Stadtplanung in Portugal Setzung, in freien Zeichnungen dokumentiert

Eine Setzung ist Malagueira aber auch, weil hier der häufig überstrapazierte genius loci gewissermaßen bei seiner Entstehung und (hoffentlich unumkehrbaren) Konsolidierung beobachtet und erlebt werden konnte – nicht als abstraktes städtebauliches Dekret, sondern als Handreichung (im Sinne der zeichnenden und sinnstiftenden Hand) des Architekten und Stadtplaners an die künftigen Bewohner. In Sizas Skizzen und kühnen freien Zeichnungen manifestiert sich eine unaufdringliche Anteilnahme an den Besonderheiten des zu begründenden Ortes. Es ist nicht der Zeichner, der Entwerfer, der dem Ort, der Topografie seine Handschrift aufdrücken will, sondern es ist der Ort, die auf ihn zu versammelnden Aktivitäten und die dafür zu findende Typologie, welche Sizas Hand führen.

Dass und warum er mit der Hand in einem ganz emphatischen Sinn zeichnet und was aus der Zeichnung folgt, hat er einmal selbst begründet: „Man kann Tausende Modelle und Tausende Zeichnungen machen, aber nichts ersetzt die reale Raumerfahrung. In Portugal bin ich immer auf die Baustelle gegangen und habe mit den Arbeitern gesprochen: ‚Es wäre besser, wenn wir das hier komplett offen lassen würden.‘ . . . Eine Baustelle zu besuchen, war eine echte Freude.“ Geht man durch Malagueira, kann man das aktive Auge, die korrigierende Hand von Álvaro Siza auf Schritt und Tritt verfolgen.

Wiederaufnahme der historischen Substanz

Die sanft geschwungenen, steinernen Stufungen und Terrassierungen von Évora setzen sich hier fort. Als würde die alte Stadt weitergeschrieben, ähnlich und anders. Die Typologie – das kubische Haus mit Patio – kommt in dieser kargen, von Siza entworfenen Form in Évora nicht vor, doch sind es die Strenge und Reihung der Bauform, die fächerartig gestuften, quer zum Hügel angelegten Gässchen, in denen sich das alte Évora auch hier widerspiegelt.

Vorherrschend hüben wie drüben die weißen Mauern, doch während in Évora die roten Ziegeldächer wie ein geriffeltes Tuch über die Stadt geworfen sind, wird hier ein Teil der Flachdächer der fugenlos aneinandergefügten, ein- und zweigeschossigen Häuser von einem Mauerwerk aus grauem Betonstein überdacht. Bewusste Wiederaufnahme, Interpretation und Über­setzung der historischen Substanz, Respekt gegenüber den anonymen Baumeistern des exzentrischen Aquädukts; in dessen rechteckigen Hohlräumen verlaufen die Leitungen für Wasser, Gas und Elektrizität. Wenn es sich fügt, wird diese überdachende Lebensader zur Durchfahrt, zum Türsturz, zum Tor. Und wie ein diskretes Zitat, ein helles Echo aus dem marmornen Évora sind in einige Betonstelen schmale Marmorleisten intarsiert. Und als hätte es sich unterirdisch fortgesetzt, taucht das auch ockergelbe Band an den Außenmauern (wie in Évora) auch hier wieder auf – chromatisches Orament und Wink aus der Hügelstadt. Die von Siza entworfenen Wohnkuben sind ungewöhnlich plastische Gebilde – sie ähneln in künstlerischer Hinsicht, in ihrem klaren Gefüge und ihrer knochigen Festigkeit Skulpturen von Eduardo Chillida. Sie öffnen sich nach innen, darin anderen mediterranen Kulturen folgend. Wenn die Nachbarschaft so dicht ist, ist es ratsam, sich einen Binnenraum zu erhalten. Auf den Kachelböden der kleinen Höfe wachsen dunkel belaubte Orangen- und Zitronenbäumchen; die ringsum weißen Wände lassen Laub und Frucht noch plastischer hervortreten als in der Landschaft.




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