Eine Balancierstange hier, ein großer Stein zum Herumklettern dort, dann wieder ein Guckrohr zum Durchschauen, ein Kreisel oder ein buntes Hüpfspiel, das auf den Gehweg gemalt wurde: Mit solchen Elementen am Wegesrand soll Filderstadt zur bespielbaren Stadt werden. Bereits im Dezember 2023 wurde vom Gemeinderat der Beschluss gefasst, dass der öffentliche Raum punktuell aufgewertet und für Kinder intensiver erlebbar gemacht werden soll – mit einfachen Objekten an ausgewählten Plätzen. Klassische Spielplätze und vorgefertigte Geräte wie Rutschen und Schaukeln sind damit nicht gemeint, vielmehr sollen Kinder angeregt werden, selbst kreativ zu werden.
Und nicht nur die Kleinen sollen profitieren. Filderstadt soll nicht nur zur bespielbaren Stadt werden, sondern auch zur „besitzbaren“, und dies durch mehr Sitz- und Ruhemöglichkeiten für Seniorinnen und Senioren. Das Ganze geht auf mehrere Anträge der Grünen-Fraktion zurück.
Wo solche Dinge sinnvollerweise aufgebaut werden könnten, das hat in den vergangenen Monaten eine externe Spielraumberatung eruiert – und befragt wurden die, die später bedacht werden sollen: Grundschulkinder und ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger aus allen Stadtteilen. Zunächst wurde erfragt, welche Ziele und Treffpunkte diese Gruppen am häufigsten ansteuern. Außerdem ging es darum herauszufinden, welche Wege junge und alte Filderstädter im Alltag nehmen. Daraus wurden Stadtteilkarten erstellt, und die wiederum hat dann das Expertenteam nochmals genauer unter die Lupe genommen und auf ihre Eignung für die Installation von Sitz- und Spielgelegenheiten hin untersucht. Nahezu 1200 Grundschulkinder und 176 Seniorinnen und Senioren haben über ihre Gewohnheiten Auskunft gegeben. Mädchen und Jungen durften die Wege, die sie zur Schule nehmen, mit Kreide markieren. Das Ergebnis: In der Gesamtstadt gibt es etliche Stellen entlang von Alltagswegen, die man mit einer Sitzgelegenheit, einem Spielelement oder beidem aufpeppen könnte. In Harthausen gäbe es 38 potenzielle Aufstellorte, die sich aufgrund der Gehwegbreite oder der verkehrlichen Situation eignen würden, in Bonlanden 43, in Plattenhardt 47, in Sielmingen 53 und in Bernhausen ganze 76. Zusätzlich hat das Team Stellen kartiert, an denen Kinder besonders häufig Straßen überqueren und die man mit Symbolen kennzeichnen könnte, um so die Fußwege sicherer zu gestalten.
„Es geht um Parkplätze für Menschen“
Das Ziel ist laut Bernhard Meyer, dem Projektleiter: „eine Stadt, in der es um Parkplätze für Menschen geht.“ Will heißen: Die Bürgerschaft soll den öffentlichen Raum ein Stück weit zurückerobern und neu für sich entdecken. Dabei geht es auch explizit um inklusive Angebote, etwa durch Objekte, die durch ihre taktilen oder akustischen Eigenschaften auch für Kinder mit Einschränkungen erfahrbar sind. Die Ängste mancher Eltern, dass Kinder auf dem Schulweg trödeln könnten, versuchte Bernhard Meyer zu zerstreuen. „Diese Objekte sind Beschleuniger, nicht Verlangsamer“, sagte er.
Für Filderstadt schwebt Bernhard Meyer ein Realisierungszeitraum bis 2026 vor. Losgehen könnte es demnach in Harthausen. Damit wäre die Stadt die erste bespielbare, besitzbare und inklusive Kommune in Baden-Württemberg. Laut dem Oberbürgermeister Christoph Traub soll über die gewonnenen Erkenntnisse nun verwaltungsintern beraten werden. Auch soll die technische Umsetzbarkeit beleuchtet werden.
Das alles wird in eine Verwaltungsvorlage münden, die im September bereits den beschließenden Gremien vorgelegt werden soll. Dann soll es auch um konkrete Standorte und ums Budget gehen. Bernhard Meyer erklärt hierzu: „Dann muss die Politik sagen, ob sie es will und was sie will.“
Spiel- und Aufenthaltsräume für Kinder, Beeinträchtigte und Ältere
Experte
Professor Bernhard Meyer, Jahrgang 1946, ist Sozialarbeiter und Diplom-Pädagoge. Er lehrte bis 2011 an der Ev. Hochschule in Darmstadt Sozialplanung, Gemeinwesenarbeit, Pädagogik nichtprivilegierter Gruppen sowie Neue Technologien. Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit Spielräumen für die Langsamen, also für Kinder, Jugendliche, Beeinträchtigte und Ältere.
Konzeption
Das von ihm entworfene Konzept der bespielbaren Stadt wurde bereits erfolgreich umgesetzt. Brühl – größenmäßig vergleichbar mit Filderstadt – war 2017 die erste deutsche Ortschaft, die sowohl die bespielbare als auch die besitzbare Stadt gleichzeitig in einem Projekt angegangen ist. Zwischen 2017 und 2021 wurden dort mehr als 200 Objekte installiert. Auch in Griesheim, Bernhard Meyers Heimatstadt, hat man sich bereits an eine solche Konzeption gemacht.
www.bespielbare-stadt.de www.besitzbare-stadt.de