Star-Tenor Matthias Klink in Fellbach „Die Anspannung ist vor jedem Auftritt da“

Von Dirk Herrmann 

Im Herbst wurde Matthias Klink zum Sänger des Jahres gekürt. Nun gastiert der in Heslach wohnende Musiker in seiner Heimatstadt Fellbach. Am Samstagabend präsentiert der Star-Tenor im großen Saal des Rathauses einen Liederabend.

„Der Tod in Venedig“ mit Matthias Klink (links) als Gustav von Aschenbach. Foto: Oper Stuttgart
„Der Tod in Venedig“ mit Matthias Klink (links) als Gustav von Aschenbach. Foto: Oper Stuttgart

S-Süd - Von Schmiden in die weite Welt: Seit vielen Jahren gastiert Matthias Klink in den besten Opernhäusern internationaler Metropolen. Doch nun singt er nicht in New York, Madrid oder Mailand, sondern in Fellbach. Als Gaststar der Feiern zum 50-jährigen Bestehen der Kulturgemeinschaft kam er am vergangenen Samstag wieder in die Heimatstadt. Bewusst hat er dafür den großen Saal des Fellbacher Rathauses „mit seiner schönenen Intimität und guten Akustik“ ausgewählt.

Ritterschlag: Matthias Klink wird zum „Sänger des Jahres“ gekürt

Dass er als „Star-Tenor“ angekündigt wird, ist nur folgerichtig – denn der 48-Jährige wurde im vergangenen Herbst von 50 internationalen Kritikern zum „Sänger des Jahres“ gekürt. Der Ritterschlag, der Gipfel des Olymp? Einerseits, erläutert Klink beim Besuch in seinem Haus in Stuttgart-Heslach, mache solch ein Preis „natürlich wahnsinnig glücklich“. Es sei wie eine Belohnung für die immensen Anstrengungen im kraftraubenden künstlerischen Reifeprozess der vergangenen Jahre. Denn: „Ich will authentisch sein auf der Bühne, ich kann nicht blenden – bei mir ist es, wie es ist.“

Manche Freunde meinten darauf: „Wunderbar, jetzt bist du auf dem Zenit und kannst alles mit großem Genuss machen.“ Er sei befreit, könne sich zurücklehnen. „Aber man wird dadurch ja nicht automatisch zum Monstersänger, der alles in den Schatten stellt“, sagt Klink.

Trotz aller Routine: „Die Anspannung ist vor jedem Auftritt da.“ Stets sei er den ganzen Tag fokussiert – wie bei einem 100-Meter-Läufer, der dem Start entgegenfiebert. „Ich bin oft als Erster auf den Probebühnen oder auch immer zwei Stunden vor der Vorstellung vor Ort. Ich brauche diesen längeren Wechsel – vor allem, wenn ich hier zu Hause in Stuttgart singe.“

Nach einer Aufführung ist der Künstler aus Schmiden „völlig platt“

Auslöser für die Auszeichnung zum Sänger des Jahres war Klinks Verkörperung des Gustav von Aschenbach in Benjamin Brittens „Der Tod in Venedig“ im vergangenen Jahr an der Staatsoper Stuttgart. Es ist ein sehr sperriges Werk mit vielen Monologen, „das ist ja kein Erfolgsstück“, sagt Klink. Bei den Aufführungen in Dresden vor einigen Jahren hielt sich der Zuspruch in Grenzen – in Stuttgart ist es jedoch permanent ausverkauft. Am Ende des Abends, nach dieser psychischen wie physischen Herausforderung, „bin ich völlig platt“, räumt er ein – „aber es gibt einem auch was: Wie oft im Leben erhält man eine solche Rolle, wo man am Ende so viel geben muss und auch für sich so viel rausziehen kann?“

Nach jahrelanger Tour ist Klink wieder in Stuttgart sesshaft geworden, gehört fest zum Ensemble der Staatsoper am Eckensee. Die vielen Reisen haben Kraft gekostet, „ich habe gemerkt, dass ich meinen Beruf nicht mehr so ausüben kann, wie ich es möchte – und hatte oft das Gefühl: Ich bin am falschen Ort“. Natürlich ist er auch jetzt noch unterwegs, in der letzten Spielzeit etwa als Gast in Lyon und in Hamburg, im Sommer bei den Festspielen in Salzburg. Und auch künftig gibt’s Verlockungen, denen Matthias Klink nicht widerstehen kann – so hat er bereits für 2021 einen Vertrag an der New Yorker Met .

Die Opernwelt als Showbusiness mit Glitzer und Glamour – damit hat Klink wenig am Hut. „Auch Premierenfeiern sind für mich ein Graus“, offenbart er. „Ich denke immer: Die Aufführung ist vorbei, was soll da noch kommen?“ Zumeist verlasse er die Spielstätten „sofort nach dem Abschminken – ich komme gerne eher aus dem Hintergrund, aus der Deckung, weil es mich überhaupt Überwindung kostet, so ins Rampenlicht zu treten, immer noch.“

Dass Matthias Klink ein ehrgeiziger Sportler war, kommt ihm auf der Bühne zugute

Dass Matthias Klink einst in Schmiden ein ehrgeiziger Sportler war, kommt ihm bis heute zugute. Gerade beim „Tod in Venedig“ ist der Körper auch tänzerisch gefordert. Bereits mit fünf Jahren, erinnert er sich, sei er mit seiner Mutter in die Leichtathletik beim TSV Schmiden gegangen. Angesichts seiner bis heute asketischen Statur darf man vermuten: Er war eher Hochspringer als Kugelstoßer. Tatsächlich hatte er „eine gute Schnellkraft, das kam mir beim Speerwerfen zugute. Ich wäre bestimmt ein guter Mehrkämpfer gewesen, allerdings weniger als Sprinter. Und 1500 Meter bin ich auch ungern gelaufen – obwohl wir 1977 mit der Mannschaft Kreis-Waldlaufmeister im Hartwald geworden sind, da erinnere ich mich noch dran.“ Später als Volleyballer beim TSV in der Regionalliga kam ihm seine Sprungkraft zugute. „In der Schule ging’s bei mir darum: Mache ich den Sport- oder den Musik-Leistungskurs? Wir waren dann der erste Musik-LK am Gustav-Stresemann-Gymnasium in Fellbach.“

Er sucht die Bewegung, spielt seit einiger Zeit sogar Tennis im Verein. „Ich laufe gerne an der frischen Luft, gehe oft zu Fuß zur Probe – wenn ich unterwegs bin, nehme ich meist Appartements in Spaziergangnähe zum Aufführungsort. Hier in Stuttgart mach’ ich mich auch schon mal mit dem Fahrrad auf zur Oper.“

Doch in Wahrheit ist Matthias Klink gar kein Opern-Star, sondern ein Alt-Rocker – mit seiner E-Gitarrensammlung im Souterrain, oder? „Das stimmt, ich habe recht früh die Geige gegen die E-Gitarre ausgetauscht und war einst auch als Sänger und Gitarrist in der Band Catwalk aktiv.“ Vor 15 Jahren fing er wieder an, Gitarre zu spielen. „Es gibt kein Gastspiel, zu dem ich nicht meine Gitarre mitschleppe, auch zu Proben wie etwa bei den ,Soldaten’ in Mailand. Nach sieben, acht Stunden komplexester Musik mal den Blues auf der E-Gitarre zupfen, das ist das Größte – und da spiele ich dann eineinhalb Stunden so vor mich hin.“

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