Zum ersten Mal seit Beginn des Angriffskrieges dürfen Schüler in der ukrainischen Partnerstadt wieder in ihren Klassenzimmern unterrichtet werden. Allerdings nur, wenn ihre Schulen ganz bestimmte Bedingungen erfüllen.
Für 3000 Mädchen und Jungen hat am 1. September in Poltawa – der ukrainischen Partnerstadt von Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt und Ostfildern – ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Die Kinder sind nun Erstklässler. Von ihrer Stadt haben sie eine Art Schultüte geschenkt bekommen. „Ein Päckchen mit 33 Gegenständen, die sie für die erste Klasse gut gebrauchen können“, sagt Alena Trenina. Sie ist in Leinfelden-Echterdingen für die ukrainische Städtepartnerschaft zuständig und steht im Austausch mit den Mitarbeitern des Rathauses von Poltawa.
Zum ersten Mal seit Ausbruch des russischen Angriffskrieges dürfen die ukrainischen Schüler – wenn ihre Eltern das wollen und unterschrieben haben – auch wieder in ihren Klassenräumen Platz nehmen. „Im Vorfeld gab es in jeder Schule Elternabende. Die Eltern haben entschieden, welche Form des Unterrichts sie für ihr Kind wählen“, sagt die städtische Mitarbeiterin.
Vom Bildungsministerium sei empfohlen worden, dass Schüler der ersten, fünften, neunten und elften Klasse am Präsenzunterricht teilnehmen, berichtet sie. Einen solchen Unterricht dürften aber nur jene Bildungseinrichtungen anbieten, die über einen eigenen Schutzraum verfügen. Außerdem müsse es ausreichend Erwachsene geben, welche die Kinder und Jugendliche bei Bomben-Alarm dorthin begleiten.
Eltern seien verpflichtet, ihren Kindern einen Rucksack für die Alarm-Situation mitzugeben. Der Inhalt: ein Foto der Eltern, Wasser, Essen, ein Spielzeug, eine kleine Decke. Viele Familien haben sich gegen den Präsenzunterricht entschieden. Zur Eröffnung des Schuljahrs seien nur wenige Kinder in die Schulen gekommen, hat Trenina von ihrer ukrainischen Kollegin erfahren. Die überwältigende Mehrheit wird also weiter online unterrichtet.
Ein anderes Problem: Aktuell leben knapp 40 000 Binnenflüchtlinge in Poltawa, sagt Trenina. Die Menschen sind aus zerbombten ukrainischen Städten geflohen. Sie haben Zuflucht in dem bisher von kriegerischen Handlungen verschonten Poltawa gesucht, sind dort in Schulen, Kindergärten und Sportzentren untergebracht. Falls diese Einrichtungen über einen Schutzraum verfügen, müssen die Flüchtlinge nun dort aber ausziehen. „Dies möchten sie nicht, denn sie leben dort teilweise seit März und haben sich an den Ort gewöhnt. Sie werden trotzdem in städtische Einrichtungen ohne Schutzraum umgesiedelt.“
Die Stadt Poltawa sei verpflichtet, die Flüchtlinge drei Mal am Tag zu verpflegen. Tonnenweise müssen dafür Lebensmittel, Hygienemittel und auch Putzmittel eingekauft werden. Möglich wird das durch Geldspenden aus den drei Filderkommunen. Alena Trenina, die das gemeinsame Spendenkonto verwaltet, hat bisher einen Betrag von 118 000 Euro nach Poltawa geschickt. Neben Lebensmitteln wurden mit dem Geld Ausrüstungen für Not- und Rettungsdienste angeschafft. Oleksandr Mamaj, der Oberbürgermeister von Poltawa, berichtet regelmäßig auf der Homepage seiner Stadt, welche Unterstützung von den Fildern kommt. Die Stadt Poltawa habe ein Infozentrum eingerichtet. Dort könnten die Binnenflüchtlinge Rechtsbeistand oder psychologische Hilfe erhalten. Computer seien bereitgestellt worden, damit E-Mails an Bekannte und Verwandte verschickt werden können.
Wie können wir den Menschen in Poltawa helfen? Die städtische Mitarbeiterin geht davon aus, dass diese Frage am 24. November beim sogenannten Poltawa-Ausschuss der drei Filderkommunen besprochen wird. Seitens Leinfelden-Echterdingen gibt es die Idee, eine Online-Weiterbildung für Ärzte in Poltawa anzubieten.
Energie sparen in Poltawa
18 Grad im Winter
Um Energie zu sparen, ist die Bevölkerung in Poltawa aufgefordert worden, Wände, Türen und Fenster ihrer Wohnungen abzudichten, damit im Winter die Wärme in den Räumen bleibt. „Es wird zentral geheizt“, erklärt Alena Trenina, die in Leinfelden-Echterdingen für die ukrainische Partnerschaft zuständig ist. Die Heizwerke haben angekündigt, private Haushalte in diesem Winter nur noch auf 18 Grad zu erwärmen. „Nicht weniger, aber auch nicht mehr.“ Für die Poltawiken, die zu Hause auch im Winter gerne kurze Hemden und Blusen tragen, wie Trenina sagt, sei dies eine große Umstellung.
Wie in Europa
Trotz des Krieges sei die Ukraine weiterhin bemüht, sich an Europa anzupassen. So seien Antibiotika seit dem 1. September nur auf Rezept erhältlich. Die Medikamente waren zuvor frei zugänglich.