Stalking Erst schrieb er Liebesbriefe, dann Morddrohungen

Von Kathrin Brenner 

Sie und er waren nie ein Paar. Nur vom Sehen kennt Anna M. ihren Verfolger. Er sagte, er liebe sie. Jetzt schreibt er „Hure“ an Hauswände und malt ihr Grab. Die Geschichte eines Albtraums.

Andauernde Belästigungen per SMS, Brief oder Telefon – Stalker setzen ihre Opfer großem psychischem Druck aus. Foto: dpa
Andauernde Belästigungen per SMS, Brief oder Telefon – Stalker setzen ihre Opfer großem psychischem Druck aus. Foto: dpa

Stuttgart - Es begann ganz harmlos. Anna M. begegnete dem Mann, der ihr Stalker werden sollte, ein paar Mal auf der Straße. Im Frühjahr 2014 war das, in dem kleinen baden-württembergischen Dorf, in dem sie wohnt. „Guten Morgen“ war alles, was die beiden damals zueinander sagten.

Doch dann fand die 53-Jährige eines Tages einen Brief in ihrem Briefkasten, den er verfasst hatte. Er liebe sie, wolle mit ihr zusammen sein, wolle sie heiraten. „Manchmal waren es zehn Briefe an einem Tag.“ Ohne Briefmarke – er hatte die Botschaften selbst eingeworfen. Dieser eigentlich fremde Mann wusste, wo sie wohnte, wo sie arbeitete, wer ihre Freunde sind. „Ich weiß bis heute nicht, wie er das alles herausgefunden hat“, sagt Anna M. ratlos.

Irgendwann traf sie ihn, um ihm zu sagen, er solle sie in Ruhe lassen. „Von da an habe ich Hassbriefe bekommen. Er hat gedroht, mich umzubringen, seine Leute bei mir vorbeizuschicken.“ Und dann, eines Tages, machten Freunde sie auf eine Schmiererei im Ort aufmerksam. „Anna M. ist eine Nutte“ stand da. Der Stalker hatte ihren vollen Namen mit schwarzem Stift an eine Wand geschrieben. Jeder konnte es lesen. Anna M. ging zur Polizei und erstattete Anzeige. Der Täter gestand. Er sei sauer auf sie gewesen.

Nur mit Pfefferspray aus dem Haus

Stalking, das beabsichtigte und wiederholte Verfolgen und Belästigen eines Menschen, im Strafgesetzbuch unter Paragraf 238 mit „Nachstellung“ bezeichnet, kann mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden. Anna M.s Stalker läuft noch immer frei herum. Und noch immer belästigt er sie.

Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Straftatbestand der Nachstellung erfüllt ist: Die Lebensgestaltung des Opfers muss durch die Attacken schwerwiegend beeinträchtigt sein. „Das bedeutet zum Beispiel, dass das Opfer wegen des Stalkings den Arbeitsplatz wechselt, umzieht, die Fenster der Wohnung dauerhaft verdunkelt oder das Haus nicht mehr verlässt“, erklärt Jochen Link, Opferanwalt und ehrenamtlich beim Weißen Ring tätig.

Anna M. erzählt, dass sie kaum noch alleine das Haus verlässt. Wenn sie es tut, schaut sie sich ständig um. „Ich gehe nur noch mit Pfefferspray und Messer raus“, sagt sie. Oft hat sie so schlimmes Herzrasen, dass sie glaubt, einen Herzinfarkt zu erleiden. Erst kürzlich war sie deswegen im Krankenhaus. Man kann durchaus sagen, dass ihr Leben durch das Stalking schwerwiegend beeinträchtigt ist.

„Hure“ steht auf Parkbänken

Bei der beschmierten Wand mitten im Ort ist es nicht geblieben. Der Mann, der Anna M. verfolgt, hat ihr Grab auf Parkbänke gezeichnet, „Nutte“ und „Hure“ daneben geschrieben. Sie ist wieder zur Polizei gegangen und hat ein Annäherungsverbot nach dem Gewaltschutzgesetz erwirkt. Doch ihr Stalker hat sich nicht daran gehalten. Er ist psychisch krank und nicht schuldfähig, berichtet Anna M. verzweifelt.

Jochen Link vermutet, dass dies ein wesentlicher Grund dafür ist, dass der Mann, gegen den zwei Strafanzeigen vorliegen, noch immer frei herumläuft. „In solchen Fällen müssen zahlreiche Beweise gesammelt und gesichtet werden. Das ist mitunter schwierig“, erklärt der Jurist. Bei einem möglicherweise schuldunfähigen Täter bedarf es zudem eines Gutachtens, auch das brauche seine Zeit. Anna M. kann schwer nachvollziehen, warum das alles so lange dauert. Seit zwei Jahren lebt sie nun schon mit der Angst. „Es ist schwer auszuhalten. Ich fühle mich von der Polizei und den Richtern alleingelassen“, sagt sie.