Tesla soll nur die Rücklichter sehen
So dauerte es etwas, bis er zum eigentlichen Grund seines Besuchs kam: Die industrielle Neuaufstellung des Landes im Allgemeinen und die Bedeutung von neuen Fabriken im Besonderen. Vor einem Jahr hatte Kretschmann in seiner Regierungserklärung zu Beginn der neuen Legislatur die Richtung vorgegeben: „Wir wollen in Baden-Württemberg die erste klimaneutrale Wirtschaft der Welt werden“, versprach er. „Und zum Leitmarkt und Leitanbieter für grüne Technologien.“ Er werde dafür sorgen, tönte der Regierungschef im Stil eines Opel-Manta-Fahrers mit Fuchsschwanz, „dass Tesla bald nur noch auf unsere Rücklichter schaut“.
Für solchen Ideen müssen die Grünen schon lange nicht mehr werben, sie sind selbsterklärend – aber kein Selbstläufer. Mit wachsender Irritation beobachtet man im Stuttgarter Staatsministerium, wie zuletzt bedeutende Neuansiedlungen von Unternehmen am Land vorbeiliefen: Der Elektroautohersteller Tesla ging nach Brandenburg, der Halbleiterproduzent Intel nach Sachsen-Anhalt, die Autobatteriefirma Northvolt nach Schleswig-Holstein. Bei den Schweden hatte es das Land bis in die Endauswahl geschafft, Kretschmann engagierte sich höchstpersönlich für den Standort Schwäbisch Gmünd, doch am Ende gaben die Windräder an der Küste den Ausschlag. Northvolt will hundertprozentig klimaneutral produzieren – und dies auch nach außen sichtbar machen. „Der Windpark soll neben der Fabrikhalle stehen“, resümiert Kretschmann konsterniert. Ein Regierungsmitglied sagt: „Wohlstand verlagert sich in den Norden.“ Dort stünden grüne Energie und ausreichend Flächen zur Verfügung. „Das stellt unser Wohlstandsmodell infrage.“
Anklopfen beim baden-württembergischen Unternehmerverband: Welche Bedeutung spielt die Industrie für das Land? Ist nicht der Dienstleistungssektor der Ausweis für eine moderne Wirtschaft? Antwort von Südwestmetall: Die industrielle Wertschöpfung nimmt im Südwesten eine herausragende Rolle ein, ihr Anteil liegt bei fast einem Drittel an der gesamten Wertschöpfung. Deutschlandweit beträgt der Industrieanteil 23 Prozent, wobei Baden-Württemberg den Schnitt besonders hebt. Europa insgesamt (mit Deutschland) kommt auf knapp 20 Prozent. In Frankreich und Großbritannien trägt die Industrie nur noch 13 Prozent zur Wertschöpfung bei. Dienstleistungen sind in Baden-Württemberg auch wichtig, aber das gilt besonders für die industrienahen Dienstleistungen.
Zukunftstechniken als Chefsache
Ministerpräsident Kretschmann ist gewillt, die Ansiedlung von Zukunftstechniken zur Chefsache zu machen. Das Wirtschaftsministerium erarbeitet unter der Regie des Staatsministeriums ein Konzept, mit dem die Wirtschaftsfördergesellschaft des Landes zu einer „One-Stop-Agency“ und damit zur „zentralen Ansprechstelle“ ausgebaut werden soll, die alle Investorenanfragen innerhalb von zwei Tagen beantwortet. Hinzu kommen das Werben um Unternehmen aus dem Ausland sowie die Ansprache von bereits ansässigen Firmen, die ihre Standorte erweitern wollen.
Herausfordernd sind die bei Ansiedlungen regelmäßig zutage tretenden Raumnutzungskonflikte: Wohnen, Erholung, Sport, Landwirtschaft, Artenschutz, Energieerzeugung – all dies sind Nutzungskonzepte, die schwer miteinander vereinbar sind. In den Regierungsplänen werden die Kommunen aufgefordert, mehr Vorhaltegrundstücke bereitzustellen. Dabei handelt es sich um Flächen, die ansiedlungswilligen Unternehmen schnell zur Verfügung stünden. Vorhalteflächen schränken die Vetorechte der Akteure vor Ort erheblich ein. Deshalb gibt es davon zu wenige, auch in der Region Stuttgart. Das Problem ist ungelöst.
Kretschmanns Einsatz in Weilheim/Teck hat sich gelohnt, der Bürgerentscheid für das neue Gewerbegebiet endete am Wochenende erfolgreich. Doch sind noch nicht alle nötigen Grundstücke für die Brennstoffzellenfertigung aufgekauft. Fallstricke lauern überall.
Auf diese Branchen setzt die Landesregierung
Bewährtes
Als Zielgruppen für Ansiedlungen hat die Landesregierung jene Branchen im Auge, die prägend für den Südwesten sind: Automobilwirtschaft, Maschinenbau, Elektrotechnik, Gesundheitswirtschaft, Luft- und Raumfahrt, Informationstechnik.
Neues
Dazu kommen sollen verstärkt Zukunftstechnologien wie Green Tech, Industrie 4.0, Bauwirtschaft 4.0, Plattformökonomie, Künstliche Intelligenz, Bioinformatik und Biointelligenz, Pharma und Chip-Fertigung. Stuttgart konnte zuletzt das australische Start-up Quantum Brilliance gewinne, das sich mit Quantencomputing beschäftigt.