Stadtwerke Böblingen Neue technische Leiterin zur Wärmewende: „Alles andere wäre fatal“

Sabine Kaebert kümmert sich um die Strategie der Stadtwerke im technischen Bereich. Foto: Stefanie Schlecht

Sabine Kaebert gibt in den Stadtwerken Böblingen seit dem Sommer die Richtung vor, wenn es um technische Fragen geht. Zur Wärmewende hat sie eine klare Meinung.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Sabine Kaebert ist Technische Geschäftsführerin bei den Stadtwerken Böblingen. Die Diplom-Ingenieurin für Umweltschutztechnik arbeitet seit 2007 im Unternehmen und hat im Juni die Nachfolge von Alfred Kappenstein angetreten.

 

Vor ihr liegen große Aufgaben – Stichwort Wärmewende. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht sie über Herausforderungen und Chancen.

Frau Kaebert, Sie sind ein Eigengewächs der Stadtwerke und seit 18 Jahren im Unternehmen. Ist das von Vor- oder von Nachteil für Ihre neue Aufgabe?

Ich habe in allen technischen Bereichen gearbeitet. Dadurch habe ich Einblick bekommen, wie die verschiedenen Sparten und wie die Mitarbeiter arbeiten. Das ist von Vorteil. Schwierig ist, dass ich jetzt lernen muss, mich aus dem operativen Geschäft rauszunehmen. Meine Fragestellungen sind jetzt andere. Ich schaue weiter voraus und arbeite an strategischen Themen.

Eines davon ist die Wärmewende – weg von fossilen hin zu erneuerbaren Wärmequellen. Wie sehen die großen Schritte aus?

Bis ins Jahr 2030 muss die Wärme zu 30 Prozent, bis 2040 zu 80 Prozent und bis 2045 zu 100 Prozent aus regenerativen Energien kommen. Das gibt das Wärmeplanungsgesetz vor. Um das zu erreichen, müssen wir das Wärmenetz und die Wärmeerzeugungskapazitäten ausbauen und gleichzeitig unsere fossilen Erzeuger dekarbonisieren.

Bisher kommt Fernwärme in Böblingen hauptsächlich vom Restmüllheizkraftwerk und von Daimler. Wo sehen Sie Potenzial für weitere Wärmequellen?

Wir wollen beispielsweise noch mehr Abwärme nutzen. Da sind wir mit einzelnen Unternehmen, die ihre Kapazitäten im Portal für Abwärmenutzung gemeldet haben, und weiteren regionalen Partnern im Gespräch.

Auch die geplante Klärschlammverwertungsanlage soll künftig Abwärme liefern. Droht deshalb ein Preisanstieg?

Der Preis für die Fernwärme ergibt sich aus den Kosten für den Energiemix aus den verschiedenen Quellen. Die Klärschlammverwertungsanlage wird sich auf den Preis auswirken, aber ihr Anteil am Energiemix ist so gering, dass sie den Preis nicht komplett auf den Kopf stellen wird.

Die Stadtwerke haben vor zwei Jahren den Betrieb des Gasnetzes übernommen, das bisher an Netze BW GmbH verpachtet war. Zum 1. Januar 2026 steht die Übernahme des Stromnetzes an.

Das ist für ein Stadtwerk unserer Größe eine große Aufgabe, aber auch eine wertvolle Chance, die wir aktiv, engagiert und mit Überzeugung angegangen sind und gerade finalisieren. Zum einen erwarten wir eine zusätzliche Ertragsquelle, da wir Netznutzungsentgelte erheben. Zum anderen können wir die Energieversorgung dann ganzheitlich denken. Ab Januar haben wir alle Sparten – Fernwärme, Gas, Wasser und Strom – bei uns im Haus. Das birgt wirtschaftliche und strategische Vorteile.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Wenn ein neues Gebäude gebaut wird, muss es mit Wasser, Strom und vielleicht mit Gas oder Fernwärme versorgt werden. Bisher sind zwei Unternehmen angerückt und haben Anschlüsse verlegt. Der Bauherr musste sich mit zwei Akteuren abstimmen. Künftig gibt es nur noch einen Ansprechpartner: die Stadtwerke Böblingen. Darüber hinaus merken die Kunden im Idealfall nichts von der Übernahme. Die Stromversorgung läuft wie gewohnt weiter. Den Stromlieferanten dürfen die Kunden selbstverständlich weiterhin frei wählen, daran ändert sich nichts.

Eine gute Gelegenheit für die Stadtwerke, ihr Können unter Beweis zu stellen, ist das geplante Wohnquartier auf dem Rauhen Kapf – dem ehemaligen IBM Areal, in dem bis zu 3000 Menschen leben könnten.

Die alle mit Wärme, Strom und Wasser versorgt werden müssen. Der Wasserverbrauch wird beispielsweise sehr viel höher sein als jetzt, sodass wir einen weiteren Wasserbehälter brauchen. Fernwärmeleitungen gibt es schon, aber die vorhandenen müssen größer werden, damit das neue Quartier versorgt werden kann und im Quartier muss die Wärmeversorgung ausgebaut werden. Die Stromleitungen müssen wir neu planen. Eine große, aber schöne Aufgabe für uns.

Wenn die Wärmewende kommt, wie geht es dann mit dem Gasnetz weiter? Fürchten Sie finanzielle Verluste, wenn Gasleitungen stillgelegt werden?

Wir bauen das Gasnetz dort gezielt zurück, wo es durch Fernwärmeversorgung abgelöst werden kann. Den Rückgang bei den ans Gasnetz angeschlossenen Kunden können wir teilweise durch den Zuwachs bei den anderen Sparten kompensieren. Ganz geht diese Rechnung aber leider nicht auf. Dennoch begreifen wir die Transformation der Energieversorgung als Chance: Wir arbeiten intensiv daran, unsere Infrastruktur zukunftssicher umzubauen und unsere Geschäftsfelder Stromversorgung, Wärmeversorgung und Erzeugung auszubauen.

Die Wärmewende bedeutet eine große Umstellung – warum die Mühe?

Weil der Klimawandel einen spürbaren Einfluss hat und weil wir die technischen Möglichkeiten haben, Energie anders zu erzeugen. Wir können zeigen, dass es anders geht, und sollten das auch tun. Alles andere wäre fatal.

Zwei Frauen an der Spitze der Stadtwerke

Leitung in Frauenhand
Die Stadtwerke Böblingen, ein Unternehmen mit rund 120 Mitarbeitern, wird von Christine Tomschi und Sabine Kaebert geführt. Tomschi kümmert sich um den kaufmännischen, Kaebert um den technischen Bereich. Kaebert ist erst jüngst in die Position aufgerückt, während Tomschis Vertrag als Geschäftsführerin im Oktober bis 2031 verlängert wurde.

Zur Person
Sabine Kaebert ist 46 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern. 2007 stieg sie als Projektingenieurin bei den Stadtwerken ein und hat seither unter anderem in den Bereichen Wasser, Fernwärmeversorgung und Bäder gearbeitet.

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