„Fällt euch was auf?“, fragt Gary Walther und blickt gespannt durch seine Brillengläser. Meint er die fehlenden Wolkenkratzer? „Es gibt keine Geräuschkulisse.“ Tatsächlich. Es ist erstaunlich ruhig. Keine hupende Taxis, heulende Sirenen oder dröhnende U-Bahnen.
Während drüben im Herzen von New York City die Stadt niemals schläft, ist Brooklyn eine Oase der Ruhe. Beim Laufen hört man plötzlich wieder die eigenen Turnschuhe sanft quietschen. Es sieht aus wie in einer Kleinstadt und ist doch ein Teil der Weltmetropole.
Die Menschen eilen nicht hastig durch die Straßen, sondern warten brav an Fußgängerampeln auf das weiße Signal, das zum Gehen einlädt. In Manhattan interpretiert man die Leuchtsignale nur als grobe Empfehlungen und hofft, nicht überfahren zu werden.
Brooklynite führt durch seinen Kiez
Gary Walther ist Journalist im Ruhestand. Er hat die ganze Welt bereist und spricht neben Englisch auch fließend Deutsch und Italienisch. Der geborene Brooklynite hat Spaß daran, fremde Menschen zu treffen und durch seinen Kiez zu führen. Einmal im Monat ist er als Greeter im Einsatz. So nennt sich eine Gruppe von ehrenamtlichen Hobby-Guides. Etwa 300 New Yorker engagieren sich als Botschafter ihrer Stadt.
Die Initiative wurde vor rund 25 Jahren in New York gegründet und hat sich inzwischen weltweit verbreitet. Das Prinzip: Einheimische zeigen ihre Lieblingsplätze, erzählen Anekdoten und freuen sich, im Gegenzug Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen. Greeter-Touren führen nicht zu klassischen Sehenswürdigkeiten, sondern in versteckte Ecken, mitten hinein in den Alltag der Einheimischen. Authentischer geht’s kaum.
Touristenprogramm: Manhattan und vier Boroughs
Die meisten New-York-Touristen schauen sich nur Manhattan an und lassen die anderen vier Boroughs, wie die Bezirke heißen, links liegen. Wie schade! Brooklyn ist einer von fünf New Yorker Stadtteilen und liegt auf der östlichen Seite des East River, nur eine kurze U-Bahn-Fahrt von Manhattan entfernt. Besonders schön ist eine Annäherung zu Fuß. 45 Minuten dauert der Spaziergang. Der aussichtsreiche Weg führt über die berühmte Brooklyn Bridge, eine 1883 eingeweihte Hängebrücke mit Schrägseilen.
Das Dorf Brooklyn wurde 1634 von niederländischen Siedlern als „Breukelen“ gegründet, einen Steinwurf von „Nieuw Amsterdam“ entfernt. Ein paar Jahrzehnte später übernahmen die Briten hier die Herrschaft, und die Namen wurden angliziert. 1898 wurde der Ort eingemeindet. „Wäre Brooklyn noch heute eigenständig, zählte die Stadt mit 2,6 Millionen Einwohnern zu den vier größten der USA“, erzählt Gary Walther.
Facetten einer riesigen Stadt in der Stadt
An einem Nachmittag kann man nur eine kleine Facette der riesigen Stadt in der Stadt kennenlernen. Der ehrenamtliche Guide – lässig unterwegs in T-Shirt und bequemen Sneakern – zeigt Brooklyn Heights, eine idyllische Gegend direkt am Flussufer. „Bedford oder Williamsburg mögen hipper sein, aber hier in Brooklyn Heights kann man Geschichte erleben.“
Brooklyn Heights, so erzählt Gary Walther, war der erste Pendlervorort der USA. Möglich gemacht hat das eine Dampffähre, die Brooklyn und Manhattan verband. Ab 1860 blüht der Ort auf. Während an der Wall Street drüben das große Finanzrad gedreht wird, steht Brooklyn für handfeste Arbeit – Industrieanlagen, Werften, Brauereien, Schlachthöfe, Bauernhöfe.
Heute gehört das Viertel dem Großbürgertum. „Die ganze Gegend steht unter Denkmalschutz. Brooklyn Heights ist seit 1965 ein historischer Bezirk. Hier stehen noch viele Gebäude, die vor dem amerikanischen Bürgerkrieg gebaut wurden“, berichtet Gary Walther.
Architekturfans finden vielfältig Stile von viktorianisch über klassisch, neuromanisch, bis hin zu Federal Style. Berühmt sind die hübschen Brownstones – kleine Reihenhäuser aus schokoladenbraunem Sandstein –, die Straßen sind gesäumt von Schatten spendenden Platanen.
Teure Stadtviertel
Immer wieder kramt Gary Walther Unterlagen aus seiner Umhängetasche. „Brooklyn ist inzwischen teurer als manche Ecke in Manhattan. Viele mögen es, dass es im Vergleich zu Manhattan fast dörflich hier ist“, so der pensionierte Journalist. Da mehr und mehr Promis nach Brooklyn Heights ziehen, erklärte die „New York Times“ das Viertel kürzlich zum neuen Trend-Stadtviertel.
Zu den bekanntesten Bewohnern zählen die Schauspieler Matt Damon, Emily Blunt oder Amy Schumer. Doch Brooklyn Heights war schon immer ein Ort der Künstler und Intellektuellen. Auf der langen Liste der berühmten Brooklynites steht etwa der Schriftsteller Arthur Miller. Im Haus Montague Street 62 schrieb er den „Tod eines Handlungsreisenden“. Im Souterrain von Willow Street 70 lebte sein Kollege Truman Capote von 1955 bis 1965. „Hier verfasste er das Buch ,Frühstück bei Tiffany‘“, sagt Gary Walther.
New Yorks Kirchen
Ein paar Schritte von Capotes Quartier entfernt in der Orange Street wurde Geschichte geschrieben: In der Plymouth Church predigte der Pfarrer Henry Ward Beecher Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Sklaverei und versteckte entflohene Sklaven. Seine Schwester Harriet Beecher Stowe ist die Autorin des Romans „Onkel Toms Hütte“.
Die großen Bronzetüren der maronitischen Kirche „Our Lady of Lebanon“ zeigen Motive französischer Kathedralen. Wie das bloß kommt? Als der Ocean-Liner „Normandie“ 1942 im Hafen von New York in Brand geriet, kenterte und zerstört wurde, konnte man ein paar Bauteile retten. Die Türen zum Speisesaal der ersten Klasse wurden geborgen und sind hier eingesetzt.
„Das Beste kommt zum Schluss“, sagt Gary lächelnd und führt seine Gäste zur Flusspromenade. Man hat einen spektakulären Blick auf die Südspitze der Insel Manhattan und den Hafen – inklusive der Freiheitsstatue, Governors Island und der Skyline des Finanzdistrikts. Der schmale Park wurde 1950 eröffnet und befindet sich direkt über einer viel befahrenen Schnellstraße, dem Brooklyn-Queens Expressway. Hier hört man sie wieder – die Stadt, die niemals schläft.
Info: New York
Anreise
Ab Frankfurt fliegen zum Beispiel Lufthansa (www.lufthansa.com) oder Singapore Airlines (www.singapore.com) nach New York zum John-F.-Kennedy-Airport.
Unterkunft
Lage, Lage, Lage: Das 1 Hotel Brooklyn Bridge befindet sich direkt am East River mit spektakulärem Blick auf Manhattan. DZ ab 700 Euro, http://1hotels.com. New York Marriott at Brooklyn Bridge liegt fußläufig nach Brooklyn Heights und zur Brücke. DZ ab 400 Euro, www.marriott.com.
Essen und Trinken
Gage and Tollner ist ein traditionsreiches Lokal, gegründet 1879, mit viel Flair, leckerem Essen und freundlichem Personal, www.gageandtollner.com. Drinks und Burger gibt es in der kürzlich eröffneten Kneipe Ingas Bar, www.instagram.com/ingasbarnyc/
Aktivitäten
Stadtrundgänge mit Einheimischen anfragen: www.bigapplegreeter.org. Infos zum Stadtviertel unter https://thebha.org/
Allgemeine Informationen
www.nycgo.com