasserdurchlässige Flächen zu schaffen. Da tut man sich in Stuttgart schwer.
Wie verschärft die zunehmende Hitze die Lage?
Wenn die Zahl der Hitzetage und der tropischen Nächte zunimmt, führen die Lufttemperaturen zu mehr Wasserdampfgehalt und zu mehr lokalen Gewittern. Wir versuchen, kleinere kühlere Bereiche zu schaffen und dürfen die Kaltluftschneisen auf keinen Fall abriegeln. So könnte man eine massive Aufrüstung mit Klimaanlagen etwas verhindern, die die Umgebung nur weiter aufheizen würden.
Hätte man Stuttgart aus heutiger Sicht in dieser Talsohle überhaupt bauen dürfen?
Für eine Stadt, die sich noch weiterentwickeln will, ist der Standort eher ungünstig. Stuttgart muss schon ohne Klimawandel kämpfen. Wenn wir da noch was draufsatteln – Stichwort Nachverdichtung –, wird das den städtischen Wärmespeicher immer weiter auffüllen. Ich habe erheblichen Zweifel, dass wir den Klimawandelanteil ausgleichen können.