Auf den durch Stuttgart 21 frei werdenden Gleisflächen ruht ein beträchtlicher Teil der städtebaulichen und wohnungspolitischen Hoffnungen der Landeshauptstadt. Doch gehen Planer und die Rathausspitze auch verantwortungsvoll genug mit diesem Pfand um? Es mehren sich die kritischen Stimmen. Zuletzt hatte ein breites Bündnis aus CDU, SPD, FDP und Freien Wählern im Gemeinderat eine neuerliche Debatte darüber gefordert, ob die im sogenannten Rahmenplan festgeschriebenen Prämissen für die Entwicklung des rund 80 Hektar großen Areals noch zeitgemäß sind.
Kritik von ehemaligem Stadtplaner
Nun melden sich zwei Initiativen zu Wort, um ihre Bedenken öffentlich zu machen: der Verschönerungsverein Stuttgart (VSV) und die Interessengemeinschaft Bürger für Baden-Württemberg (IG Bürger), ein Zusammenschluss, der in der Zeit der Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 gegründet wurde. Für den VSV hat Uwe Stuckenbrock die vorliegenden Pläne einer kritischen Überprüfung unterzogen. Er kennt die Stadtentwicklung aus dem Effeff. Mehr als 30 Jahre war er als Stadtplaner in Diensten des Rathauses.
„Der Rahmenplan bleibt ungemein allgemein“, sagt Stuckenbrock. Dieses Werk ist vom Architekturbüro asp erarbeitet worden, das zusammen mit Köber Landschaftsarchitektur im Jahr 2019 den internationalen städtebaulichen Wettbewerb für das Rosensteingelände gewonnen hat. Stuckenbrock moniert die Veränderungen, die zwischen dem Wettbewerbsergebnis von einst und dem Rahmenplan von heute bestünden. Vor allem die Topografie bereitet dem Stadtplaner Sorgen. Die Geländemodellierung sei aber entscheidend für die Erreichbarkeit des neuen Viertels und damit für die Wechselbeziehungen zwischen neuem Stadtteil und gewachsenen Quartieren drum herum.
Die Gleise liegen heute hoch über dem Unteren Schlossgarten auf einem künstlich geschaffenen Plateau. Sah der Wettbewerbsentwurf noch vor, so viel davon abzutragen, dass es aus dem Park mit moderaten neun Prozent Steigung ins Rosensteinviertel geht, sieht der Rahmenplan nun eine Schräge mit bis zu 22 Prozent vor. „Die Hasenbergsteige hat 17 Prozent“, sagt Stuckenbrock und zieht den Vergleich zu einer der steilsten Straßen, die aus dem Talkessel herausführt. Die Stadt scheue den Aufwand und die Kosten für mehr Abbaggern der heutigen Geländeoberkante. „Dabei ist dieser Aushub im Vergleich zu dem, was bei Stuttgart 21 angefallen ist, zu vernachlässigen“, sagt Jochen Hammer, Vorsitzender der IG Bürger. Der Diplom-Ingenieur ist im Baugewerbe tätig.
Sorge um Erreichbarkeit
Betrifft die Frage der Topografie die Durchlässigkeit in Richtung Schlossgarten und Stuttgarter Osten, so sieht es nach Ansicht von Stuckenbrock auf der entgegengesetzten Seite bei der Verknüpfung mit dem Nordbahnhofviertel auch nicht besser aus. Dort sei etwa die Querung der S-Bahn-Gleise ungeklärt. Und wenn die bestehende Steinbeisstraße wie im Entwurf vorgesehen tatsächlich als Verknüpfung zwischen dem Rosensteinviertel und dem sogenannten C-1-Areal an den Wagenhallen, das ebenfalls zu den S-21-Entwicklungsflächen gehört, verlängert werden sollte, so müssten an der Nordbahnhofstraße Gebäude fallen.
Jochen Hammer bezweifelt überdies, dass die Substanz des heutigen Lokschuppens, der im Neubaugebiet des Rosensteinviertels erhalten bleiben soll, ausreichend geprüft worden ist. Das Betriebsgebäude würde, wenn die ursprünglich vorgeschlagene Topografie realisiert würde, zudem wie auf einem Feldherrenhügel thronen und sich nur schwerlich in die neue Bebauung ringsherum einfügen.
Es seien diese Ungenauigkeiten, Widersprüchlichkeiten und offenen Fragen, die Stuckenbrock zweifeln lassen. „Wird der Rahmenplan der Komplexität der Sache gerecht?“ Eines beruhigt den Stadtplaner allerdings. „Der Rahmenplan hat keine Rechtswirkung.“ Will sagen: Erst wenn Verwaltung und Gemeinderat die Bebauungspläne schmieden, kommt es zum Schwur. Dann entscheidet sich, was auf den ehemaligen Gleisflächen tatsächlich entsteht.