Städtebau in Herrenberg Baywa-Areal soll umgeplant werden
Einen schweren Stand haben die Vermarkter des Baywa-Areals im Technischen Ausschuss in Herrenberg. Die Gemeinderäte wollen mehr Bürofläche als Wohnungen.
Einen schweren Stand haben die Vermarkter des Baywa-Areals im Technischen Ausschuss in Herrenberg. Die Gemeinderäte wollen mehr Bürofläche als Wohnungen.
Herrenberg - Wie es so ist, wenn die Planungen lange dauern: Irgendwann überholt die Realität den Plan. Die Realität der Corona-Pandemie war schnell und hart gekommen. Die Menschen entdeckten die Vorteile des Homeoffices, und die Nachfrage nach Büroräumen sank immens, etwa 20 bis 30 Prozent. Dieser Realität musste sich auch die Firma Blue Estate stellen, die in Herrenberg das so genannte Baywa-Areal vermarktet. Dieses ehemalige Gelände einer Tankstelle liegt neben dem Herrenberger Bahnhof und ist so eine Art Filetstück in der Stadtplanung. Ein Viertel, in dem man wohnen und arbeiten kann, so der Plan.
Doch so wie es jetzt aussieht, kann man eher darin wohnen als arbeiten. Den ursprünglich geplanten Mix aus rund 40 Prozent Wohnen und rund 60 Prozent Arbeiten will die Blue Estate umkehren, zu 60 Prozent Wohnen und zu 40 Prozent Arbeiten. Geradezu händeringend beschwor der Geschäftsführer Axel Ramsperger den Ausschuss, diesem Vorschlag zu folgen, unterstützt vom Oberbürgermeister Thomas Sprißler und der Baubürgermeisterin Susanne Schreiber.
Doch der Ausschuss baute eine Wand der Ablehnung auf. Unisono äußerten die Fraktionen ihr Problem mit dem Plan: „Wir tun uns schwer“, sagten die Grünen ebenso wie Albrecht Stickel von der CDU. Denn gerade die Nähe zum Bahnhof und zu den großen Straßen in Herrenberg sprächen gegen eine Wohnbebauung.
Auch Petra Menzel (SPD) appellierte an das Gremium, diesen Schwenk nicht zu tun, denn dann brauche man auch einen neuen städtebaulichen Entwurf. Die Freien Wähler signalisierten ebenfalls, dass sie wohl bereit seien, eine „weitere Schleife zu drehen“, wie es Achim Gack ausdrückte. Angesichts der spürbaren Ablehnung müssen Blue Estate und auch die Stadtverwaltung noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um den neuen Plan für dasBaywa-Areal durchzusetzen. Es bleibt ihnen nicht mehr viel Zeit, denn am Dienstag bei der Gemeinderatssitzung soll über die Aufstockung der Wohnbebauung im Baywa-Areal entschieden werden.
Der Neubau wird gleichsam die Visitenkarte der Stadt werden. Zumindest für Besucher, die mit der Bahn anreisen, ist er, nach der Stiftskirche das Erste, was sie von Herrenberg sehen. Zur Zeit ist das Gelände Brachland, die alten Bauten sind längst abgerissen.
Aus dem städtebaulichen Wettbewerb war damals der Entwurf des Stuttgarter Architekturbüros Ackermann und Raff als Sieger hervorgegangen. Die direkte Nähe zum Bahnhof ist zwar für Pendler von Vorteil, aber „direkt neben einer Bahnlinie zu bauen, ist nicht ganz trivial“, sagt der Architekt Oliver Braun. Zum einen während der Bauzeit, zum anderen selbstredend wegen des Lärms für die künftigen Bewohner, den naheliegenderweise ein Büroblock abschirmen soll. Dass dessen Fassade, eben die neue Visitenkarte, dennoch nicht wirkt wie die Rückwand eines Betonwerks, hatte den Juroren damals besonders gefallen.
Das Quartier wird autofrei sein, ein Blockheizkraftwerk soll Wärme liefern, Solaranlagen den Strom. Gemäß den städtischen Vorgaben sollten vorwiegend Büros entstehen, das Hotel, das ebenfalls geplant war, ist allerdings gestrichen. Aber auch Einzelhandel soll Menschen in das Gebiet locken. Die Mieter oder Eigentümer werden auf einem Boulevard zu einem zentralen Platz schlendern können. Ein Termin für den Baubeginn ist noch offen. Auf dem Grundstück wurden einst eine Tankstelle und ein Heizöllager betrieben.
Ursprünglich war der Spatenstich für den Sommer 2018 geplant. Fünf Jahre zuvor hatte die Stadt das Grundstück gekauft und das Getreidesilo abreißen lassen, das als Scheußlichkeit galt. Als in den 1960er-Jahren die Landwirtschaftliche Zentralgenossenschaft das Ensemble in Betrieb nahm, lag es noch am Rande der Stadt. Später wuchsen Wohngebiete rund ums Gelände. Der noch heute gängige Name des Areals stammt vom Konzern Baywa, die „Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften“. Die Aktiengesellschaft hatte die Bauten im Jahr 2002 übernommen. In der Anfangszeit nach der Eröffnung werden die neuen Quartierbewohner sich mit der Nachbarschaft von Baustellen anfreunden müssen. Das Gelände misst insgesamt 16 000 Quadratmeter. Nur auf knapp der Hälfte davon werden die aktuellen Pläne verwirklicht. Auf dem westlichen Teil des Grundstücks betreibt die Baywa noch heute einen Bau- und Gartenmarkt. Schon 2009 stand ein Konzept für das Grundstück weit oben auf der Wunschliste der Herrenberger. Dies hatte damals eine Bürgerbefragung mit mehreren tausend Beteiligten ergeben.