Stadtspaziergang mit Walter Sittler In Chicago geboren, in Stuttgart verliebt

Von Uwe Bogen 


„Trotz alledem“ ist Stuttgart die Liebe von Walter Sittler. Emotional packend endet die Reihe der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung, die seit 2007 etwa 3800 Menschen bei 100 Spaziergängen bewegt hat. Die Botschaft des Schauspielers: Bürger, die sich einmischen, bringen eine Stadt voran

Der Stadtspaziergang von Walter Sittler endet am Galatea-Brunnen. Foto: Lichtgut/Michael Latz 16 Bilder
Der Stadtspaziergang von Walter Sittler endet am Galatea-Brunnen. Foto: Lichtgut/Michael Latz

Stuttgart - Von Stuttgart 21 konnte der große Erich Kästner nichts ahnen. Doch das Prinzip Mensch hat der 1974 gestorbene Schriftsteller durchschaut. Bei seinem (ausverkauften) Stadtspaziergang hält der in Chicago geborene Walter Sittler, einer der beliebtesten Schauspieler des deutschen Fernsehens, der seit 30 Jahren in Stuttgart lebt, beim Unterqueren der „Kulturmeile“ auf der Treppe kurz inne.

Nah am Opernhaus, vorm Abgang zur Staatsgalerie, deutet der 65-Jährige auf ein Epigramm, das die Stiftung Geißstraße mit der Überschrift „Grenzen der Aufklärung“ vor Jahren angebracht hat. Aufschrift: „Ob Sonnenschein, ob Sterngefunkel:/Im Tunnel bleibt es immer dunkel.“

Die Grenzen der Finsternis will Walter Sittler der Stadt aufzeigen, die er liebt und für die er streitet. Gerade an diesem schönen Sommervormittag fällt das Strahlen des hochgewachsenen Hutträgers noch mehr auf. Der Ton seiner Worte klingt stets freundlich, als rede da einer, für den die Harmonie das höchste Gut ist. Und doch ist der Grimme-Preisträger zu einem Gesicht des Widerstands im größten Streitfall der Stadt geworden. Auf dem Marktplatz erzählt er beim Stadtspaziergang, wie der „Schwabenstreich“ entstanden ist, wie man vor dem Rathaus laut geworden ist, um von „denen da oben“ gehört zu werden.

Im Metropol hatte der Sittler-Film „Nicht ohne uns!“ Premiere

Sittler, so wird bei dem etwa zweistündigen Rundgang klar, ist viel zu sehr Menschenfreund, als dass er die Gräben der Stadt hinnehmen will. In der Sache, sagt er, müsse man hart streiten, aber trotzdem dürfe man das Gemeinsame, das Verbindende nicht aus den Augen verlieren.

Seine „Follower“, wie man im Twitter-Zeitalter sagt, also die Menschen, die ihm folgen, führt er zum ausrangierten Bahnhof an der heutigen Bolzstraße – bei dem zum Tieferlegung bestimmten Bahnhof bleibt er auf Distanz. Der König ließ einst den Zentralbahnhof unweit seines Schlosses mit vier Gleisen bauen. Rasch war dieser zu klein und wurde auf acht Gleise vergrößert. Als auch die nicht mehr reichten, entstand der Bonatz-Bau mit 16 Gleisen. Ironie der Geschichte: Der künftige Bahnhof wird – wie früher – nur noch acht Gleise haben.

Die Reste des alten Bahnhofs beherbergen heute ein Kino. Im Metropol hat der Film „Nicht ohne uns!“ Premiere gefeiert, den Sittlers Frau Sigrid Klausmann gedreht und er mitproduziert hat – so erfolgreich, dass es öffentliche Gelder gibt für die Fortsetzung. In dieser Dokumentation erklären kleine Helden, Kinder also, die Welt,

Holger Gayer dankt für „Unterhaltung mit Haltung“

Vom Hans-im-Glück-Brunnen im Kessel bis hoch zum Galatea-Brunnen am Eugensplatz führt der 100. Stadtspaziergang, vorbei an Orten der Kultur. Die Markthalle und das Kunstmuseum sind ihm wichtig, vor allem das Staatstheater, das 1988 sein Grund war, Stuttgarter zu werden. Er ist es gern geblieben. Emotional packend und dazu aussichtsreich nach dem Stäffele-Aufstieg endet eine „Bewegung“. Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße und Holger Gayer, Lokalchef der Stuttgarter Zeitung, können bei einem Glas Sekt zufrieden Bilanz ziehen. Seit der Nummer eins am 28. April 2007 mit Wolfgang Schuster haben die beiden Veranstalter, die Stiftung und die Zeitung, an 100 Samstagen etwa 3800 Menschen auf etwa 400 Kilometer durch die Stadt geführt. „92-mal hat es nicht geregnet“, sagt Gayer, „einmal dafür sehr.“ Patschnaß ist Comedian Michael Gaedt mit seinem Waschbärpelz beim Rundgang durchs Leonhardsviertel geworden.

Der StZ-Lokalchef bedankt sich bei Stadtführer Sittler für „Unterhaltung mit Haltung“. Beim Spaziergehen lerne man eine Stadt am besten kennen, vor allem, wenn sich dank anregender Erläuterungen mit den Beinen auch der Geist bewege.

Zu Fuß kann man eine Stadt neu entdecken. Walter Sittler nutzt das Finale für mehrere Wünsche: Der Marktplatz brauche zwei oder drei Straßencafés, damit er, wenn kein Wochenmarkt ist, nicht der trostloseste Marktplatz Deutschlands sei. Die Stadt solle nicht immer unter dem Kesseldampf leiden, sondern mehr aus seinen Hügeln machen. Bäume dürften aber nicht gefällt werden, um von den Aussichtsorten mehr zu sehen. Etliche Stäffele müssten erneuert werden. Der 65-Jährige ermuntert dazu, sich einzumischen und die Politik nicht allein Politikern zu überlassen.

Sonderthemen