Stadtplanung in Portugal Malagueira, Siedlung ins Offene

Von Hanns Zischler 

Nach der Nelkenrevolution 1974 erwachten die alten Städte Portugals aus dem langen Schlaf der Diktatur. Hanns Zischler über eine ebenso menschengemäße wie bahnbrechende Stadterweiterung.

Vorn das neue Quartier, hinten die alte Stadt: Évora im Alentejo Foto: Verlag
Vorn das neue Quartier, hinten die alte Stadt: Évora im Alentejo Foto: Verlag

Évora - Die Stadt ist eine Evokation, eine Evokation des Steinernen, der Steinbaukunst. Alles in dieser Stadt wirkt gesetzt, geplant, streng und alt, steinalt. Der graue Granit dominiert die monumentale Stadtmauer, die Schiffe und Türme der Kirchen­, die maurisch anmutenden, weithin sichtbaren Kuppeln – sie alle sind aus dem vielfarbig grauen Granit gebaut. Auf den terrassenartigen Dächern der Kirchen haben Flechten und Moose den Stein besetzt und mit ihrer schwefelgelben Farbe gebeizt.

Die kleinteilige Pflasterung der schmalen Gassen, die magistralen Platten auf Plätzen und Innenhöfen und schließlich, alles überragend, zeitlich wie räumlich, die mächtige Trasse des alten Aquädukts, das von Nordwesten her auf riesenhaften Bögen wie im Stelzschritt in die Stadt hineinmarschiert, ein Brückenwunder der Ingenieurskunst. Dieses Aquädukt perforiert und überspannt die grüne feuchte Senke zwischen der barocken Festung San Antonio da Piedade und der ummauerten Stadt. Unbeirrbar hat diese Luftwasserstraße der Baumeister des 16. Jahrhunderts die Topografie überlistet; reine Architektur, ein intaktes Skelett, das einmal die historische Hauptschlagader der Stadt war, ein bis heute beeindruckendes, himmelstrebendes Denkmal.

Grau gehört zu den sogenannten „unbunten“ Farben. Das Granitgrau von Évora aber schillert und blitzt im gesprenkelten Anthrazit des Stars, es changiert zwischen der verfließenden Farbe einer Regenwolke und dem milchig hellen Morgennebel, gelegentlich springt ein Stein, wie eine Fehlfarbe, ins Chamois; vorherrschend aber die dichte, deckende Farbe, zartdunkel wie das Gefieder der Grasmücke, die auch hier zu hören ist.

Der graue Granit, der weiße Marmor, die ockergelben Rahmen

Mit diesem Grau kontrastiert der andere Stein, der helle, weiße Marmor, er glänzt und leuchtet, er punktiert mit seinen Dominopunkten die Gassen und Plätze; üppig breitet er sich über Kirchenböden aus und quillt aus herrischen Gebäuden hervor, fließt über Innenhöfe und ergießt sich farbig geädert über öffentliche Plätze, im Wechselspiel mit dem Granit. Steinerne Evokation Évora.

Und hoch am Himmel wiederholt sich, einer seltsamen Laune der jahreszeitlichen Natur folgend, das Farbenspiel der Baukultur: in ruhigen Zirkeln ziehen die Störche, schwarz-weiß gefiedert und rotbeinig, gelegentlich im Dunst fast verschwindend, ohne einen Flügelschlag ihre Bahn. Und knapp über dem Boden, schwarz auf hellem Gemäuer, sicheln die Schwalben akrobatisch durch die Gassen und würzen mit ihren Schreien die hellen Lüfte.

Zwischen den Steinfarben leuchten die ziegelroten Hausdächer, die weiß gestrichenen Fassaden; ockergelbe Rahmen säumen die Laibungen der Fenster und Türen und laufen, beinhoch, wie ein endloses Strumpfband die Häuser entlang. Sie akzentuieren, auf- und absteigend, den eng gewundenen Raum der Gassen; chromatische Monotonien ungemischter Elemente überlagern sich zu einer kräftigen Physiognomie der Stadt.




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