Stadtplanung in Stuttgart Ja, mach nur keinen Plan!

Von Arno Lederer 

Im Bahnhof und um den Bahnhof herum, vom Kriegsberg bis zum Wagenburgtunnel: Wüste soweit das Auge reicht. Neu an dieser Lage ist nur, dass es keinerlei Vorstellungen über die städtebauliche Neuordnung des Stuttgarter Zentrums gibt.

Im näheren  Umfeld des Bahnhofs wird das Unterste gerade zuoberst gekehrt, aber was kommt danach? Foto: dpa, Mellenthin
Im näheren Umfeld des Bahnhofs wird das Unterste gerade zuoberst gekehrt, aber was kommt danach? Foto: dpa, Mellenthin

Stuttgart - Und jetzt?“, fragt der Vater den kleinen Sohn, der gerade sein neues Spielzeugauto zerlegt hat und hilflos vor dem Haufen von Einzelteilen sitzt, die kein Ganzes mehr ergeben wollen. „Und jetzt?“, frage ich mich, wenn ich auf dem Weg ins Büro von der Heilbronner Straße aus die Baustelle des Bahnhofs sehe. Ob das je wieder etwas wird?

Stuttgarter Bahnhof: da winken alle müde ab. Nein, bitte nicht mehr darüber reden, es ist jetzt genug. Nur die versprengten Dauerdemonstranten sind in dieser Hinsicht noch tüchtig, deren Falten weniger durch die Sorge um die Stadt als um die vielen Jahre, die sie nun Montag für Montag aufmarschieren, merklich zugenommen haben. Wie das bei den Befürwortern ist, lässt sich nicht erkunden, weilen doch einige der ersten Stunde nicht mehr unter uns. Oder sie sitzen außer Sichtweite an schöneren Orten als der Baustelle am, im und unter dem Stuttgarter Bahnhof.

Wenigstens haben wir in den letzten zwanzig Jahren viel dazugelernt. Über technische Details, über Bio- und Zoologie, über Sozi- und Geologie. Wir wissen, wie der Juchtenkäfer aussieht und die Blaueidechse. Aber wer weiß eigentlich, wie es dort, hinter dem neuen Bahnhof und dem ehemaligen Reichsbahnbundesamt in Zukunft einmal aussehen wird, wenn die Bauarbeiten beendet sind?

Vorne hui, hinten pfui

Niemand weiß es wirklich. Auch wissen wir nicht, wie der Bahnhof von innen tatsächlich ausschauen wird und wie dessen Rückseite aus­sehen wird, die früher keine Rückseite war, weil dort die Bahnsteige anschlossen. Jetzt blickt die große Halle noch mit der Hilflosigkeit eines seiner Gliedmaßen und Kleider beraubten Wesens in die Öde nach Nordosten. Vorne hui, hinten pfui gilt auch für die Rückseite der Bundesbahnverwaltung vis-à-vis, die wie der Bahnhof etwas von einem Patienten hat, dem Krankenhauskleidung für das frei zugängliche Hinterteil angelegt wurde.

Vom Kriegsberg bis zum Mund des Wagenburgtunnels: Wüste. Nach Nordosten sieht es aus wie nach dem Krieg. Vormals gab es eine Menge Überlegungen, Pläne, Visionen. Vorstellungen im Sinne der Moderne und auch solche, die die gewachsene Struktur der Stadt zu erhalten wünschten. Man konnte diskutieren, nicht nur, wie die Stadt auszusehen hat, auch, wie sie sich langfristig entwickeln könnte.

Eigentlich ist das nichts Neues. Neu ist nur, überhaupt keinen Plan zu haben. Das neunzehnte Jahrhundert hatte einen Plan von Thouret, das zwanzigste gleich mehrere: von Bonatz bis Krier, von den Nazis bis hin zur ersten Euphorie über Stuttgart 21. Das war vor gut zwanzig Jahren. Damals mussten die Lokomotiven im Bahnhof noch umgekoppelt werden. Wer telefonieren wollte und schon ein Handy besaß, zog eine lange Antenne aus dem Gerät, um Empfang zu haben. Damals erhielt die Denkmalpflege einen Maulkorb, den Bahnhof zu schützen, denn durch die künftige Vermarktung der leeren Bahngrundstücke sah man schon das Manna vom Himmel fallen, das die Stadt be­glücken würde.