Städtepartnerschaft Brücke zwischen West und Ost

Oberbürgermeister Roland Klenk (rechts) empfängt im Leinfeldener Rathaus den Chor Kalina (links) aus der ukrainischen Partnerstadt Poltawa. Foto: Jens Noll
Oberbürgermeister Roland Klenk (rechts) empfängt im Leinfeldener Rathaus den Chor Kalina (links) aus der ukrainischen Partnerstadt Poltawa. Foto: Jens Noll

Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt und Ostfildern feiern 25 Jahre Städtepartnerschaft mit Poltawa. Die Freundschaft wurde besiegelt, als der Eiserne Vorhang noch hing.

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Filder - Kräftiger Gesang und Akkordeonklänge füllen den Sitzungssaal des Leinfeldener Rathauses. Roland Klenk ist sichtlich beeindruckt. „Die Musik ist, wenn schon die Sprache ein Problem ist, der beste aller Botschafter“, sagt der Oberbürgermeister, der sich seine Worte ins Ukrainische übersetzen lässt. Am Mittwoch hat das Stadtoberhaupt den Chor Kalina aus Poltawa empfangen.

Die Musiker treten heute Abend vor einem größeren Publikum in der Filharmonie in Bernhausen auf. Dort kommen geladene Gäste zu einem Festakt zusammen. Der Anlass: In diesem Jahr feiern Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt und Ostfildern das 25-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft mit Poltawa.

„Das spannendste ist ja, dass die Partnerschaft 1988 begründet wurde, als der Eiserne Vorhang noch hing“, sagt Filderstadts Kulturbürgermeister Andreas Koch. Sein Onkel Gerhard Koch unterzeichnete als OB von Ostfildern am 27. Oktober 1988 in Poltawa mit seinen Amtskollegen Peter Bümlein (Filderstadt), Wolfgang Fischer (L.-E.) und Iwan Onoprijenko (Poltawa) den Partnerschaftsvertrag.

Intensive Gespräch mit der sowjetischen Botschaft

Mit am Tisch saß damals Peter Grischtschenko als Vorsitzender der Regionalgruppe Filder der deutsch-sowjetischen Gesellschaft. Diese hat das Fundament für die Partnerschaft zwischen den Filder-Kommunen und der osteuropäischen Großstadt (heute 320 000 Einwohner) gelegt und die ersten Öffnungstendenzen zwischen Ost und West genutzt. „Wir haben viele Verhandlungen mit der sowjetischen Botschaft geführt“, erzählt Grischtschenko.

Aus dem Friedensgedanken heraus habe man sich auf die Ukraine geeinigt, berichtet der Stettener. „Da hat die Deutsche Wehrmacht ganz schön gewütet.“ Die sowjetische Seite schlug drei an einer Partnerschaft interessierte Städte vor, eine Delegation von den Fildern reiste daraufhin mit Flugzeug, Zug und Bus nach Osteuropa. „Wir sind zwölf Tage auf Brautschau gegangen“, sagt Willi-Klaus Nawrath, der früher CDU-Stadtrat in Filderstadt und Rektor des Eduard-Spranger-Gymnasiums war.

Die Wahl fiel auf Poltawa. In der Stadt an der Worskla, einem Nebenfluss des Dnjepr, fiel der Empfang herzlich aus und die politische Einstellung stimmte. „Man merkte, dass sich die Ukrainer eine gewisse Eigenständigkeit in der Sowjetunion erhalten haben“, sagt Nawrath. Von Beginn an war der Schüleraustausch eine wichtige Stütze der Städtepartnerschaft. Neben der Völkerverständigung war den Initiatoren wichtig, dass die deutschen Schüler das Leben in ärmlicheren Verhältnissen kennenlernen.

Zahlreiche Hilfsorganisationen

Aufgrund der unterschiedlichen Lebensumstände zwischen den Filder-Städten und Poltawa wurden im Laufe der Jahre viele Hilfsaktionen gestartet. Die deutsche Seite organisierte Hilfstransporte, sammelte Spenden und leistete vor allem auf dem Gebiet der Medizin viel Unterstützung. Die Sowjetunion zerbrach, die Freundschaft gedieh. Ein reger Wissenschaftsaustausch kam hinzu, zudem absolvierten Deutschlehrer aus Poltawa Praktika auf den Fildern, Musikgruppen reisten von Ost nach West und umgekehrt.

Grischtschenko hat sich mittlerweile aus den Austauschaktivitäten zurückgezogen. Sein Eindruck: Die Partnerschaft ist heute nicht mehr so stark in der breiten Bevölkerung verankert wie in den Anfangsjahren. Gerne erinnert er sich an jährliche Bürgerreisen mit bis zu 45 Teilnehmern zurück. Heute sind es seiner Ansicht nach neben den Stadtverwaltungen viele Einzelne, die mit ihrem Engagement den Austausch am Leben halten.

Der Filderstädter Bürgermeister Andreas Koch betont den Wert der Begegnung. „Nur wenn man Verständnis füreinander hat, dann kann Freundschaft und Partnerschaft wachsen“, sagt er. Seine Vision: Die ferne Ukraine wird in den nächsten Jahren näher an Deutschland und die Europäische Union heranrücken. „Die Leute sind motiviert, Anschluss an Europa zu bekommen.“




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