Stadtplanung Der Stuttgarter Westen ist voll

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Der Rahmenplan Talgrund sieht vor, Flächen im Stadtbezirk zu entsiegeln und mehr Grünflächen zu schaffen. Der Bezirksbeirat West hat die Pläne mehrheitlich unterstützt.

Viel Gemäuer, wenig Grün: Das soll sich im Westen ändern. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Viel Gemäuer, wenig Grün: Das soll sich im Westen ändern. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Wohnraum ist knapp im Stuttgarter Westen, fast alles ist zugebaut. Was fehlt, sind Bäume und grüne Ecken. „Im Hochsommer spüren wir jeden Baum, jedes Grün, das wir in der Stadt haben“, sagte Bezirksvorsteher Reinhard Möhrle. Er begrüße deshalb den Rahmenplan Talgrund West, dem der Bezirksbeirat jetzt mehrheitlich zugestimmt hat.

Der Rahmenplan Talgrund ist eine Ergänzung des bereits im Jahr 2008 beschlossenen Rahmenplans Halbhöhenlage. Der Westen ist der erste Stuttgarter Bezirk, in welchem diese Leitlinien auch auf die Tallage ausgeweitet werden. „Das zeigt die Bedeutung des Westens als am dichtesten besiedelter Bezirk“, ergänzte Möhrle in der Sitzung des Bezirksbeirats West. Knapp 50 000 Menschen leben dort, noch ein paar Tausend mehr würden wohl gerne dort leben. Der Westen gilt nach wie vor als der begehrteste Bezirk in der Innenstadt – was sich in den permanent steigenden Immobilienpreisen zeigt.

Aber der Platz ist begrenzt, eine uferlose Bebauung – weder in die Breite noch in die Höhe – auch des letzten freien Fleckens ist nicht mehr gewünscht. „Der Westen ist voll“, sagte Claudia Fuhrich vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung. Statt noch irgendwelche Häuschen in Hinterhöfe zu quetschen oder weitere Geschosse oben drauf zu satteln, soll es künftig grüne Dächer und Höfe geben, die Nachverdichtung soll behutsamer sein. Das ist zumindest die Idee des Rahmenplans, den das Amt für Stadtplanung gemeinsam mit dem Umwelt- und dem Baurechtsamt ausgearbeitet und nun dem Bezirksbeirat West vorgelegt hat. Am Dienstag soll der Ausschuss für Umwelt und Technik dem Papier noch zustimmen.

Allerdings, rechtlich bindend für künftige Bauvorhaben ist der Rahmenplan nicht. Er gilt lediglich als Leitlinie für Politik und Verwaltung bei der künftigen Stadtplanung im Bezirk. Die Stadt kann Bauanträge nicht mit Verweis auf den Rahmenplan ablehnen. Wenn man weiterhin gesunde Wohnverhältnisse garantieren wolle, gebe es aber trotz des starken Wohndrucks Grenzen, sagte Fuhrich. Bereits jetzt sei die Durchlüftung im Bezirk schwierig.

Der Westen wurde für den Rahmenplan in sechs Quartiere eingeteilt; für drei Quartiere – von der Schlossstraße bis zum Hölderlinplatz – gibt es bereits Teilrahmenpläne. „Sonst wäre der Plan zu oberflächlich bei so einer großen Fläche“, sagte Ingrid Schwörer, die beim Stadtplanungsamt für den Westen zuständig ist. Der südliche Teil des Westens solle „zeitnah“ folgen.

Langfristig solle es irgendwann Rahmenpläne für die anderen Stuttgarter Bezirke geben. Die könnten für Vaihingen oder Zuffenhausen aber ganz anders aussehen als für den Westen. „Dort haben wir eben einen hohen Druck“, so Schwörer. „Jahrelang wurden die letzten Lücken gesucht, wo noch Wohnungen gebaut werden können.“ Jetzt sei die Grenze erreicht.

Wo sind da noch Baumstandorte und größere Grün- oder Freiflächen möglich? Für die drei Quartiere gibt es detaillierte Empfehlungen auf Dächern, in Hinterhöfen oder an Straßenzügen. Zudem sollen möglichst viele „unversiegelte Freiflächen“ geschaffen werden. „Grünelemente, die Wasser speichern und über Verdunstung wieder abgeben können, Bäume und andere Schattenspender sind vorzusehen“, heißt es in der Beschlussvorlage. Der Bezirksvorsteher Möhrle weist dabei besonders auf die Innenhöfe im Westen hin: „Manche sind ja bereits begrünt, andere sind reine Betonwüsten.“ Man müsse sich an die „Folgen des Klimawandels anpassen“, ergänzte Rainer Kapp vom Amt für Umweltschutz. Im Talkessel herrsche eine Windarmut, es fehle der Austausch. In der Kessellage werde dies durch ein Kaltluftsystem ausgeglichen. „Der Rahmenplan soll dafür sorgen, dass Kaltluft an jedem Gebäude ankommt.“ Nur mit den Änderungen könne man langfristig ein ideales Stadtklima schaffen.

Ein gelungenes Beispiel für eine Entsiegelung gibt es im Westen schon: das Rossbollengässle. Dort wurde vor einigen Jahren ein Haus abgerissen, nun ist dort ein Spielplatz und viel Rasenfläche im Hof, unter dem eine Tiefgarage ist. Das Parkplatzproblem wurde damit gelöst. Ein negatives Beispiel nennt Fuhrich aber auch: in einem Hinterhof an der Lindenspürstraße hatte sich eine grüne „Hinterhofidylle“ entwickelt. Die gibt es nicht mehr. Sie wurde bebaut. Bei der Debatte im Bezirksbeirat über den Rahmenplan kritisierte Roland Stricker (CDU), dass ein schlüssiges Mobilitätskonzept fehle: „Wir wollen auch mehr Grün, aber nicht auf Kosten von Bürgern, die einen Parkplatz brauchen“, sagte er.

Für Andreas Huber (FDP) ist das Pro­blem der knappe Wohnraum: „Der Plan an sich ist gut, aber das Dilemma, dass wir mehr Grün und mehr Wohnungen brauchen, löst er nicht.“ Wenn man sich bei der Stadt derzeit nur auf die Innenentwicklung beschränke, dann müssten dort freie Flächen geschaffen werden. Umgekehrt müssten dann konsequenterweise Bauprojekte wie das Olgäle dann auf der grünen Wiese entstehen und nicht mitten in der Stadt.

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