Star-Designer aus Stuttgart Jehs+Laub über Mörder-Sofas und Bauhaus-Ideale

Sie kennen sich seit ihrem Design-Studium und arbeiten für angesehene Firmen wie Cassina, Fritz Hansen, Wilkhan und Knoll International: Die in Stuttgart lebenden Gestalter Markus Jehs (li.) und Jürgen Laub. Foto: Maks Richter

Markus Jehs und Jürgen Laub entwerfen in ihrem Stuttgarter Atelier Sessel, Stühle und Leuchten für die großen Möbelhersteller. Ein Gespräch über Mörder-Sofas, Bauhaus-Ideale und den Anspruch, Dinge für die Ewigkeit zu gestalten.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - „Schau, der Mörder sitzt schon wieder auf unserem Sofa.“ Das ist ein Satz, der immer wieder mal fällt, wenn Markus Jehs und Jürgen Laub daheim oder im Flugzeug sitzen und einen Film anschauen. In der schlichten Logik der Filmdramaturgie sind die Bösewichte oft im Milieu der Wohlhabenden angesiedelt. Und die sitzen dann natürlich auf Chefsesseln oder fläzen sich auf einem schicken Sofa.

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass eines dieser Möbel von Jehs+Laub stammt, ist nicht so ganz gering. Die Gestalter legen auf zweierlei Wert – Qualität und Zeitlosigkeit. Niedlich, klein und rund, glittrig oder glänzend sind ihre Möbel nicht. Das sei auch nicht das, was an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Schwäbisch Gmünd gelehrt worden sei; die Designer sagen, viele Lehrende sahen sich dem Geist der ehemaligen, von Max Bill, Inge und Otl Aicher gegründeten HfG Ulm verpflichtet. Und die wiederum hatte die Ideen des Bauhauses weitergedacht.

Herr Jehs, Herr Laub, dieses Jahr ist Bauhaus-Jubiläum. Was finden Sie bis heute gut an der Gestaltungsschule, die sich vor hundert Jahren gegründet hat?

Markus Jehs: Das Ziel, gegen die Beliebigkeit zu arbeiten. Wir versuchen, Fehler zu finden und auszumerzen. Das ist unsere Arbeit.

Jürgen Laub: Wir entwerfen nur, was uns auch gefallen würde und das möglichst unabhängig vom Zeitgeist. Wenn wir uns auf den Möbelmessen umsehen, sieht man vieles, das sich sehr ähnelt. Dinge werden erst in Zeitschriften gehypt und doch oft nach wenigen Jahren wieder aus dem Programm genommen.

Jehs: Wir wollen richtig gute Produkte machen, die möglichst für immer Gültigkeit haben.

Laub: Das ist auch unter Umweltgedanken wichtig, dass man nicht Dinge entwirft, die die Leute bald wieder leid sind und durch neue Trends ersetzen.

Nun gibt es schon ziemlich viele Klassiker. Vielleicht wäre es noch nachhaltiger, nichts mehr zu entwerfen?

Laub: Es gibt viel Gutes, aber man versucht es immer noch besser zu machen. Ziemlich perfekt ist tatsächlich der Tisch von Eero Saarinen: Beinfreiheit ist gegeben, er besteht nur aus zwei Teilen und sieht sehr organisch aus, wie ein Baum, der aus dem Boden wächst.

Jehs: Man sieht ihm die 50er Jahre als Entstehungszeit schon an, aber ja, er ist dennoch ein Archetypus.

Laub: Es stimmt schon, eigentlich ist der Markt übersättigt. Was sich entwickelt, ist die Technologie. Die bietet größere Möglichkeiten, anders als früher mit Kunststoff und mit Holz umzugehen.

Bauhaus-Designer und die skandinavischen Kollegen Arne Jacobsen und Co. wollten praktische, bezahlbare Möbel entwerfen. Heute kosten sie vierstellige Beträge. Warum ist das so teuer?

Laub: Die Möbel sind handwerklich aufwendig gemacht, aber bis in die 60er Jahre hinein war Handwerk billig. Heute ist es umgekehrt. Arne Jacobsen würde heute sicher anders vorgehen beim Entwerfen und den handwerklichen Anteil reduzieren.

Der Stuttgarter Markus Jehs, Jahrgang 1965, und Jürgen Laub, 1964 in Ulm geboren, arbeiten in einem kleinen Backsteinhaus im Lehenviertel, der Stuttgarter Marienplatz ist nicht weit. Das klingt einigermaßen romantisch nach Start-up, ein Hinterhaus, das früher mal eine Färberei war. Doch was man unterm Dach im Besprechungszimmer sieht, sind Möbel, die sie für die Großen der Branche entworfen haben. Stühle, Sessel, ausladend, gut gearbeitet bis ins Detail, viel feines Leder, auch mal ein Sessel mit Stoffbezug – von Fritz Hansen über Herman Miller bis zu Wilkhan, Schönbuch, Thonet und Knoll International.

Jüngst ist ein elegant minimalistischer Barhocker für die US-Firma Davis hinzugekommen, der bei der Vorstellung auf der Neocon-Messe in Chicago sogleich einen Preis erhalten hat, den „Best of Neocon Gold Award“.

Sie haben auch Leuchten, Garderoben, Bürostühle entworfen, ein Showroomkonzept für Mercedes-Benz entworfen und einen Raum aus Eis für ein Eishotel in Nordschweden entworfen sowie zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Diese freilich, so viel schwäbisches Understatement dann doch, finden sich nicht auf ihrer Homepage. Dafür sind ausführlich die Entwürfe dokumentiert. Die Arbeit spricht für sich.

Neue Antworten auf Gestaltungsfragen

Im ersten Stockwerk des Hauses sind übrigens auch ihre „Mörder-Sofas“ zu besichtigen – klar, kantig. Daneben ein riesiger runder Tisch mit zwei Computern. Jehs und Laub, die 1994, zwei Jahre nach ihrem Abschluss, Jehs+Laub gründeten, arbeiten bis heute eng zusammen ohne ein riesiges Team an festen Mitarbeitern. Weil sie, wie Jürgen Laub und Markus Jehs sagen, experimentieren, Grenzen ausloten, neue Antworten auf Gestaltungsfragen geben wollen. Um das in Ruhe tun zu können, sitzen sie zu zweit an einem Tisch, tauschen sich ständig aus und arbeiten mit einem Netzwerk von Spezialisten zusammen. Und das geht gut auch von Stuttgart aus.

Stuttgart liege ziemlich genau zwischen den wichtigen Möbelmesse-Orten Mailand und Köln, sagt Markus Jehs, und der Flughafen sei schnell zu erreichen. Und gereist sind sie schon immer viel, zumal zu Beginn der Karriere. Damals, noch ohne Internet, wie Laub sagt, ging es mit den Modellen im Gepäck direkt nach Mailand zur Möbelmesse, um Hersteller anzusprechen und ihnen, wo sie nun schon mal da waren, ihre Ideen zu präsentieren. Sie hätten „Modelle gebaut ohne Ende“, sagt Jürgen Laub. Das Modell sei der Botschafter.

Was hat Sie an den italienischen Firmen wie Cassina und Nemo beeindruckt, für die Sie zunächst arbeiteten?

Laub: In Italien war es früher so und ist es auch heute noch teilweise: Wenn es den Beteiligten keinen Spaß mehr macht, ist das Projekt tot. In Deutschland macht man dennoch weiter.

Und was tun Sie, damit keinem die Lust am Projekt vergeht?

Laub: Vor jeder Zusammenarbeit steht das Kennenlernen. Passt unsere Arbeitsauffassung zur Kunden-DNA? Können wir etwas beisteuern, das die Kunden weiterbringt?

Jehs: Wir sind auch Psychologen unserer Auftraggeber und von deren Kunden: Was will eine Firma über sich aussagen, die ihren Konferenzraum als Visitenkarte begreift, welche Möbel braucht sie dafür?

Laub: Wir denken aber auch an den Gebrauch, ans Pragmatische, was bei Stühlen für eine Mensa etwa wichtig ist, damit der Hausmeister beim Stühlerücken oder Zusammenstellen klarkommt.

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