Stadtplanung Heute schippen, morgen wegziehen

Von  

Die Stadt feiert dieGroßbaustellen im Gerberviertel als Neubeginn. Alteingesessene im Quartier sehen das anders. Die ersten ziehen weg.

Anfang oder Ende? Dazu gibt es mindestens zwei Meinungen. Foto: Achim Zweygarth
Anfang oder Ende? Dazu gibt es mindestens zwei Meinungen. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart-Mitte - Eigentlich ist er ja Optiker. Aber wer im Gerberviertel eine Brille verkaufen will, wird zwangsläufig zum Verkehrsplaner. Die Pfosten am Ende der Sophienstraße aus dem Boden zu ziehen, war sein Vorschlag, sagt Hans Schneider. Dann könnten die Lastwagen direkt auf die Hauptstätter Straße fahren statt ums Carree zu kurven. Die Idee ist anderthalb Jahre alt. Seit einer Woche sollte die Fahrt frei sein. Sollte. Es sei Gewohnheit, dass „es heißt, im März ist die Baustelle weg und es wird August“, sagt Schneider. „Aber es wäre doch mal ne Vision, daraus zu lernen.“

Dass niemand aus dem Baustellenchaos lernt, niemand an entscheidender Stelle, ist unbestritten. Verkehrs- und Baustellenplaner oder auch die der SSB sagen allesamt ungewohnt unumwunden: So wie sie zu planen gezwungen werden, ist es eigentlich falsch. Zum Beispiel, wenn demnächst hinter dem Hauptbahnhof der neue Stadtbahntunnel gebohrt und gleichzeitig die Haltestelle Staatsgalerie verlegt wird. Oder: Es war klar, dass es so nicht gehen wird. Das gilt für die fünf Großbaustellen, die das Gerberviertel umzingeln oder sich in seine Mitte bohren. Das Netz von eher Gassen als Straßen kann das nicht verkraften.

Drinnen ist alles Design, draußen steht ein Dixie-Klo

Also „herrscht Chaos“, sagt Schneider und rührt in seinem Kaffee. „Sichtbar“ heißt sein Laden. Drin ist alles Design, vom Brillengestell bis zur Theke. Draußen ist ein Stapel Plastikrohre sichtbar, daneben ein Dixie-Klo. Wer nicht hinsehen mag, muss hören. Ein Bagger rattert beim Versuch, in den Gegenverkehr hinein zu wenden. Schneider gibt hie und da per Rundmail bekannt, „dass hier noch jemand lebt“. Ungeachtet all dessen: Das Gerberviertel „ist ein bisschen wie Berlin, wo gibt es sonst so etwas Cooles in Stuttgart“, sagt er, „und das wird so bleiben“ – auch wenn erst die Giganten Caleido und Gerber stehen.

Diesen Optimismus teilt allerdings nicht jeder. Hätte der Künstler Joseph Beuys die Baugruben schräg gegenüber der Kunstgalerie von Ingrid Renz eigenhändig aufgerissen, würden sie womöglich als Skulpturen gewürdigt. Aber es war kein Beuys, es waren Bagger. Loch reiht sich an Loch dort . Wenn es nur das wäre. Ingrid und Klaus Renz sind typische Vertreter der Zurück-in-die-Stadt-Bewegung. „Vor sieben Jahren war das unser Traum“, sagt Klaus Renz. Sie haben in Fellbach und Aichwald gelebt. Als der Sohn aus dem Haus war, zogen sie hinein ins pulsierende Herz Stuttgarts, vorn die Galerie, nur eine Tür dahinter die Wohnung. Im Juni fliehen sie, zurück nach Fellbach. Keineswegs nur wegen der Baustelle.

Christoph Palm, Fellbachs Oberbürgermeister, hat sie persönlich wissen lassen, dass er sich auf ihre Rückkehr freut. In Stuttgart „verändert sich das ganze Umfeld“, sagt Klaus Renz. „Und es herrscht völlige Gleichgültigkeit.“ Seit die Drogenszene unter der Paulinenbrücke verscheucht ist, wird in der Einfahrt der Renzens gedealt, ihr Hof ist zur Toilette geworden. Die Polizei wimmelt Anrufe ab. Ingrid Renz hat bei einem Gespräch schon eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung riskiert. „Ich glaube nicht mehr, dass sich etwas zum Positiven entwickelt“, sagt sie.

Das Ehepaar hat sich von Stuttgart verabschiedet, mit einem Brief an die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle. Das Schreiben wurde im Bezirksbeirat durchaus beachtet. Nicht, weil es der Innenstadt an Galerien mangelt, sondern als ein Warnzeichen von vielen, dass „uns manche Quartiere zu entgleiten drohen“, wie Kienzle es gern sagt.

Selbstverständlich geht es den Geschäftsleuten auch darum, dass ihre Kundschaft erst im Stau steht, dann keinen Parkplatz findet und auf dem Weg zur Ladentür durch Baudreck stapfen muss. Aber nicht nur. Sie besuchen Ortstermine, schreiben Briefe, diskutieren über Stadtentwicklung. Sie fragen sich, was aus dem Viertel wird, was aus der Stadt. Mancher hält sogar öffentliche Reden – bei lokalpolitischen Sitzungen, deren Unterhaltungswert Durchschnittsbürger üblicherweise zwischen Steuererklärung und RTL-Mittagsprogramm einsortieren.

Wie jüngst Norbert Kallas, Inhaber einer Boutique an der Tübinger Straße. Nebenbei musiziert er unter dem Künstlernamen Pat Kallas und ist des Spießertums so verdächtig wie ein Veganer des Wurstdiebstahls. Dass er inzwischen regelmäßig Erbrochenes vor der Tür wegputzt, ist ihm allerdings zu viel Großstadtflair. Neulich haben nachmittags vor seinem Laden ein Dutzend Männer mit allem aufeinander eingeprügelt, was auf der Baustelle als Schlagwaffe taugte.

Rund ein Drittel der alteingesessenen Geschäft sind weg

Aber das sind nur Ausschnitte aus dem Alltag, kein Blick aufs Ganze. Vor zehn Jahren hat Kallas seine Boutique eröffnet. Seitdem „hat das Viertel sich verändert“, sagt er. Kallas steht im Café bei seinem Laden um die Ecke. Er ist namentlich begrüßt worden. Doppelter Espresso, wie immer? Das ist, was in der Anonymität der Großstadt das Gerberviertel ausmacht für diejenigen, die dort leben oder arbeiten. Man kennt sich, man schätzt sich, nebenbei ist auf zweihundert Meter hin oder her von der Boulette bis zum Brustlifting alles zu bekommen. Kallas fragt sich allerdings: wie lange noch? Etwa ein Drittel der alteingesessenen Geschäfte, schätzt er, „sind in den vergangenen fünf Jahren verschwunden“. Dort drüben ist ein Restaurant ausgezogen, eine Spielhalle zieht ein. Die Werbung für die nächste Neueröffnung der Branche ist beim Blick die Sophienstraße hinunter unübersehbar. Das Plakat spannt sich über die gesamte Hausfront zwischen dem Café Stella und dem Restaurant Zum alten Trog.

Größer werden nur die Neubauprojekte beworben. „Heute schippen, morgen shoppen“ steht buchstäblich haushoch am Rand der Baugrube unter der Paulinenbrücke. Shoppen, gewiss. Die Frage ist: bei wem? „Wir müssen aufpassen, dass die inhabergeführten Geschäfte eine Chance aufs Überleben haben“, sagt die Bezirksvorsteherin Kienzle. Mancher derjenigen, die sie retten will, hat sich erkundigt, welche Miete im Neubau fällig würde: 70 Euro pro Quadratmeter. Für Läden wie seinen, sagt Kallas, „ist das illusorisch“. Ihr Vermieter, erzählen die Renzens, hat unterdessen schon in Vorfreude auf die Strahlkraft der Neubauten die Miete erhöht. Zwei Mal.

Sonderthemen