Stäffeles-Tag in Stuttgart Pflegt die Stäffele!
Der Stuttgarter Stäffeles-Tag, den die Stadt an diesem Wochenende veranstaltet, lenkt den Blick auf ein Kulturgut, das mehr Aufmerksamkeit verdient. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Der Stuttgarter Stäffeles-Tag, den die Stadt an diesem Wochenende veranstaltet, lenkt den Blick auf ein Kulturgut, das mehr Aufmerksamkeit verdient. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Es kann nur aufwärts gehen, sagen wir uns am Ende dieser von Tiefs beherrschten Woche und steigen erwartungsvoll die Eugen- staffel hinauf, die wir schon jüngst erklommen haben, auf die wir dennoch gerne zurückkommen. Erstens, weil die Stadt diesen Samstag zum Stäffeles-Tag erklärt hat und auf dem Eugensplatz ein Stäffeles-Fest ausrichtet. Und zweitens, weil es nicht unwidersprochen geblieben ist, als wir Stuttgart zur „Cäpitäl of the Stäffele“ ausgerufen haben.
Eine vergnügliche Reaktion stammt von Dirk Vogel aus Heilbronn. Dort gibt es ebenfalls Stäffele, allerdings nicht halb soviele wie in Stuttgart oder Wuppertal, wo der Leser längere Zeit wohnte und folglich ein Stäffeles-Sachverständiger ist. Als solcher weiß er zu berichten, dass Wuppertal „numerisch mit rund 500 Treppen und 12 000 Stufen die Nase vorn hat vor Stuttgart“, das seinerseits etwas mehr als 400 Stäffele zählt. Sodann behauptet Leser Vogel, dass Wuppertal auch sprachlich mehr zu bieten habe, als das von The LÄND inspirierte „Cäpitäl of the Stäffele“: „Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich sage, dass Ihr Titel bei Weitem nicht an den lautmalerischen Namen der wohl berühmtesten Wuppertaler Treppe herankommt.“ Sie heißt: „Tippen-Tappen-Tönchen“.
Klingt zugegeben nicht schlecht, und es gibt auch eine klangvolle Geschichte dazu: „Die Treppe wurde im 19. Jahrhundert zur Erschließung eines neu erbauten Arbeiterviertels erstellt. Der Name leitet sich von den Geräuschen ab, die die Holzschuhe verursachten, die dort im 19. Jahrhundert getragen wurden.“ Besagte Treppe, so lernen wir, wurde sogar in einem Karnevalslied besungen: „Eck kenn en Mädchen und dat heet Lehnchen, dat wönnt en Wopperdahl am Tippen-Tappen-Tönchen. Do steht en ganz kleen Hus, do kiekt dat Mädchen ruut; wer kennt nit dat Lehnchen vam Tippen-Tappen-Tönchen.“
Fein! Als hiesiger Stäffelesrutscher kann man nur applaudieren. So ein Lehnchen haben wir nicht. Dafür die Komiker Oscar Heiler und Willy Reichert, denen in Stuttgart je ein Stäffele gewidmet ist. Und auch um unsere Treppenanlagen ranken sich Geschichten. Aber keineswegs nur unterhaltsame, wenn man etwa an die Else-Himmelheber-Staffel im Stuttgarter Süden denkt, deren 166 Stufen die Armin- und die Mörikestraße verbinden. Die Ostheimerin Else Himmelheber war eine Widerstandskämpferin, Mitglied der sogenannten Schlotterbeck-Gruppe. 1944 wurde sie im KZ Dachau ermordet. Über so etwas geht man, unabhängig von der Kondition, nicht flott hinweg, auch wenn die Stadt die Stäffele neuerdings als schnelle öffentliche Verbindung preist und ihren „funktionalen Mehrwert“ hervorhebt.
„Wer Stuttgart verstehen will, muss seine Stäffele kennen“, meint Matthias Vosseler, Pfarrer der Stiftskirchengemeinde. Er wohnt im Pfarrhaus an der Eugenstaffel, die diese Woche Schauplatz eines „Tatort“-Drehs mit Richy Müller war. Vosseler hält die Stäffele für „welterbewürdig“. Sie hätten nicht nur verkehrlich einen verbindenden Charakter.
Zugleich sieht er mit Sorge, in welchem Zustand sich etliche Stäffele befinden: die Stufen teils auseinandergebrochen, die Geländer vom Rost angenagt. Dazu kommt die Belastung durch den sich häufenden Starkregen. Anlässlich des ersten Stuttgarter Stäffeles-Tags fragt Vosseler laut: „Wie können wir dieses Kulturgut erhalten? Gerade jetzt, wenn kaum noch Geld zur Verfügung steht?“ Eine Antwort steht aus. Doch vielleicht reicht es in Stuttgart nicht mehr, nur Stäffelesrutscher zu sein. Vielleicht braucht es mehr Stäffeleskümmerer und -macher?