Städtebauprojekt Stuttgart 21 Bahnprojekt bremst Wohnungsbau aus

Von Josef Schunder 

Die Stadt setzt bei der künftigen Wohnbebauung große Hoffnungen auf das Teilgelände C 1 des Stuttgart-21-Areals. Denn die Bebauung anderer Flächen rückt nach den Verzögerungen bei S 21 in weite Ferne.

Auf der Teilfläche C 1 eröffnen sich beim Städtebauprojekt Stuttgart 21 die ersten Möglichkeiten für den geplanten Wohnungsbau. Foto:  
Auf der Teilfläche C 1 eröffnen sich beim Städtebauprojekt Stuttgart 21 die ersten Möglichkeiten für den geplanten Wohnungsbau. Foto:  

Stuttgart - Die Deutsche Bahn (DB) muss ihren Fahrplan beim Verkehrsprojekt Stuttgart 21 um drei Jahre korrigieren, das hat auch Folgen für das städtebauliche Projekt. Das Teilgelände C 1 des S-21-Areals, auf dem es jetzt schon fast kein Gleis mehr gibt, ist nun der letzte Hoffnungsträger für einen ganz zügigen Wohnungsbau.

Am Mittwoch bereits hatte OB Fritz Kuhn (Grüne) beklagt, die Masse der angepeilten 7500 Wohnungen auf dem S-21-Areal könne nun erst Jahre später gebaut werden, auf C 1 immerhin etwas zeitiger bis zu 1500 Wohnungen. Zwischen Pragfriedhof und Gäubahnkurve werde sich die eine oder andere Nische auftun, um vergleichsweise bald und auch zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 Wohnungen erstellen zu können, hieß es dann am Donnerstag im Rathaus. Städtebaubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) bestätigte dies. So mancher Mitarbeiter befürchtet aber, dass der Zuschnitt auf die IBA, für die innovative Ansätze gefragt sind, die Sache wieder verzögert.

Würde man erst nach der Fertigstellung des neuen Bahnknotens Stuttgart mit dem Wohnungsbau beginnen, wäre das Jahr 2027 nicht zu schaffen. Denn ein von der DB eingeholtes Gutachten sagt voraus, dass das Projekt (letztes offizielles Zeitziel der DB: Ende 2021) erst Ende 2024 fertig werden dürfte. Unklar ist, ab wann die oberirdischen Gleisflächen dann geräumt und bebaut werden könnten. Früher war in der Diskussion, dass die Gleise sicherheitshalber noch ein Jahr nach Fertigstellung von Tiefbahnhof und Tunneln liegen bleiben. Dann könnten sie wohl frühstens Anfang 2026 verschwinden.

Pätzold rechnet aber eher damit, dass die Bahn im Fall der Fertigstellung Ende 2024 die Gleise schon rasch beseitigen will und dass die Stadt spätestens gegen ­Ende des Jahres 2025 mit Neubauten wie für das Kulturquartier am Bahnhof beginnen könnte. Doch das komplette S-21-Areal, ­gerade jenes für den Wohnungsbau, ist groß und für die IBA nicht komplett zu verwerten. Mit dem Gutachten für die Bahn ist der Wohnungsbau auf den Teilflächen A2, B und C2 weiter in die Ferne gerückt, wenngleich die Verwaltung längst mit einem Bauende nicht vor Dezember 2023 gerechnet hatte. Die Vorbereitungen, zunächst für einen städtebaulichen Ideenwettbewerb für das Gesamtareal, ­führe man aber ohne Terminänderung weiter, sagte Pätzold. Ziel: Entscheidung bis Ende 2018.

Zweifel an der Zahl der Wohnungen

7500 Wohnungen auf dem kompletten S-21-Areal, davon 1500 auf dem C-1-Gelände – das steht auch in der Zeitstufenliste Wohnen, in der die Verwaltung die Flächenpotenziale für den Wohnungsbau im nächsten Jahrzehnt auflistet. Seit der Vorlage der Liste sind allerdings Zweifel aufgekommen, ob diese Zahlen tatsächlich noch zu realisieren sind: Möglicherweise seien auch nur noch 6500 möglich, davon etwa 1000 auf C 1, heißt es in der Verwaltung. Inzwischen weiß man, dass beim Kulturzentrum Wagenhallen eine Pufferbebauung nötig wird, die künftige Anwohner vor Lärm schützt. Vielleicht, sagt Detlef Kron, Leiter des Stadtplanungsamts, müsse man das auf der Teilfläche B durch mehr Wohnungen kompensieren. „Die Wohnungen auf C 1 können auch nicht auf einen Schlag gebaut werden“, sagt er. Die Bahn brauche bis mindestens 2023 ihre Logistikflächen im Nordbahnhofviertel. Dann habe die Stadt solchen Bedarf, um Erdmaterial und Geräte für die Veränderung der Höhenverhältnisse im Gebiet B unterzubringen. Daher könne man nicht gleich auf alle C-1-Flächen zurückgreifen, auch nicht schnell auf das C-2-Gelände.

Die Zahl der Wohnungen, gibt Bürgermeister Pätzold zu bedenken, hängt auch noch vom städtebaulichen Wettbewerb und anschließenden Architektenwettbewerben ab. Schließlich wird nicht zuletzt die Baudichte entscheidend sein: die Etagenzahlen und Gebäudeabstände.

Dass den Fraktionen der Wohnungsbau wichtig ist, unterstrichen sie am Donnerstag im Gemeinderat. „Die Verzögerung ist mehr als ärgerlich“, meinte die SPD, der darüberhinaus wie dem OB das längere Warten auf Verbesserungen des öffentlichen Schienenverkehrs missfällt. Die Debatte über die neue Entwicklung und die Folgen für die Stadt will Kuhn Anfang 2018 im S-21-Ausschuss des Gemeinderats öffentlich führen – mit Bahnvertretern und ihren Gutachtern. Die Fraktionen hießen das gut. Die CDU dringt bereits jetzt auf Lieferung des vereinbarten und von der Stadt mitbezahlten Pakets – auch am Flughafen. Die Freien Wähler wollen auch nur bezahlen, was vereinbart und geliefert ist. SÖS/Linke-plus allerdings glauben, dass „dieses Projekt niemals fertig wird“. Sie fordern den Umstieg.




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Das Immobilien-Projekt S 21 bleibt ein Programm der Hochstapler!: Wer das Wahlvolk belügt, hat in Zukunft keine guten Karten mehr. Das beginnt bei der CDU, die mit 4,3 Mrd. Kosten ganz Baden-Württemberg belogen hat, weiter bei den Grünen, die sich lauthals für den Kopfbahnhof einsetzen wollten und als billige Bettvorleger simpel gelandet sind. Betrogen wurden die Bevölkerung auch durch die heute mehr als zweifelhaft anzusehenden Vermittlungsversuche eines Heiner Geißler. Betrogen werden erneut die Steuerzahler, die für die sich neu aufklaffenden Geldverschlingsklüfte von S-21 samt der Neubaustrecke haften müssen. Die einzigen Profiteure verbleiben in der Immobilien-Wirtschaft. Es wird jetzt so langsam Zeit, dass sich die SPD auf die klare Haltung des verstorbenen Herrn Conradi besinnt und sich gut überlegt, wie sie ihre kapitalen Fehler bei diesem Thema bereinigt. Die Grünen werden sowieso bei der nächsten Landtagswahl keine große Rolle mehr spielen. Deren Anbiederung an die CDU ist ja längst mehr als schleimig und zeigt in schlimmsten Beispiel, wie korrumpierbar auch diese Leute sind. Passen wir auf, dass nicht die rechtspopulistische AfD sich Vorteile aus diesem Riesenskandal zieht. Denn das wäre wirklich das Allerletzte.

Kann auf sämtliche oberirdische Gleise verzichtet werden?: In diesem Zusammenhang habe ich kürzlich einen interessanten Fernsehbeitrag aus Zürich gesehen. Dort wurde auf penetrant vernünftige Weise folgendermaßen verfahren: ZUERST hatte man minutengenau den Fahrplan erstellt, den man im Jahre 2030 fahren möchte. Und DANN begonnen die hierzu notwendige Infrastruktur zu planen und bauen. Es würde mich keineswegs wundern, sollte in Zürich 2030 genau dieser Fahrplan bei hoher Pünktlichkeit gefahren werden, und die Kosten im wirtschaftlich grünen Bereich geblieben sein. Es geht also, nur darf man dann die Entscheidungen über notwendige Verkehrsinfrastruktur halt nicht den (IHK/CDU/FDP) Agenten der Bau- und Immobilienwirtschaft überlassen, denn in deren Fokus und Bestreben steht vorwiegend die maximale Verlagerung öffentlicher Gelder auf private Konten.

"Unklar ist, ab wann die oberirdischen Gleisflächen dann geräumt und bebaut werden könnten", es ist doch auch noch völlig unklar, Ob die oberirdischen Gleisflächen vollständig geräumt und bebaut werden können. Es sind nicht nur eingefleischte S21-Kritiker, welche dies bezweiflen sondern auch S21 unabhängige Fachleute (u.a. Professoren aus Delft und Wien). Und was dann? Es ist wirklich völlig blind, einfach daraufloszuplanen ohne zu wissen wie und ob, alleine im Vertrauen auf die immer so zutreffenden Aussagen der DB AG bezüglich S21. Bei Kosten und Terminen haben deren Aussagen bisher NIE gestimmt, und bei der Leistung gibt es unabhängige Zweifel. Wer klug ist schaut vorraus.

Neu denken: Irgendwann kommt bei jedem Plan der Punkt, an dem man nicht mehr weiter kommt und noch mal völlig neu ansetzen muss. Stauhauptstadt und Feinstaubalarm sollten zu denken geben, ob eine weitere Besiedelung des Kessels wirklich zukunftsfähig ist. Klar ist es ökologisch bedenklich, wenn einfach neues Bauland "auf der grünen Wiese" geschaffen wird, in einer Großstadt kommt es aber doch darauf an, das Verhältnis von versiegelter Fläche zu Grünland nicht zu verschlechtern. Das kann -statt an der Konversion ehemaliger Bahnflächen - auch durch Bebauung am Stadtrand und entsprechender Begrünung und Rekultivierung des frei werdenden Bahngeländes erreicht werden. Die Stadtplanung sollte dringend prüfen, ob nicht ein guter Teil des Pendlerverkehrs vermieden werden kann, wenn Wohnungen dort entstehen, wo auch die Arbeitsplätze sind. Ich denke da an Untertürkheim, Zuffenhausen oder Feuerbach. Der Faktor Zeit ist das eine Argument, kurze Wege sind das andere.

OB völlig unfähig und naiv: Zur Rechtfertigung des immer zweifelhafteren Großprojekts wurde werbeschlau aus dem lebenswichtigen Verkehrsprojekt für Baden-Württemberg klammheimlich ein Städtebauprojekt. Ein Städtebauprojekt bis heute eigentlich ganz ohne wirklichen Plan oder Konzept - das es über Jahre in Wirklichkeit nie im Vordergrund stand und eigentlich nur eine zwangsläufige Planungsphantasie der so unglaublich dringend nötigen (2024?) Anbindung von Stuttgart an den internationalen Fernverkehr war. Aber immer mehr jetzt das nebulöse Rosensteinviertel als billige Rechtfertigung für endlose Milliarden, die die Bahn selbstlos für Stuttgarter Städtebau ausgeben soll. Und der peinliche Mooswand-OB ohne Plan, Durchsetzungsfähigkeit oder gar eigene Überzeugungen hat sich billig und naiv an diese eigentlich durchschaubare S21-Kampagne und pseudostädtebauliche Luftnummer anhängen lassen und das städtebauliche Schicksal der Stadt jetzt vollends dem völlig desaströsen und unberechenbaren Großprojekt überlassen. Das ist so unglaublich schwach und dumm!

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