Stadtspaziergang in Stuttgart Von Ritterorden und Rocksängern

Jørn Precht  erzählt, warum Graf Eberhard einen Widder am Hals trägt. Foto: Lichtgut/Volker Hoschek
Jørn Precht erzählt, warum Graf Eberhard einen Widder am Hals trägt. Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Warum trägt Graf Eberhard im Barte einen Widder um den Hals? Und was hatte der Queen-Frontman Freddie Mercury mit Stuttgart zu tun? Beim 95. Stadtspaziergang der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung hat der Autor Jørn Precht diese und andere Stuttgarter Geheimnisse gelüftet.

Stuttgart - Es sind die Details der Geschichte, auf die Jørn Precht sein Augenmerk legt. Gemeinsam mit der Journalistin Eva-Maria Bast hat er in dem Buch „Stuttgarter Geheimnisse“ 50 wenig beachtete Zeichen und Symbole aus der Historie der Schwabenmetropole aufgespürt. Am Samstag führte der Autor, Dozent, Regisseur und Filmproduzent rund 40 Teilnehmer des 95. Stadtspaziergangs – veranstaltet von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung – an ausgewählte Orte in der City, die ein Geheimnis bergen.

Warum trägt die Reiterstatue von Graf Eberhard im Barte ein Lämmchen um den Hals? Eine Schülerin, die für eine Bäckerei ein Fotoshooting im Innenhof des Alten Schlosses absolvierte, hatte Prechts Recherchen angestoßen. Dass unter der Ägide des Herzogs von Württemberg der Legende nach die Laugenbrezel erfunden worden sein soll, wussten kundige Stadtspaziergänger. Dass es sich aber bei dem Lämmchen in Wahrheit um einen Widder handelt, der das Symbol des Ritterordens vom Goldenen Vlies darstellt, war vielen doch neu.

Freddie Mercury war häufiger Gast im Kings Club

Eine weiteres Detail der Stadtgeschichte ist das Giebelrelief an der Außenwand des Neuen Schlosses zum Akademiegarten hin. Ursprünglich Bestandteil der von Herzog Carl Eugen 1770 auf der Solitude gegründeten und 1775 nach Stuttgart verlegten Militär- und Kunstakademie Hohe Karlsschule, die im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe weitgehend zerstört worden war, wurde das Relief beim Wiederaufbau des Neuen Schlosses nach dem Zweiten Weltkrieg in dessen Fassade inte­griert. Nächste Station: ein unscheinbares, steinernes Gedenkfeld vor der Staatsoper. Es erinnert an Frauen und Männer, die der Aids-Erkrankung zum Opfer gefallen sind. Ein Stein ist dem Rocksänger Freddie Mercury gewidmet. „Mercury war oft Gast im Kings Club von Laura Halding-Hoppenheit und hatte viele Freunde in Stuttgart“, erzählte Precht. Die Linken-Stadträtin, bekannt als „Mutter der Stuttgarter Schwulen und Lesben“, hat ihn an diese Episode aus dem Leben des 1991 an Aids verstorbenen Queen-Frontmans erinnert.

Noch unauffälliger ist das winzige Loch in einer Gehwegplatte an der Ecke Bolz-/Stauffenbergstraße, erschaffen vom israelischen Künstler Micha Ullman. Es erinnert an die von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer Eugen Bolz und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Miniatur trägt den Titel „Abendstern“.

Die Damenmode hat die Architektur des Königsbaus maßgeblich beeinflusst

Nicht weit entfernt, dort, wo heute das Metropol-Kino steht, hatte König Wilhelm I. 1846 den ersten Stuttgarter Zentralbahnhof errichten lassen. Auf Wunsch des Monarchen wurde er als Kopfbahnhof ausgeführt. „Da würden die Stuttgart-21-Befürworter heute aufschreien“, spielte Precht auf die kon­troverse Debatte über den neuen Durchgangsbahnhof an. Geblieben sind – nach der Verlegung des Bahnhofs an die Schillerstraße – Teile der Fassade der einstigen Zugstation. Ein anderer Wunsch des Königs wurde dagegen, wie Precht den amüsierten Zuhörern erläuterte, nicht erfüllt: „Der Königsbau hat an der Frontseite weniger Säulen als geplant, weil die Damen der damaligen Zeit mit ihren breiten Reifröcken sonst nicht durchgepasst hätten.“

Der Rundgang endete schließlich an einem in die Fassade des Kronprinzbaus eingearbeiteten kleinen Frosch. Wie im Märchen vom Froschkönig symbolisiert er die Verwandlung – vom unscheinbaren Rohling aus dem Muschelkalk-Steinbruch zum fein geschliffenen Bestandteil der Fassade des Einkaufszentrums.




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