Wie eine Wolke, die unmittelbar über den Boden streift, bewegt sich die kleine Schafherde über den Spazierweg, der zwischen Iznang und Gundholzen auf der Bodensee-Halbinsel Höri durch das Naturschutzgebiet führt. Ein ungewöhnliches Bild. Und noch ungewöhnlicher ist die Geschichte, die sich daran knüpft.
Ihre Hauptperson heißt Hardy Buck, 63. Nicht weniger wichtig ist seine Partnerin Barbara Stotz, 59. Und dann sind da noch Resa, Jacky, Hedwig, Zoé, Lola, Bonnie, Lilian, Stan, Rosalie, Amelie, Agathe, Lemonie, Mia und neuerdings die kleine Ida. 14 Schafe, davon zwei Hammel. Hardys und Barbaras Herde. Fast so etwas wie Lebensgefährten.
Sie stellten schnell fest, dass das genau ihr Ding war
Die ungewöhnliche Geschichte beginnt am 24. Februar 2020. Hardy Buck weiß es noch ganz genau, denn an jenem Tag fing etwas Neues in seinem Leben an. Gemeinsam mit seiner Partnerin machte der gebürtige Balinger einen Spaziergang auf der Bodensee-Halbinsel Höri. Dorthin war er im Jahr zuvor gezogen, nachdem er seinen Manager-Job bei Hewlett Packard in Böblingen nach fast 30 Jahren an den Nagel gehängt hatte.
Bei Gaienhofen kamen sie an einer Koppel vorbei und wurden Zeugen, wie ein Schaf gebar. Ein einschneidendes Erlebnis. Das Muttertier starb, das Lamm überlebte. „Resa hat sich vier Stunden lang ins Leben gekämpft“, erzählt Hardy Buck, als wäre es gerade erst gewesen. Es stellte sich heraus, dass der Schäfer wenig Neigung hatte, das Lämmchen großzuziehen, denn es bedeutete, das Tier ein Vierteljahr lang täglich mit Schoppen zu versorgen. Hardy Buck war beeindruckt vom Lebenswillen des Lammes. „Barbara und ich haben uns beraten und beschlossen, dass wir es versorgen und aufziehen.“ So fing’s an mit der Schäferei.
Schnell stellten sie fest: Das Leben mit Schafen war genau ihr Ding. Statt ins Büro ging er jetzt in den Stall und das mit wachsender Begeisterung. Ende 2021 setzte sich der alte Schäfer in Gaienhofen-Horn zur Ruhe. Nach einigem Überlegen entschlossen sie sich, den Stall zu kaufen. Sie bauten ihn um und fingen an, mit den Schafen spazieren zu gehen. Eine ideale Beschäftigung während der Pandemie. Und überhaupt. Inzwischen sind Hardy und Barbara, die als Medizinische Fachangestellte in der Neurologie arbeitet, leidenschaftliche Schäfer. „Wir sind da richtig reingewachsen“, sagt sie. Und die Schafe sind ihnen ans Herz gewachsen.
Von Resa bis Mia – eine kurze Vorstellungsrunde
Höchste Zeit, sie vorzustellen, wie sie da um Hardy Buck auf dem Spazierweg herumstehen. Gestatten Resa, das Urschaf, das Hardy Bucks Leben eine neue Wendung gab. Er nennt sie das Wonneschaf. Daneben steht Rosalie, das Kuschelschaf – „es sucht Kontakt zu Menschen und will immer gekrault werden.“ Die nächste ist Zoé – mit knapp elf Jahren das älteste Schaf der Herde und wichtig für die Gruppe, weil Seniorität unter Schafen etwas zählt. Reserviert und wachsam sei sie, sagt Hardy Buck: „Sie beobachtet die Umgebung und gibt die Kommandos.“ Ähnlich wie Hedwig, die Furchtlose. „Bei vorlauten Hunden sorgt sie für Ordnung.“
Lola, die Tochter von Rosalie, ist eher ein Sorgenschaf. Sie hatte einen offenen Bruch erlitten. Hardy und Barbara bangten lange um sie, glücklicherweise kam sie durch. Weiter geht es mit Lilian, die es liebt, gestriegelt zu werden, der eher zurückhaltenden Lemonie und der „umwerfenden“ Agathe, „die mit vollem Körpereinsatz unterwegs ist“. Nicht zu vergessen Mia, die Tochter von Agathe, die sehr auf ihre Mutter fixiert ist. Für Hardy Buck ist sie „der hellste Kopf“ von allen. Und das heißt etwas, denn er ist sich ganz sicher: „Schafe sind nicht dumm.“ Auch wenn andere Leute das Gegenteil behaupten.
Die Nazis konnten nichts mit dunklen Schafen anfangen
Die Vorstellungsrunde ist noch nicht zu Ende. Dort steht Bonnie, das Leitschaf, eine Qualität, die sich in einer Herde erst nach und nach herausbildet, wie Hardy erklärt. Amelie, das Turnschaf, steigt auch schon mal auf einen Holzstapel, um n Äpfel zu kommen. Und dann sind da noch die beiden Hammel Stan und Jacky. Stan bringt 100 Kilo auf die Waage und ist das schwerste Schaf in Hardys Herde. „Er ist auch der Dominanteste.“ Jacky dagegen hat sich den Ruf erworben, höchst eigenwillig zu sein. Er steht irgendwo im Gelände. „Unser Clochard“, sagt Hardy Buck. „Er macht einfach, was er will.“
Hat er Ida schon erwähnt? Das weiße Schaf der Herde? Nein? Dann aber los! Während es sich bei Resa und den anderen um selten gewordene Coburger-Fuchsschafe handelt, die im Dritten Reich ungelitten waren, weil sie beige Wolle und braune Köpfe und Beine haben, ist die kleine Ida hellhäutig. Am 6. Januar kam sie in Deggenhausertal nördlich von Salem auf die Welt. Das Mutterschaft konnte sie nicht versorgen, das Lämmchen wurde „zum Sterben“ abgelegt. Da nahm sich eine Kusine von Hardy Buck des kleinen Schafes an und päppelte es in ihrer Wohnung in Radolfzell auf, „wo Ida mit Pampers rumflitzte“. Vor einigen Wochen stieß sie zur Herde. Zunächst hätten die anderen Angst vor ihr gehabt, erzählt der Schäfer. „Denn sie roch nicht mehr nach Schaf und sah anders aus.“ Das verspielte Lamm habe die Herde „im Kreis rumgetrieben“. Mittlerweile mögen sie sich. Man hat sich ausreichend beschnuppert.
„Schafe sind genauso divers wie wir“
Wenn Hardy Buck auf seinem Spaziergang zwischen Gundholzen und Iznang so erzählt, bekommt man den Eindruck, Schafe seien irgendwie auch nur Menschen. „Sie haben einen ausgeprägten Charakter, jedes Schaf ist anders“, behauptet er. Nach drei Jahren ausgedehnter Spaziergänge und intensiver Schafsstudien ist Hardy sicher: „Schafe sind genauso divers wie wir.“
Manche haben sogar einen siebten Sinn. Unvergesslich ist Barbara und Hardy eine frühe Begegnung mit zwei Schafen, Bele und Jella, damals noch beim alten Gaienhofener Schäfer, der Schafzucht auch als Fleischzucht betrieb. Die beiden Tiere sollten am nächsten Tag geschlachtet werden. „Als hätten sie gespürt, dass wir anders sind, sind sie nicht mehr von uns weggegangen“, erinnert sich Hardy. Oder das Beispiel von Jacky, dem Clochard mit dem großen Herzen. Als einmal ein Junge mit Handicap zu Besuch kam, wich Jacky ihm nicht von der Seite.
Spazierengehen mit Schafen als Therapieform
Können Menschen etwas von Schafen lernen? Hardy nickt. „Gelassenheit und Ruhe!“, sagt er. „Beim Laufen muss man sich ihrem Tempo anpassen. Man kommt runter, fühlt sich geerdet.“ Außerdem seien die Tiere sehr achtsam. „Sie mögen Menschen. Man kann sich total auf sie verlassen.“ So ein Schaf würde deshalb auch bei Einsamkeit helfen. Klingt nach einer Therapieform: Schaf-Therapie. Und in der Tat können Hardy und Barbara sich so etwas gut vorstellen: Spazierengehen mit Schafen, um zu sich zu kommen.
Bisher sehen sich die beiden vor allem als Landschaftspfleger. Sie wurden aber auch schon angefragt, etwas mit Naturpädagogik zu machen. Vor allem von Kindergärten und Schulen, wo es darum geht, dass Kinder in Kontakt mit der Natur kommen. „Viele haben noch nie Tiere in freier Wildbahn gesehen“, sagt Hardy Buck. Er und Barbara zeigen ihnen, wie man Schafe striegelt und was bei einer Schafschur passiert. Die Wolle spenden sie einer Einrichtung in Lautenbach bei Pfullendorf, wo Menschen mit Handicap leben. Auch an einem Kindergottesdienst haben sie mit ihren Schafen schon teilgenommen, gewissermaßen als gute Hirten. „Sensationell“ sei das gewesen, sagt Hardy Buck. Gerne würde er mit der Herde zur Weihnachtszeit Teil einer lebendigen Krippe sein.
Schokolade ist für Schafe ein tödliches Gift
Die Schafe haben Hardy und Barbaras Leben verändert. Auf jeden Fall entschleunigt. Außerdem haben sie die schöne Erfahrung gemacht, dass Schafe Menschen einander näher bringen können. Auf der Höri sind die Leute eigen, als Zugezogener aus dem Schwabenland hat man nicht immer einen leichten Stand. Die Tiere halfen bei der Integration. Durch sie kamen sie ins Gespräch mit Einheimischen und lernten neue Leute kennen – praktisch auf jedem Spaziergang, den sie mit den Schäfchen unternehmen.
Zu den wenigen negativen Erfahrungen, die sie als Schäfer gemacht haben, zählt der qualvolle Tod von Willi. Jemand hatte dem Schaf einen Schokoriegel zum Fressen gegeben, ein tödliches Gift für den Pansen. Vermutlich geschah es aus Unwissenheit. Für Hardy und Barbara ein Grund, ihre Geschichte und die ihrer Schafe zu erzählen. Man weiß so wenig voneinander. Jetzt weiß man mehr. Hardy Buck ruft die Tiere zusammen. Dann spaziert er fröhlich weiter mit seiner Wolke aus Wolle. Sogar der eigensinnige Jacky fügt sich freiwillig ins Bild ein.