Städtebau in Böblingen Von der Stadt, die nie fertig ist

Leerstand im Böblinger City Carré: Im Prinzip ein Skandal. Foto: tefanie Schlecht

Die städtebaulich wunden Punkte gehen Böblingen nicht aus: Große Projekte schlummern in der Schublade, schreibt unser Redakteur Jan-Philipp Schlecht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Der Winter haucht zwar um das Osterfest seine letzten Kälteschauer aus, doch der Frühling bricht immer stärker durch. Das ist sichtbar in den Innenstädten, die sich erfreulicherweise wieder mit Flaneuren füllen – wenn es denn etwas zu flanieren gibt. So nutzten einige Interessierte dieser Tage die Gelegenheit, sich mit der Böblinger Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger ein Bild vom Umbau ihrer Heimatstadt zu machen. Der Spaziergang führte entlang der Böblinger Flaniermeile in der Bahnhofstraße. Und damit zu städtebaulich wunden Punkten.

 

Einer davon: Der Elbenplatz. Dieser einst gordische Verkehrsknoten der Stadt, den man zu Beginn des Jahrzehnts rausgeputzt und neu geordnet hat. Zwar mag der ein oder andere Verkehrsteilnehmer noch murren. Doch die Verkehrsströme scheinen sich mehr und mehr zu sortieren: als Bindeglied für Fußgänger, Fahrradfahrer und Autofahrer in die Altstadt erfüllt der Platz seinen Zweck. Nur der Zipfel der Stadtgrabenstraße, die auf den Elbenplatz führt, harrt noch seiner Neuerfindung.

Was passiert in der Stadtgrabenstraße?

Hier überlegt die Stadt seit Jahren, den Verkehr auf sechs Stundenkilometer zu verlangsamen, mehr Außengastronomie zu schaffen und knapp die Hälfte der Parkplätze zu streichen. Eine Bürgerbefragung und Verkehrszählungen sollten zeigen, ob sich die Ideen umsetzen ließen. Seit 2024 war davon nichts mehr zu vernehmen. In die Überlegungen dringend mit einbezogen gehören die dort ansässigen Händler: Hier sitzen erfreulicherweise noch mehrere inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte. Sie sind auf gute Erreichbarkeit angewiesen – egal mit welchem Verkehrsmittel.

Weiter in der Bahnhofstraße schlummert seit der Eröffnung des City Carré 2024 auf dem ehemaligen Klett-Areal im Prinzip ein innerstädtischer Skandal. Die Gebäude befinden sich im Besitz der Immobiliengesellschaft Buwog mit Sitz in Berlin. Während in den 107 Wohnungen bereits Leben eingezogen ist, zeigt der Blick in die bodentiefen Fenster der Ladenflächen in der Fußgängerzone nur eines: gähnende Leere. Seit Eröffnung scheint kein Einzelhändler angebissen zu haben – oder die Eigentümer nicht aktiv genug danach gesucht zu haben.

Blick vom Elbenplatz in die Stadtgrabenstraße Foto: Stefanie Schlecht

Denn dass es durchaus möglich ist, ein neues Stadthaus am Tag der Fertigstellung schon voll vermietet zu präsentieren, hat die Böblinger Baugesellschaft mit dem Pulse bewiesen. Zwischen Bahnhofstraße und Wolfgang-Brumme-Allee gelegen ist dort eine zweite kleine Fußgängerzone entstanden, die von Beginn an gut angenommen wurde. Auch hier fanden sich mit einem Drogeriemarkt, Aldi, Decathlon, der Bäckerei Veit und Tegut von Beginn an Publikumsmagneten.

Abgeschlossen ist der Umbau der Unterstadt in Böblingen damit noch lange nicht. Bei den Großprojekten Post-Hochhaus und Einkaufszentrum liegen die Pläne schon lange in der Schublade. Das einst als Vorzeigeprojekt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2027 angepriesene Hochhaus wird im Jahr der Ausstellung niemals fertig. Ein Zeitplan für das Einkaufszentrum ist nicht öffentlich bekannt.

So erinnert Böblingen wie so viele Städte an die barcelonische Sagrada Familia: Wie die Kirche, die nie fertig wird, gibt es auch in der Stadt immer etwas zu bauen. Klar ist aber auch, dass die Innenstädte mit dem Wandel der Zeit gehen müssen. Einzelhandel allein wird nicht der Schlüssel sein, diese lebenswert und attraktiv zu gestalten. Stattdessen braucht es Events oder eine Bespielung anderer Art. Bedauerlich, dass die Stadt jüngst ihr Budget für das Stadtmarketing empfindlich gekürzt hat. Die belebende Wirkung des herannahenden Frühlings muss also erst einmal reichen.

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