Städtebaukongress der Stuttgarter Zeitung Der Digitaloffensive mangelt es an Tempo

Blick auf den vollbesetzten Saal in der Rotunde – und in die Zukunft. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Blick auf den vollbesetzten Saal in der Rotunde – und in die Zukunft. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Schnelle Daten- und Mobilfunknetze sind wichtig, aber Experten fordern mehr Mut zum Handeln. Selbst Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut räumt Nachholbedarf ein.

Lokales: Thomas Durchdenwald (dud)
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Stuttgart - Der Vizeministerpräsident Thomas Strobl (CDU) ist nicht nur Innenminister, seine Behörde firmiert neuerdings auch als Ministerium für Digitalisierung – zumindest dem Namen nach ein Hinweis darauf, welchen Stellenwert die grün-schwarze Landesregierung der digitalen Vernetzung beimisst. Das floss im Übrigen auch in die umstrittenen Nebenabreden ein, in denen ein Investitionspaket für Digitalisierung über 325 Millionen Euro enthalten ist. Flugs verteilte Strobl denn auch vor einigen Wochen Förderbescheide zum Ausbau der Glasfasernetze in Höhe von 16,3 Millionen Euro. Die Strategie der jetzigen, aber auch von früheren Landesregierungen sei durchaus überzeugend, sagte Ulrich Dietz, der Chef von GFT-Technologies und Vizepräsident des Branchenvereins Bitkom auf dem StZ-Fachkongress „Stadt der Zukunft“. „Was wir aber brauchen, sind zwei Punkte: rasche Umsetzung der Breitbandoffensive und Erfolgskontrolle“.

Damit Deutschland Leitmarkt für moderne vernetzte Dienste und Produkte werden könne, seien schnelle Datenverbindungen und die 5-G-Mobilfunktechnologie notwendig, sagte Dietz. Vor allem im ländlichen Raum sei die Durchdringung aber „deutlich zu gering“, auch wenn Deutschland und Baden-Württemberg ansonsten im internationalen Vergleich einen guten Mittelfeldplatz einnähmen. Vorne liegen asiatische und skandinavische Länder wie das Beispiel Estland eindrucksvoll zeigt (siehe nebenstehenden Text). „Wenn man hört, was dort gemacht wird, kann man fast depressiv werden“, sagte Dietz in der vom StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs geleiteten Podiumsdiskussion, in der es um die Chancen der vernetzten Digitalisierung für Wirtschaft, Verwaltung und Bürger ging.

Neue Jobs entstehen, wo eine hohe Datenübertragung vorhanden ist

„Neue Geschäftsmodelle und neue Jobs entstehen künftig nur dort, wo wir eine hohe Datenübertragung haben“, sagte Dietz – das gelte für autonomes Fahren und 3-D-Drucker, aber auch für neue Dienstleistungen in allen Bereichen und – besonders wichtig für das Industrieland Baden-Württemberg – vernetzte Maschinenparks. Er kritisierte, dass sich in den vergangenen Jahren im Südwesten die Landesregierung und die Kommunen gegenseitig den Schwarzen Peter zugeschoben hätten, wenn es um den Breitbandausbau ging. „Da muss erheblich nachgearbeitet werden“, sagte Dietz, der die Bedeutung hervorhob: „Das ist nicht die Kür, sondern die Pflicht.“

Dass die digitale Infrastruktur Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg ist, das sei auch bei der Landesregierung angekommen, selbst wenn es beim Ausbau noch Nachholbedarf gebe, räumte die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ein. Die Fördermittel seien nun aber „extrem erhöht“ worden, die Digitalisierung sei ein Schwerpunkt der Landespolitik. „Wir müssen bei dem rasanten Wandel am Ball bleiben und das Tempo erhöhen“, sagte die Ministerin. Die Digitalisierung werde „die Art, wie wir leben und wie wir arbeiten, grundlegend ändern“. Das betreffe das Planen und Bauen, die industriellen Herstellungsprozesse und die Wertschöpfungskette, aber auch den Einzelhandel in den Städten. Das Land versuche den Herausforderungen mit zahlreichen Initiativen gerecht zu werden – von der Berufsausbildung über regionale Digitalisierungszentren, in denen Kommunen, Wirtschaft und Forschung zusammenarbeiten, bis zu Digitalisierungslotsen für den Mittelstand. Allerdings räumte die Ministerin ein, dass gerade im Vergleich zu Estland beim E-Government noch „großer Nachholbedarf“ bestehe und sich viele Kommunen von den Herausforderungen der Digitalisierung überfordert fühlten. Sie sehe aber die vielfältigen Chancen, sagte Hoffmeister-Kraut, „für neue wirtschaftliche Angebote, aber auch für alte Modelle wie das Teilen oder die Nachbarschaftshilfe“.

Zwei digitale „Dörfer“ in Rheinland-Pfalz

Wie das im ländlichen Raum konkret aussehen kann, das stellte Mario Trapp vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering Kaiserslautern vor. In zwei digitalen „Dörfern“ in Rheinland-Pfalz (Betzdorf und dem Donnersbergkreis) erprobt sein Institut digital gestützte Tausch- und Mitnehmangebote, in denen beispielsweise bei der Fahrt vom Arbeitsplatz die Pakete des Nachbarn mitgebracht werden. Auf dem wenig bevölkerten flachen Land brauche man andere digitale Lösungen als in den großen Städten, sagte Trapp. Er war sich aber mit Dietz einig, dass die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung nicht allein in der Technologie liege. „Wir brauchen Mut zum Handeln“, sagte Trapp, „bei uns redet man gerne ein Thema tot, bevor man anfängt und lernt.“ Auch Dietz forderte mehr Offenheit: „Wir brauchen Leuchtturmprojekte“, sagte er, „und müssen mehr in die Zukunft investieren.“ Immerhin aber kümmerten sich in der Landesregierung ja nun der Ministerpräsident und zwei Minister darum. „Da muss ja was rauskommen“, meinte Dietz, was die Zuhörer in der L-Bank-Rotunde mit Lachen quittierten.




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