Stadtplanung in Stuttgart Kulturmeile rückt wieder ins Blickfeld

Von Thomas Borgmann 

Die Akademie für Städtebau und Landesplanung empfiehlt die Abkehr vom alten Tunnelprojekt in Stuttgart. Sie propagiert einen City-Boulevard.

Ein Detail der neuen Pläne: der Charlottenplatz soll so umgestaltet werden, dass er seinen heutigen Charakter als Betonwüste verliert. Foto: Büro Aldinger und Wolf 2 Bilder
Ein Detail der neuen Pläne: der Charlottenplatz soll so umgestaltet werden, dass er seinen heutigen Charakter als Betonwüste verliert. Foto: Büro Aldinger und Wolf

Stuttgart - Der Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) macht kein Geheimnis daraus: "Ich gestehe frank und frei, dass ich der Anreger und der Auftraggeber bin. Ich habe die Landesgruppe der Akademie für Städtebau und Landesplanung, der ich selbst als Mitglied angehöre, darum gebeten, sich neue Gedanken darüber zu machen, wie wir die Bundesstraße14 zwischen Heslach und dem Neckartor städtebaulich neu gestalten." Ihm gehe es darum, dieser Stadtautobahn das Trennende zu nehmen und sie schrittweise in einen wertvollen Stadtraum zu verwandeln.

Vor rund fünfzig interessierten Bürgern haben der Baubürgermeister und die von der Akademie eigens gebildete Arbeitsgruppe dieser Tage ihr neues Konzept für den sogenannten City-Boulevard vorgestellt. Dazu erklärte Alexander Wetzig, der Baubürgermeister von Ulm und Vorsitzende der Landesgruppe Baden-Württemberg: "Der Gemeinderat hat 2009 die Pläne zur Untertunnelung der Kulturmeile auf Eis gelegt, weil damals kein Geld vorhanden war, um die schätzungsweise siebzig Millionen Euro für das Projekt aufzubringen." Diese zwangsläufige Denkpause, so Wetzig, habe die von ihm geführte Landesgruppe der Akademie auf Bitten von Matthias Hahn gerne dazu genutzt, ihre alten Vorschläge für die B14 aus dem Jahr 2002 zu überarbeiten. Jetzt unterbreite man sie erneut der Öffentlichkeit und dem Gemeinderat. Die städtischen Planer, so betonte Wetzig ausdrücklich, "haben übrigens eng mit uns zusammengearbeitet". Gleiches gelte für eine Forschungsgruppe der Daimler AG in Berlin.

Untertunnelung der Kulturmeile zu den Akten legen

Alexander Wetzigs Hoffnung ist: "Wir möchten einen neuen Dialog anregen über die Ziele der Stadtplanung auf und an dieser wichtigsten innerstädtischen Verkehrsachse - vor allem die Bürger sollten diesmal von Anfang an eng mit einbezogen werden." Baubürgermeister Hahn hat dies bereits aufgegriffen und angekündigt: "Ich werde den Städtebauausschuss des Gemeinderats, den Technischen Ausschuss und den Bezirksbeirat Mitte noch vor der Sommerpause über diese neuen Vorschläge informieren."

Und das sind die praktischen Grundzüge des sogenannten City-Boulevards: Die Akademie empfiehlt dem Gemeinderat, die Untertunnelung der Kulturmeile endgültig zu den Akten zu legen; die vor zwei Jahren aufgegebenen Planungen hätten gezeigt, dass der finanzielle Aufwand in keinem vertretbaren Verhältnis zu dem stehe, was damit unter dem Aspekt des fließenden Verkehrs gewonnen werden könnte. Allein auf der Kulturmeile zwischen Charlottenplatz und Gebhard-Müller-Platz vor dem Wagenburgtunnel wollte man täglich noch bis zu 40.000 Fahrzeuge oberirdisch akzeptieren.

Die Finanzlage der Stadt verbessert sich

Der Stuttgarter Verkehrsplaner Hans Billinger sagte bei der öffentlichen Veranstaltung im Rathaus: "Wir haben errechnet, dass die B14, quasi die Pulsader der Stadt, in dem fraglichen Abschnitt von 110.000 Autos am Tag befahren wird. In diesen Autos sitzen 185.000 Menschen." Die Akademie wolle diesen Verkehr "nicht wegzaubern, sondern durchaus flüssig halten, indem wir das zulässige Tempo zwischen 30 und 50 Stundenkilometer vorschreiben und auf diese Weise eine ,grüne Welle' erzeugen". Die gesamte Straße mit ihren Unterfahrungen, so rät der Planer Heinz Lermann, sollte bestehen bleiben, allerdings deutlich eingeengt und mit einer breiten Mittelzone versehen, auf der Baumalleen angelegt sind. Zu beiden Seiten schlage man auf der gesamten Länge Fahrradwege vor, dazu besonders breite, fußgängerfreundliche Übergänge am Österreichischen Platz, am Wilhelmsplatz, am Leonhardsplatz, am Charlottenplatz und zwischen der Oper und der gegenüberliegenden Seite. Sämtliche Fußgängerunterführungen im Zuge der B14, so die kategorische Forderung, "sollten endgültig geschlossen werden".

Die Sprecher der Akademie sind sich in einem weiteren Punkt einig: "Als einen großen Vorteil unserer Vorschläge betrachten wir die Tatsache, dass sie alle schrittweise in die Tat umgesetzt werden könnten", so Heinz Lermann. Dies sei auch im Interesse der Stadtfinanzen, von denen niemand sagen könne, wie sie sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln werden. Die Tatsache, dass sich die Finanzlage der Stadt gegenwärtig wieder verbessere, dürfe "nicht dazu führen, dass man die alten Pläne für die Untertunnelung der Kulturmeile wieder hervorholt, um sie doch noch zu verwirklichen".

Individuelle Mobilität ohne Risiken und Nebenwirkungen

Mit dem City-Boulevard verbindet die Akademie durchaus "Visionen". So schreibt ihr Mitglied Christian Marquart in der Infobroschüre: "Unsere Idee steht nicht für eine radikale Kritik am Auto. Ziel ist weder die Verlagerung noch die Verdrängung von Autos auf andere Straßen." Stuttgart solle in Zukunft vorleben, wie individuelle Mobilität ohne Risiken und Nebenwirkungen zu organisieren sei. Gerade die Autostadt Stuttgart müsse sich "auf den Weg machen in das Zeitalter schadstoffarmer Mobilität - mit weniger Verkehrslärm, weniger Feinstaub und besserer Luft."

Wichtig zu wissen: die Akademie äußert sich nicht zur Architektur entlang der B14, hofft aber gleichwohl, dass das Parkhaus Breuninger bald abgerissen wird.

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