Stadtspaziergang mit StZ-Lesern Kunst mit historischem Charme

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Robin Bischoff und Tilmann Eberwein haben StZ-Leser am Samstag durch die Ateliers der Künstler und den Kulturbetrieb in den Wagenhallen geführt. Begonnen hatte der Rundgang an der Stätte der Erinnerung, von wo aus rund 2000 Juden in die Vernichtungslager transportiert worden waren.

Die Stadtspaziergänger haben die Wagenhallen besucht. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die Stadtspaziergänger haben die Wagenhallen besucht. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die historischen Wagenhallen im Nordbahnhofviertel sind am Samstag das Ziel der von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung getragenen Veranstaltungsreihe Stadtspaziergang gewesen. Dort wo früher Lokomotiven und Eisenbahnwaggons repariert und gewartet wurden, sind vor etlichen Jahren Künstler und Kulturbetreiber eingezogen. Vor wenigen Tagen hat der Technikausschuss des Gemeinderates der auf 30 Millionen Euro geschätzten Sanierung der in die Jahre gekommenen Wagenhallen zugestimmt, die ursprünglich abgebrochen werden sollten. Nun sollen sie helfen, das Profil Stuttgarts als Kulturstadt zu stärken.

Die kontroverse Debatte über die Nutzung der Hallen hält allerdings noch an. Umstritten ist noch der Veranstaltungsbereich, der bis zu 2000 Besuchern Platz bieten soll. Stadt, Künstler und Kulturbetreiber wollen bis Ende 2016 gemeinsam ein Konzept für den Umbau entwickeln.

Begrüßung an einem historischen Ort

Michael Kienzle, Vorsitzender der Stiftung Geißstraße, begrüßte 40 Spaziergänger und Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) vor den Wagenhallen an einem Ort des Schreckens, der heute eine Stätte der Erinnerung ist. „Auf diesen Gleisen wurden von den Nazis mehr als 2000 jüdische Mitbürger in Güterwaggons gepfercht und nach Auschwitz oder in andere Vernichtungslager transportiert“, sagte Kienzle. Dass Gleise und Prellböcke nicht dem Erdboden gleichgemacht worden seien, habe man engagierten Bürgern zu verdanken, die ein Zeichen der Erinnerung setzen wollten. „Ich fand es sehr gut, dass der Spaziergang an diesem unseligen Ort begonnen hat“, sagte eine Teilnehmerin am Ende des Rundgangs.

Der führte zunächst vor die Wagenhallen, wo die Künstler ein kreatives Containerdorf planen, das ihre Ateliers während der Umbauphase aufnehmen soll. „Später soll dieses Gelände als Pufferzone zwischen den Wagenhallen und einer geplanten Wohnbebauung dienen“, sagte Robin Bischoff, Vorsitzender des Kulturvereins Wagenhallen. Was dort entstehe, sei noch offen. Den Sanierungsbeschluss des Gemeinderates findet Bischoff „super“. Nun gelte es, das Beste daraus zu machen.

Kunst am Gefängnisbau

Anschließend erläuterte der Künstler Tilmann Eberwein den Spaziergängern seine Kunst am Bau, die den Zaun um einen Neubau der Justizvollzugsanstalt Stammheim künstlerisch aufwerten soll. „Wir kooperieren mit Häftlingen, die aus allen möglichen Gesellschaftsschichten kommen“, so Eberwein. Eine Zeichengruppe liefere Ideen und Entwürfe, die dann mit dem Schweißgerät umgesetzt würden.

Bohrmaschinen, Schweißgeräte und Solarmodule dominieren auch das Atelier von Performance Electrics, dem weltweit einzigen Anbieter von ökologischem Kunststrom. „Wir schaffen Skulpturen mit Fotovoltaikmoden, etwa aus Teilen alter Strommasten“, erklärte Pablo Wendel. Die Kunstwerke können geleast werden. Sie müssten nur an eine Steckdose angeschlossen werden, um Kunststrom fließen zu lassen. „Diese Symbiose von Kunst, Energie und Ökologie finde ich toll“, meinte Bertram Gerdung aus Kornwestheim.

Gut fanden die Stadtspaziergänger am Ende des Spaziergangs auch den Kaffee und den Himbeerkuchen, den Martin Ivers nach dem Rundgang durch den Kulturbetrieb Wagenhallen spendierte. „Wir organisieren Nachtflohmärkte, Firmenfeiern, Hochzeiten und Konzerte“, erklärte der Küchenchef. „Hoffentlich bleibt der historische Charme der alten Wagenhallen auch nach der Sanierung erhalten“, hoffte eine Teilnehmerin.

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