Stadtkolumne für Stuttgart Der Körper als Kathedrale

Die Leiden Christi: Glaubenbekenntnis auf dem Oberarm. Foto: imago/Patrick Herzfeld
Die Leiden Christi: Glaubenbekenntnis auf dem Oberarm. Foto: imago/Patrick Herzfeld

Sind Tätowierungen unchristlich? Das fragt sich unser Kolumnist Peter Stolterfoht. Eine fundierte Antwort erhält er in Stuttgart – und die lautet: Im Gegenteil!

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)
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Stuttgart - Im sehr katholischen Sion hat die Menschen unlängst eine Glaubensfrage intensiv beschäftigt. In der Hauptstadt des Schweizer Kantons Wallis gab ein Priester im Religionsunterricht zehn- und elfjährigen Schülern und Schülerinnen mit auf den Weg, dass Tätowierungen Teufelszeug und gotteslästerlich seien. Die Kinder berichteten offenbar einigermaßen verstört ihren Eltern von den Ausführungen, die sich daraufhin beschwerten. Das Bistum Sitten reagierte und suspendierte den Geistlichen nach dessen Kreuzzug gegen die Tätowierungen vom Schuldienst. Diese Maßnahme wiederum hat dann auch ihre Kritiker gefunden. Womit über Sion weiter die große Frage schwebt: sind Tätowierungen mit dem christlichen Glauben vereinbar?

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Die Antwort darauf kommt interessanterweise aus Stuttgart-Süd, genauer gesagt aus dem Tattoostudio Mommy I’m Sorry in der Tübinger Straße. Und sie lautet: Christlicher Glaube und Tätowierungen vertragen sich ganz hervorragend. Dabei handelt es sich um eine echte Expertenaussage, schließlich ist Mommy I’m Sorry–Miteigentümer Silas Becks gleichzeitig auch Gründer des katholischen Bildungsverbands für Tätowierer, der Societas Indelebilis. Der Begriff Charakter Indelebilis steht in der Sakramentenlehre für ein unauslöschliches Merkmal.

Bildungsverband kämpft mit der Nadel gegen Vorurteile

Der Expertenverband, zu dem neben Silas Becks auch der Theologe und Schriftsteller Paul-Henri Campbell gehört, schrieb dem Generalvikar in Sion mit der Absicht, Vorurteile auszuräumen, und gab ihm gleichzeitig auch Argumentationshilfen an die Hand. Dabei ging es unter anderem um die Jahrhunderte alte Tradition der Jerusalemer Pilgertätowierung, die auch noch heute praktiziert wird. Es gibt außerdem im Neuen Testament einen Hinweis darauf, dass der Apostel Paulus tätowiert war. Im Brief an die Galater heißt es: „Ich trage die Leidenszeichen Jesu an meinem Leib.“ Paul-Henri Campbell führt dazu aus, dass das griechische Wort Stigma wörtlich übersetzt Stichmal lautet. Angeführt werden auch tätowierte Mystiker des Mittelalters sowie Christen in Ägypten, Syrien und Eritrea.

In Frankfurt zeigt sich die Kirche aufgeschlossen

In Stuttgart klappt das Zusammenspiel zwischen katholischer Kirche und christlicher Tätowierkunst trotz des hier ansässigen Expertenverbands nicht reibungslos. So wollte Silas Becks in der Reihe „Die Kirche als. . .“ in seiner Gemeinde St. Maria religiöse Tattoos stechen. Eine Gegendemonstration durchkreuzte diesen Plan. „Das waren alles Leute, die ich noch nie in unserer Kirche gesehen habe“, sagt Becks, der sich selbst als „konservativsten Tätowierer“ bezeichnet. Der weicht nun nach Frankfurt aus, wo er am 21. und 22. Oktober im Seitenschiff der Liebfrauenkirche christliche Motive sticht.

„Es gibt doch kein größeres Glaubensbekenntnis als eine christliche Tätowierung“, sagt Silas Becks. Wer mit Bibel und Rosenkranz in die Kirche gehe, könne diese Zeichen jederzeit ablegen. Wer sich so etwas aber eintätowieren lasse, der habe eine unauslöschliche Entscheidung getroffen, sagt Silas Becks: „Und das verdient Respekt.“ So wie der katholische Geistliche, der Stammkunde bei ihm ist.




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