Stadtverkehr Böblingen/Sindelfingen Unternehmen Pflieger zu hohen Dieselpreisen: „Die Situation ist sehr kritisch“

Laut Dirk Neurath spitzt sich die Situation angesichts der hohen Dieselpreise zu. Foto: Stefanie Schlecht

Pflieger-Geschäftsführer Dirk Neurath hofft auf Hilfe. Und der Berufsverband der Omnibusunternehmen warnt: Die hohen Preise gefährdeten den Busverkehr.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Die hohen Dieselpreise lassen nicht nur Autofahrer stöhnen, sie bringen auch Busunternehmen in die Bredouille. Der Verband Baden-Württembergische Omnibusunternehmen (WBO) hat deshalb im Namen der Unternehmen einen Hilferuf veröffentlicht. Der explodierende Dieselpreis gefährde den Busverkehr, heißt es darin.

 

„Die Situation ist sehr kritisch“, sagt auch Dirk Neurath, Geschäftsführer von Pflieger. Zwar stagnierten die Preise gerade, hoch seien sie aber immer noch. Das Böblinger Busunternehmen Pflieger ist für den Stadtverkehr in Böblingen und Sindelfingen verantwortlich und betreibt ihn weitestgehend eigenwirtschaftlich. Das Unternehmen bekommt also keine Zuschüsse von der öffentlichen Hand, dafür darf es aber auch die Einnahmen, die es mit dem Linienbetrieb erwirtschaftet, behalten.

Mehrkosten von 100 000 Euro

Aktuell stehen jedoch die Ausgaben im Vordergrund. „Wir hatten wegen des Dieselpreises innerhalb eines Monats Mehrkosten von 100 000 Euro“, sagt Neurath, der seit August das Unternehmen an der Seite von Hermann Pflieger führt. Den Diesel beziehe das Unternehmen direkt von Großhändlern. Auf dem Betriebsgelände auf der Böblinger Hulb hat Pflieger eine eigene Tankstelle. Meist kaufe das Unternehmen circa 39 000 Liter – Vorrat für eine Woche. Lagerkapazitäten hätte es für maximal zwei Wochen, sagt Neurath.

Zwar will die Bundesregierung nun für zwei Monate die Steuer auf Kraftstoffe senken. Allerdings ist Neurath skeptisch. „Wir wissen nicht, inwieweit diese Steuersenkung auch bei uns ankommt“, sagt er und zeigt sich zudem enttäuscht, dass es so lange gedauert hat, bis überhaupt eine Entlastung auf den Weg gebracht wurde.

Sparen „da, wo es geht“

Um die Mehrausgaben zumindest etwas aufzufangen, versuche das Unternehmen „da, wo es geht“ zu sparen. „Wir haben die Mitarbeiter noch mal explizit sensibilisiert, die Fahrzeuge nicht über Gebühr zu bewegen und wirklich jeden Liter zu sparen.“ Beim Kauf des Kraftstoffs verglichen sie penibel die Angebote verschiedener Händler, bei Preisen, die sich ständig ändern würden. „Wir kommen uns wie Broker an der Börse vor“, sagt Neurath.

Möglichkeiten, Mehreinnahmen zu erzielen, um die hohen Kosten auszugleichen, sieht er nicht. Die Fahrscheinpreise könne er nicht einfach erhöhen. Denn der Stadtverkehr Böblingen/Sindelfingen ist Teil des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS), der die Preise festlege.

Die Preisbindung hebt auch der WBO als eine Schwierigkeit und einen der Gründe hervor, warum die eigenwirtschaftlich arbeitenden Busunternehmen auf Hilfe angewiesen seien. „Diese erbringen den kostengünstigsten Verkehr im Land – ohne die Möglichkeit einer kurzfristigen Preisanpassung“, heißt es in der Pressemitteilung. Verbindungen zu streichen – also durch eine geringere Zahl an Fahrten Geld zu sparen – ist ebenfalls nicht ohne weiteres machbar. Pflieger hat 2019 bei einer Ausschreibung des Landratsamts als Aufgabenträger für den ÖPNV im Kreis den Zuschlag für den Stadtverkehr Böblingen/Sindelfingen bekommen und sich damit verpflichtet, diese Leistung anzubieten.

Pflieger bittet Landkreis um Hilfe

Neurath weiß allerdings nicht, wie lange sein Unternehmen das angesichts der hohen Preise noch stemmen könne. Deshalb hat er das Gespräch mit dem Landkreis gesucht und offenbar um Hilfe gebeten. Zeitweise Fahrten zu streichen würde das Unternehmen entlasten, dann aber nicht zu den Hauptverkehrszeiten. „Denn die Leute sollen ja gerade den ÖPNV nutzen.“

Was bei dem Gespräch herauskam bleibt vorerst unklar. Das Landratsamt äußert sich auf Nachfrage zurückhaltend. „Unternehmen mit eigenwirtschaftlichen Verkehren sind bewusst unternehmerische Risiken eingegangen“, teilt Sprecher Benjamin Lutsch die Haltung des Landratsamts per Mail mit. Man sei sich aber der finanziellen Belastungen durch die hohen Treibstoffpreise bewusst und begrüße daher die Maßnahmen der Bundesregierung.

Umstieg auf E-Busse teuer

Ein kleines Türchen lässt Lutsch offen. „Der Landkreis behält die Entwicklungen im Blick“, schreibt er. Der Kreis sei zudem im engen Austausch mit dem VVS und den Verbundpartnern, um die Situation gemeinsam und abgestimmt zu bewerten.

„Wir halten das nicht dauerhaft durch“, warnt hingegen Neurath. Zwar müsse man als Unternehmen natürlich Rücklagen für solche Situationen bilden. „Aber irgendwann steht man mit dem Rücken zur Wand.“

Und wie sieht es mit der E-Mobilität aus, die nicht nur klimafreundlicher, sondern auch günstiger wäre? Bislang fahren bei Pflieger alle Busse mit fossilem Treibstoff. „Wir wären gerne schon auf E-Mobilität umgestiegen“, sagt Neurath. Allerdings kosteten E-Busse, selbst unter Einbezug von Förderprogrammen, viel Geld. Eine Investition, die aktuell nicht möglich sei.

Unternehmen Pflieger

Unternehmen mit Tradition
Seit 1950 ist Pflieger für den Stadtverkehr in Böblingen und Sindelfingen zuständig. Nach dem Tod von Eugen Pflieger im Jahr 1979 übernahmen die Söhne Hermann und Otto Pflieger das Unternehmen. Hermann Pflieger hatte es zu dieser Zeit bereits seit 1975 geleitet.

Blick in den Kreis
Andere Busunternehmen stöhnen ebenfalls unter der Last der hohen Spritpreise. So sind zuletzt auch Unternehmen in Leonberg und Friolzheim unter Druck geraten. Bei ihnen sind vor allem die Reisebus- und Mietbussparten betroffen. Den Linienverkehr stemmen sie, im Gegensatz zu Pflieger, nicht eigenwirtschaftlich.

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