Der 54-jährige Neurath kümmert sich seit August um die Geschäfte des Unternehmens, aktuell noch an der Seite von Pflieger. „Ich freue mich darauf, das Lebenswerk von Herrn Pflieger weiterzuführen“, sagt Neurath. Die Verantwortung für 160 Mitarbeiter, darunter 140 Busfahrerinnen und Busfahrer, nehme er sehr persönlich.
Wie Dirk Neurath nach Böblingen kam
Neurath scheint aber nicht nur auf Tradition bedacht, sondern bringt eigene Erfahrung und Ideen mit. Der 54-Jährige kommt aus Hessen und hat in den vergangenen 32 Jahren in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) gearbeitet. Zuletzt sei er bei der Deutschen Bahn und bei der Kasseler Verkehrsgesellschaft gewesen. Der Wechsel zu Pflieger geschah laut Neurath auf eigenen Wunsch hin. „Mir gefällt es hier einfach, auch landschaftlich“, meint er. Dennoch: Wie kommt ein Hesse auf ein Böblinger Unternehmen?
Beschwerdeflut zu groß geworden
Er habe zehn Jahre lang bei einer Consultingfirma gearbeitet, die ÖPNV-Unternehmen berät. In dieser Zeit sei er mit verschiedenen Häusern in Kontakt gekommen, darunter Pflieger. „Ich habe es als ein 1a-Qualitätsunternehmen erlebt und hatte mir das so abgespeichert.“ Trotz dieser positiven Worte sehen beide Männer dringend Handlungsbedarf.
Beschwerden zu zahlreich geworden
Zu groß ist offenbar die Beschwerdeflut, die auf das Unternehmen in den vergangenen Monaten eingestürzt ist. Über den Mängelmelder des Landratsamts trudelten in der Woche im Schnitt 50 bis 60 Beschwerden ein. „Hinzu kommen Telefonanrufe, Meldungen über den Verkehrsverbund Stuttgart und Fahrgäste, die persönlich vorbeischauen“, sagt Neurath. „Die Rezensionen über uns sind katastrophal“, bringt Pflieger seine Unzufriedenheit auf den Punkt. In den vergangen Monaten habe er daher einen Workflow entwickelt, wie mit den Beschwerden umzugehen sei, sagt Neurath. „Wir versuchen, sofort zu reagieren.“
Beschwerden, die sich auf Fahrzeuge oder Personal beziehen, könne er direkt nachgehen. Schwieriger gestaltet sich die Sache beim Kritikpunkt Nummer eins: den Verspätungen – die nicht nur an den Nerven der Fahrgäste, sondern auch an denen der Fahrer zehrten. Die Gründe für die Verspätungen seien vielfältig. Als „brennendstes Thema“ benennt Neurath die Verkehrssituation. Als er bei Pflieger anfing, habe er in beiden Städten zusammengenommen 26 Baustellen gezählt, die alle Einfluss auf den ÖPNV gehabt hätten. Allerdings, auch das betont er, sei die Baustellen-Situation hier nicht schlechter als anderswo und wenn sich eine Baustelle verzögere, würden die Verwaltungen die Infos schnell weitergeben. Was aber herausrage sei die Dauerbaustelle A 81 und als Folge ein Individualverkehr, der sich neue Wege suche. Und mit dem Pfaffensteigtunnel wartet schon die nächste Großbaustelle.
Unternehmen im Zwiespalt
Pflieger und Neurath betonen außerdem die besondere Lage des Unternehmens. Es betreibt auf der einen Seite den Stadtverkehr Böblingen/Sindelfingen eigenwirtschaftlich. Auf der anderen Seite wurde der Stadtverkehr 2019 erstmals europaweit ausgeschrieben und das Unternehmen musste sich auf ein Konzept bewerben, das es nicht selbst ausgearbeitet hatte.
Pläne für das neue Jahr
Bedeutet auch: „Wir können nicht einfach den Fahrplan ändern, sondern müssen uns an das ausgeschriebene Konzept halten“, erklärt Neurath. Allerdings haben die beiden Städte, der Landkreis, der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) und Pflieger bereits gegengesteuert und das Linienkonzept überarbeitet. Anfang 2025 trat die neue Version in Kraft, seither gibt es auch einen kleinen finanziellen Zuschuss seitens der beiden Städte. Mit dem neuen Konzept zeigt sich Hermann Pflieger grundsätzlich zufrieden. „Wir bekommen viel Lob dafür.“ Auch die Fahrgastzahlen seien seither gestiegen.
ÖPNV-Themen sichtbarer machen
Nur: Die Verspätungen gibt es immer noch. Neurath präsentiert deshalb den Plan für 2026. Ein erster Schritt besteht darin, mehr Informationen bereit zu stellen. Alle Busse sollen mit Apparaten ausgestattet werden, die Daten in Echtzeit übertragen, sodass Fahrgäste beispielsweise über die VVS-App erfahren, ob und wie viel Verspätung ihr Bus hat. Bestellt sind die Geräte offenbar schon, nur gibt es laut Neurath Lieferschwierigkeiten.
Für Februar habe er Vertreter verschiedener Ämter in beiden Städten zu einer gemeinsamen Busfahrt eingeladen. „Wir wollen zu den relevanten Zeiten durch die Stadt fahren und zeigen, wie es läuft.“ Man müsse sich beim Fahrplan „ehrlich machen“ und schauen, wo sich Zeiten noch optimieren ließen. „Aber grundlegend ändern wird sich das Linienkonzept vorerst nicht“, so Neurath. Bedarf sieht er außerdem für ein Modell, das die Busfahrer über die Verspätungen der S-Bahn informiert und ihnen signalisiert wie lange sie am ZOB warten können ohne selbst Verspätungen aufzubauen. So will Neurath die Chance erhöhen, dass S-Bahnfahrgäste ihren Anschlussbus erwischen.
Der 54-Jährige wirkt engagiert und ambitioniert, dem Thema ÖPNV in Böblingen und Sindelfingen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Sein Credo dabei: „Wir wollen nicht gegen die Städte arbeiten, sondern gemeinsam etwas erreichen.“
Unternehmen mit fast 100-jähriger Geschichte
Unternehmen Pflieger
Den Grundstein legte Eugen Pflieger 1926 als er in Sindelfingen einen Kolonialwarenladen eröffnete und eine Autovermietung anbot. Seit 1950 ist Pflieger für den Stadtverkehr in Böblingen und Sindelfingen zuständig. Nach dem Tod von Eugen Pflieger 1979 übernahmen die Söhne Hermann und Otto Pflieger das Unternehmen. Hermann Pflieger hatte es zu dieser Zeit bereits seit 1975 geleitet.
Standort Böblingen
1984 zog Pflieger von Sindelfingen nach Böblingen. Auf der Hulb befindet sich nicht nur das Busdepot, sondern auch die Verwaltung, eine Werkstatt und eine Waschanlage.
Mitarbeiter
160 Menschen arbeiten bei Pflieger. Neue Busfahrer zu finden sei wieder einfacher geworden, sagt Neurath, der die „kulturelle Diversität“ im Unternehmen betont. Allerdings bilde die deutsche Sprache teils eine Hürde. Die Suche nach einem Lehrer, der die Mitarbeiter schult, sei bisher erfolglos geblieben