20 bis 30 Frauen auf dem Zollberg bringen jede Woche Leben in den Nachbarschaftstreff Zollberg der Esslinger Wohnbau.
Ein kleines Schild am Zollernplatz im Esslinger Stadtteil Zollberg weist den Weg zum Treff der Esslinger Wohnbau (EWB). Es geht um die Ecke und man steht vor der Ladenfront des Nachbarschaftstreffs Zollernplatz. „Machen Sie mit“ ist dort in Deutsch und in den Sprachen der Bewohnerinnen und Bewohner des Zollbergs angeschrieben. In den Innenräumen geht es lebhaft zu. An diesem Mittwochvormittag findet das Frauenfrühstück statt.
Rund 20 Frauen sind dabei die Tische in dem großen Raum mit angeschlossener Küchenzeile zu decken. Es wird mächtig aufgefahren: Auf die Tische kommen gebackene Kartoffeln mit Rosmarin, gebratene Paprika, Tomaten, Oliven, Schafskäse, Mozzarella, Eier, Fladenbrot, Körnerbrot, ein paar Brezeln sind auch dabei. Und auf der Küchentheke warten süße Speisen für den zweiten Frühstücksgang – ein echtes türkisches Frühstück.
Rote Rosen und farbenfrohe Speisen
Eine der Besucherinnen hat duftende rote Rosen mitgebracht und in Vasen dekoriert. Zusammen mit den farbenfrohen Speisen wirkt der gedeckte Tisch appetitlich und machen Lust aufs Frühstück. Semra Özaydin, Fatma Yilmaz, Kadriye Soysal und Fati Tekeli gehören zu den Frauen, die jeden Mittwoch die Einkäufe besorgen, das Essen zubereiten und die Tische decken.
Im Treff geht es um Nachbarschaft, um die Gespräche und den Austausch untereinander. „Es gibt auf dem Zollberg kaum eine Möglichkeit zusammenzukommen“, beklagt Semra Özaydin. „Wir sind wirklich sehr froh, dass wir diesen Treff haben, wo wir miteinander reden und auch zusammen stricken können“, ergänzt sie. Das Stricken spielt dabei keine untergeordnete Rolle. Etliche der Frauen haben ihr Strickzeug dabei, geben sich gegenseitig Tipps, oder präsentieren die neuesten Werke mit der Nadel. Eine junge Frau, Tugba Icten, fungiert dabei sogar als „unsere Stricklehrerin“.
Die deutschen Frauen fehlen
„Uns fehlen hier aber die deutschen Frauen“, sagt Fatma Yilmaz, die 20 Jahre auf dem Zollberg einen Gemüseladen betrieben hat – der einzige Laden, den es damals gegeben habe. Sie wundert sich: „Es gibt doch auch deutsche Frauen, die älter sind, und allein in ihrer Wohnung sitzen.“ Für sie ist es selbstverständlich, dass man nacheinander schaut und sich gegenseitig unterstützt. Wer will schon vereinsamen, und überhaupt, man dürfe doch nicht alleine essen. Fatma Yilmaz erzählt eine Geschichte: „Wenn wir kochen und der Duft des Essens zieht durch die Fenster in die Häuser der Nachbarn, dann ist es Pflicht in unserer Kultur, dass man auch vom Essen abgibt.“ Es ist Konsens beim Treff: „Wir wünschen uns mehr deutsche Nachbarschaft.“
Einmal im Monat gibt es den offenen Mittagstisch, auch da seien mehr deutsche Gäste willkommen. Es gibt aber noch mehr Wünsche: Ein Mädchentreff, Sprachkurse, sportliche Aktivitäten für türkische Frauen wie zum Beispiel ein Schwimmangebot für Musliminnen, Mutter-Kind-Kurse. „Eben alles, was es in den anderen Esslinger Stadtteilen auch gibt“, sagt Kadriye Soysal. Sie blickt ein wenig neidvoll nach Ostfildern, wo sie lange Jahre ehrenamtliche Lesepatin an einer Schule war. „Dort sind die Angebote besser.“
„Brauchen Leben in der Bude“
All diese Wünsche lassen sich nicht rein ehrenamtlich auf die Schiene setzen, weiß auch Semra Özaydin. „Wir können organisieren und vorbereiten“, sagt sie. Aber es müsse auch Aufwandsentschädigungen geben oder Honorar für Referenten, die man engagiere. „Wir brauchen einfach mehr Leben in der Bude“, zieht Özaydin Bilanz.
Der Nachbarschaftstreff Zollernplatz ist aus dem Wohncafé hervorgegangen, welches die Johanniter betrieben haben. Seit zwei Jahren heißt der Treff Nachbarschaftstreff und läuft unter der Regie der EWB. Quartiersmanagerin und Ansprechpartnerin ist Arife Bagci-Demirkol. Sie ist bei der Gemeinwesenarbeit der EWB in Brühl, die den Zollberg mitbetreut, angestellt. Sie ist regelmäßig vor Ort, führt Gespräche, macht Beratungen und klopft Bedürfnisse ab. Den Zollberg sieht sie durchaus ambivalent: „Ich sehe einen lebendigen Nachbarschaftstreff, in dem sich und durch den sich die verschiedensten Menschen begegnen“, sagt sie. Dadurch werde Gemeinschaft und Identität entwickelt.
Die Menschen vor Ort erreichen
Andererseits gibt es viele Bedürfnisse im Stadtteil, die Bagci-Demirkol als Herausforderung begreift: „Ein steigender Anteil Hochaltriger, aber auch viele Kinder und Jugendliche, ein erhöhter Anteil Alleinerziehender, die auch Sozialleistungen beziehen“, beschreibt sie die Situation. Sie weiß: „Alles ist nur in Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern aus dem Stadtteil möglich.“ Und über weitere Angebote im Nachbarschaftstreff könnten noch mehr Menschen vor Ort erreicht werden.
Unterm Strich sieht Bagci-Demirkol den Nachbarschaftstreff als einen Ort, wo sich die Menschen kennen und schätzen lernen und das Quartier gemeinsam gestalten und es zu „ihrem“ Stadtteil gemacht haben. „Darauf sind sie stolz.“ Dieser Stolz und die Freude an „ihrem“ Quartier ist beim Frauenfrühstück deutlich spürbar. Wünschenswert sei es, wie Bagci-Demirkol sagt, die vielfältigen Interessen im Stadtteil zusammenzuführen, Vorurteile abzubauen und in Begegnungen ein Miteinander aufzubauen.