Frau Loidl, was macht eine Stadtplanerin?
Ich beschäftige mich unter anderem mit der Transformation der Stadt. Dabei geht es darum, wie eine Stadtentwicklung – innerhalb unserer planetaren Grenzen und neben all den ökologischen Aspekten – sozial gerecht sein kann. Also wie können Stadt- und Wohnräume sozial gerecht sein und trotzdem wirtschaftlich funktionieren? Wie können wir Orte in einer Stadt schaffen, zu denen alle Teile der Gesellschaft einen Zugang haben, sich aufhalten können? Wie wohnen wir? Wie konsumieren wir? Wie arbeiten wir? Das Thema Stadt ist im Endeffekt unser ganzes Leben.
Eine Thematik der Stadt ist die Gentrifizierung. Wie definieren Sie diesen Begriff?
Für mich kann Gentrifizierung sehr vieles bedeuten. Gentrifizierung kann etwas sehr temporäres sein, es kann aber auch etwas Langfristiges oder auch etwas Gebautes sein. Bei mir beginnt die Gentrifizierung im öffentlichen Raum durch Verdrängung, zum Beispiel temporär durch Weihnachtsmärkte oder Festivals oder langfristig durch defensive Architektur. Also immer dann, wenn die Öffentlichkeit durch verschiedene Gegebenheiten einen eigentlich öffentlichen Platz nicht mehr nutzen kann.
Es gibt aber auch strukturelle Faktoren. Das Privatisieren des öffentlichen Raums in der Stadt passiert zum Beispiel seit vielen Jahren. So sind Fußgängerzonen oder viele andere Orte immer direkt an den Konsum geknüpft. Dadurch entstehen Prozesse, die dazu führen, dass Menschen mit geringem Einkommen, wenig Geld oder wenig Möglichkeiten von diesen Orten ausgeschlossen werden.
Wo in Stuttgart nehmen Sie solche Prozesse wahr?
In Stuttgart kann man die Gentrifizierung unter anderem in mehreren langfristigen Prozessen beobachten. Zum Beispiel sorgen Entwicklungsmaßnahmen im öffentlichen Raum, wie am Marienplatz oder in der Tübinger Straße im Stuttgarter Süden, für eine große städtebauliche Aufwertung, sodass angrenzende Gebiete dadurch attraktiver werden und dort automatisch die Mieten steigen. Und das führt wiederum dazu, dass Menschen, die sich diese Mieten nicht mehr leisten können, aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld verdrängt werden, an diesen Orten nicht mehr leben können. Das führt wiederum dazu, dass verschiede Gesellschaftsgruppen in Stuttgart gar nicht mehr miteinander in Berührung kommen.
Ist eine Aufwertung der Orte also schlecht?
Nein! Es ist wichtig, dass öffentliche Räume einer Stadt aufgewertet werden. Man muss sich aber dabei immer fragen, welche Entwicklungen und Folgen das alles hat. Das sieht man zum Beispiel im Stuttgarter Süden oder auch rund um das Dorotheen Quartier, dessen Aufwertung zukünftig Auswirkungen auf das benachbarte Leonhardsviertel haben kann. Da auch die angrenzende B14 in den nächsten Jahrzehnten transformiert werden soll, wird sich in den kommenden Jahren dann zum Beispiel die Frage stellen, wer dann noch im Leonhardsviertel zu finden sein wird – und wer eben nicht. Wenn beispielsweise das Rotlichtmilieu dort nicht mehr stattfinden würde, heißt das nicht, dass es als Teil der Stadt verschwindet. Es findet dann nur an diesem Ort nicht mehr statt.
Was sind denn die Hauptgründe für die Gentrifizierung in Stuttgart?
Das ist ein Zusammenspiel verschiedener Entwicklungen. Das hat auf der einen Seite natürlich mit uns Menschen zu tun. Es hat aber auch mit den Entwicklungen seitens der Stadt, Politik und der Stadtplaner:innen zu tun. Wir leben nunmal in einer Gesellschaft, die sehr stark auf Reichtum und Prestige ausgerichtet ist. Also: Ich habe ein tolles Auto, eine große Wohnung in einem hippen Viertel und so weiter. Und klar, wir unterstützen die Gentrifizierung, in dem wir uns an den gentrifizierten Orten der Stadt aufhalten. Außerdem haben wir es vermutlich verlernt, Räume anders zu nutzen als für Konsum oder das klassische „Sehen und gesehen werden“. Wir sind also mit verantwortlich, dass die öffentliche Wahrnehmung in die Richtung geht, dass ein attraktiver öffentlicher Ort immer mit Cafés, Restaurants, Events bespielt werden muss.
Ein weiterer Grund ist aber auch der Wert des Bodens, der mittlerweile nur noch ein Tauschwert ist. Also: Wieviel ist ein Quadratmeter Boden wert? Und so werden zum Beispiel Gebäude in der Stadt abgerissen, weil der Boden so viel mehr wert ist als die gebaute Struktur, die sich darauf befunden hat.
Aber wir Stadtbewohner:innen sehen die Gentrifizierung doch. Überall wird gebaut, die Mieten sind hoch, der Kaffee im Lieblingscafé ist teuer. Ist uns das alles einfach egal geworden?
Ich habe das Gefühl, dass wir da alle ein bisschen hilflos sind. Wir denken, dass wir als Individualperson eh nichts dagegen tun können. Wir stumpfen mehr oder weniger ab. Und selbst für uns Stadtplaner:innen ist es herausfordernd, Quartiere so zu entwickeln, das wir damit wirklich alle Teile der Gesellschaft ansprechen können.
Was können wir als Bewohner:innen der Stadt denn tun?
Ich rate allen, die Orte, die man normalerweise besucht, genauer zu beobachten. Wer hält sich dort denn noch auf? Sind es hauptsächlich mir ähnliche Personen, haben sie ein ähnliches Alter, sind sie aus einem ähnlichen sozialen Milieu? An den öffentlichen Räumen, an denen ich mich aufhalte, sehe ich zum Beispiel wenig Kinder, wenig Jugendliche, wenig alte Leute. Und da spürt man dann, dass man mit anderen Menschen außerhalb der eigenen Bubble kaum noch in Berührung kommt. Und das ist schade. Wir sind eine diverse Gesellschaft. Doch das ist uns oft nicht mehr bewusst, weil wir es nicht spüren, nicht mehr sehen und uns immer mehr in unseren eigenen Kreisen zurückziehen.
Wie sollte das Stadtleben in Zukunft aussehen?
Ich hoffe, dass wir vom Neubau von Quartieren wegkommen und stattdessen mehr bereits bestehende Strukturen neu gestalten. Und dann ist es ganz wichtig, dass sich die Bürger:innen engagieren. Das findet in Stuttgart unter anderem durch verschieden Beteiligungen schon statt, jedoch nicht in dem Ausmaß, wie es tastächlich sein könnte. Beteiligungsprozesse müssen sich verändern und den Büger:innen mehr Möglichkeiten der aktiven Teilhabe und Mitgestaltung bieten. Und wir alle müssen wieder Lust darauf bekommen, am städtischen Leben teilzunehmen, öffentliche Orte mitzugestalten. Und die Möglichkeiten, dies zu tun, auch aktiv nutzen.
Außerdem müssen wir Stadtbewohner:innen raus aus unserer gewohnten Routine und versuchen, mit anderen Menschen aus der Stadt in Berührung zu bekommen. Geht zu euren Stadtteilversammlungen, macht bei den Beteiligungen mit. Nutzt die Angebote! Denn wir haben als Stadtgesellschaft die Möglichkeit, uns in die Prozesse einzubringen.