Stammzellenkurier Reise nach Stuttgart, um Leben zu retten

Von Annette Clauß 

Peter Hodes ist auf seinen Missionen immer im Wettlauf mit der Zeit. Er transportiert als ehrenamtlicher Kurier lebensrettende Stammzellenspenden für britische Patienten. Seine Touren führen ihn auch nach Stuttgart.

Peter Hodes und Stephanie Weber vom Robert-Bosch-Krankenhaus bereiten den  Beutel mit der  Stammzellenspende vor. Foto: Heinz Heiss
Peter Hodes und Stephanie Weber vom Robert-Bosch-Krankenhaus bereiten den Beutel mit der Stammzellenspende vor. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Wenn der Engländer Peter Hodes nach Deutschland reist, bleibt er nie länger als eine Nacht. Auf dem Rücken trägt er einen kleinen Rucksack und über seiner Schulter hängt eine würfelförmige Tasche, die mit Isoliermaterial ausgekleidet ist. In der Box stecken zwei Kühlakkus. So unscheinbar diese Eisaggregate aussehen – ohne ihre kühlende Wirkung, die maximal 42 Stunden anhält, könnte Hodes seinen Auftrag nicht erfüllen. Die tiefgefrorenen Plastikakkus halten die kostbare Fracht, die er in seine Heimat transportiert, konstant auf einer Temperatur zwischen zwei und acht Grad. Peter Hodes kommt zwar gerne, aber nicht zum Vergnügen nach Stuttgart, Tübingen, Köln, Frankfurt, München oder Dresden. Sinn und Zweck seiner Reise ist, ein Menschenleben zu retten. Der Londoner arbeitet als ehrenamtlicher Kurier und bringt Stammzellen aus Deutschland und aller Welt nach Großbritannien. Dort liegt in einem Krankenhaus in London, Glasgow, Newcastle oder Birmingham ein an Blutkrebs erkrankter Mensch, der nur noch eine Überlebenschance hat: eine Stammzellentransplantation.

Ein grauer Tag in Stuttgart. Peter Hodes sitzt in der Lobby seines Hotels. Es ist seine 99. Reise. Am Tag zuvor ist er spät abends mit dem Flugzeug aus London eingetroffen. Er ist ein wenig durch die Stadt gestreift, hat etwas gegessen und sich dann zeitig schlafen gelegt. An diesem Morgen ist er die Königstraße hinaufgeschlendert und hat sich im Kunstmuseum umgesehen. Viel Zeit bleibt ihm nie auf seinen Reisen. „Ich versuche aber immer, mir ein Museum anzusehen oder ein Konzert zu besuchen“, sagt der 68-Jährige, während er die Kühlaggregate in seiner Box verstaut. „Anthony Nolan“ steht in weißen Buchstaben darauf – der Name eines 1971 geborenen englischen Jungen, der an einer seltenen, schweren Bluterkrankung litt. Seine einzige Hoffnung war eine Knochenmarksspende, doch kein Familienmitglied eignete sich als Spender, und es gab keine Datenbank, mit der sich andere passende Spender hätten finden lassen.

Anthonys Mutter Shirley gründete 1974 eine Stiftung, die den Namen ihres wenig später verstorbenen Sohnes trägt und die Datenbank verwaltet, die als die weltweit älteste Datenbank für Knochenmarkspender gilt. Rund 520 000 Menschen haben sich bislang registrieren lassen. In der 20 Jahre später ins Leben gerufenen DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei, die ebenfalls auf eine private Initiative zurückgeht, sind heute mehr als vier Millionen Spendenwillige erfasst.

Pünktlich um 14 Uhr schultert Peter Hodes seinen Rucksack, hängt sich die Kühlbox um und macht sich auf den Weg zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Um seinen Hals baumelt eine Plastikkarte mit seinem Namen und Konterfei. Sie weist ihn als „Volunteer Courier“, als freiwilligen Kurier, aus. Wann immer möglich, geht Hodes kürzere Entfernungen zu Fuß. Ein bisschen Bewegung müsse sein, sagt er, dessen längste Reise 37 Stunden dauerte: ein Stammzellen-Transport aus der australischen Stadt Brisbane ins nordenglische Manchester. Die Strecke, die er heute zurücklegen muss, ist dagegen ein Katzensprung: Die Stammzellen muss Hodes im Robert-Bosch-Krankenhaus beim Pragsattel abholen. In einem Londoner Krankenhaus liegt der Patient, der dringend auf die gesunden Stammzellen aus Stuttgart wartet. Sein krankes Knochenmark ist etwa eine Woche vor dem Transplantationstermin durch eine besonders intensive Chemotherapie dauerhaft zerstört worden, sein Immunsystem ist somit nicht mehr vorhanden. Einen allzu üppigen Zeitpuffer hat Hodes nicht: Die Spende ist erst um 15 Uhr abholbereit, 20 Minuten nach 17 Uhr geht aber schon sein Flugzeug.

Ein Hurrikan als Hindernis

„Ich habe noch nie ein Flugzeug oder einen Zug verpasst, aber ein paar Mal war es knapp“, erzählt Hodes, während er sich im Nieselregen zwischen aufgespannten Schirmen hindurch zur U-Bahnhaltestelle schlängelt. In Jerusalem wäre er fast einmal gestrandet mit seiner Lebensretterbox, die er nie aus den Augen lässt. Doch ein junger Taxifahrer hat ihn in Rekordzeit aufgegabelt und gerade noch rechtzeitig zum Flughafen chauffiert. Und bei der Rückreise aus dem amerikanischen Providence machte ihm ein Hurrikan fast einen Strich durch die Rechnung: Alle Flüge wurden abgesagt. Hodes zeigte der Dame am Schalter seine Box und erklärte in seiner britisch-humorvollen Art, wieso er unter allen Umständen nach London muss. Die Frau setzte alle Hebel in Bewegung, so dass der Kurier in letzter Minute einen Sitz in einer Propellermaschine mit Starterlaubnis ergatterte. Im Flieger war so wenig Platz, dass Hodes die Box zwischen dem Piloten und dem Co-Piloten verstauen musste.

Nun steht Hodes in der Linie 15 Richtung Stammheim, schaut auf die Anzeigetafel und prüft, wo die U-Bahn gerade steckt. Bloß nicht die Haltestelle verpassen: „Pragsattel“. Einige Minuten später sitzt er im Bus zum Krankenhaus. Dicke Regentropfen trommeln auf die beschlagenen Fensterscheiben, im Bus riecht es nach feuchten Kleidern und dem Salamibrot, das ein Schulkind vespert. „Robert-Bosch-Krankenhaus“ tönt es aus dem Lautsprecher. In der Klinik meldet sich Peter Hodes am Empfang, von dort geht es durch lange Flure und vorbei an wartenden Patienten in die onkologische Tagesklinik und durch eine Glastüre, auf der in großen Buchstaben das Wort „Aphareseraum“ prangt. Zwei leere Liegen stehen in dem Zimmer. Auf einer hat bis vor kurzem der Stammzellenspender gelegen. In den vergangenen drei bis vier Tagen haben die Ärzte ihm oder ihr ein Medikament verabreicht, welches die Anzahl der Stammzellen im Blut erhöht.

Am Tag der Spende werden die Stammzellen herausgefiltert: Im rechten und im linken Arm des Spenders steckt eine Nadel, durch eine wird das Blut aus dem Körper in eine Zentrifuge geleitet, in der die Stammzellen gewonnen werden. Danach fließt das Blut durch die zweite Nadel zurück in den Arm. Periphere Stammstellenspende heißt diese Prozedur, die vier bis acht Stunden dauert und mit der 80 Prozent aller Stammzellenspenden gewonnen werden. Der Rest stammt aus Knochenmarksspenden. Dabei wird dem Spender unter Vollnarkose eine geringe Menge Knochenmark aus dem Becken entnommen. Der Stammzellengeber muss zwei bis drei Tage im Krankenhaus verbringen.




Unsere Empfehlung für Sie