Eningen - Gerade an jenem Abend im Juni vor drei Jahren feierte die Gemeinde Eningen (Kreis Reutlingen) das 60-jährige Bestehen ihres Waldfreibads unterhalb der Teufelsschlucht, das trotz des Namens in einzigartiger Idylle liegt. Der Ortsbaumeister Rainer Klett war mit seinem Sohn dort, als sich am Abend ein Gewitter zusammenbraute und nicht über den Albtrauf hinwegkam. Die Musikkapelle spielte weiter, obwohl es in Strömen regnete, so lange, bis der Holzboden im Zelt zu schwanken begann. Kletts Sohn rettete sich auf eine Bierbank, die aber bald auch gehörig wackelte. Als sie später nach Hause fuhren, sagte der Sohn im Auto nur: „Jetzt weiß ich endlich, was das Wort ‚traumatisiert‘ bedeutet.“
Ein wenig war das sogar Bürgermeister Alexander Schweizer: „Wenn man so etwas einmal gesehen hat, weiß man: Nichts hält die Natur auf.“ Drei Millionen Euro an Schäden richtete das Unwetter in Eningen an – das Freibad wird demnächst generalsaniert, auch viele Firmen standen damals unter Wasser. Im Jahr 2013 war Eningen schon einmal getroffen worden, damals von einem Hagelsturm, der über die Reutlinger Gegend hinweggefegt war und mit tischtennisballgroßen Hagelkörnern Fenster, Rollläden und Dächer zertrümmerte. Bürgermeister Schweizer und Ortsbaumeister Klett war klar: Sie mussten jetzt genau das tun, was kaum möglich schien – das nächste Mal die Wucht der Natur aufhalten. Heute, drei Jahre später, ist Eningen – neben den Glemstalgemeinden um Ditzingen im Landkreis Ludwigsburg – der Leuchtturm in Sachen Starkregen. Vieles aber harrt auch dort noch der Umsetzung.
Die Politik hat nach mehreren Todesfällen reagiert
Sturzfluten, Starkregen, Sintflut: Bis vor wenigen Jahren war das kein großes Thema in der baden-württembergischen Politik gewesen. Auch die Gemeinden waren froh, dass sie beim Hochwasser so leidlich ihre Hausaufgaben erledigt hatten. Doch dann kam Burladingen-Killer (Zollernalbkreis) 2008, wo in der tosenden Starzel zwei Frauen in ihrem Auto ertranken. Und es kamen 2016 Künzelsau, Braunsbach und Schwäbisch Gmünd, wo ebenfalls zwei Menschen in den Fluten umkamen und ganze Innenstädte verwüstet wurden. Das Besondere an den Sturzfluten ist, dass sie nicht vorhersehbar sind und ihre Gewalt in Windeseile entfalten – manchmal sammelt sich das Wasser sogar an Orten, wo nie zuvor ein Bach geflossen war. Aber man muss sagen: Die Politik hat reagiert. Noch 2016 erneuerte das Umweltministerium einen Leitfaden, in dem minutiös dargelegt ist, wie Kommunen vorgehen können, um sich gegen die Fluten zu wappnen; und das Land stellt allen, die sich an gewisse Qualitätsnormen halten, einen Zuschuss von 70 Prozent für Planung und Umsetzung in Aussicht. Viele Kommunen gehen die Aufgabe dennoch nicht an, denn sie ist komplex, langwierig und teuer – und im besten aller Fälle wird aller Schutz nie gebraucht. „Es braucht in einer Gemeinde einen Kümmerer, der sich mit der Aufgabe identifiziert“, sagt die Hydrologin Anne-Marie Albrecht vom Regierungspräsidium Tübingen. Sonst passiert oft gar nichts. Selbst Orte wie Killer haben nach einigen Sofortmaßnahmen ihre Aktivität wieder eingestellt und sind nicht im Landesprogramm vertreten.
Ortsbaumeister Rainer Klett betont, dass er etwa zehn Prozent seiner Arbeitszeit in den vergangenen drei Jahren in den Kampf gegen den Starkregen investiert hat. Er aber ist motiviert bis in die Haarspitzen: „Mit keinem anderen Projekt kann ich so viel zum Schutz der Bürger tun und so viel zur Verhinderung von schlimmen Schäden.“ Zwei von insgesamt sechs Millionen Euro an Kosten müsste Eningen investieren, das zu drei Seiten von Achalm, Gutenberg und Geißberg umschlossen ist – das sei bestens angelegtes Geld, sagt auch Bürgermeister Schweizer.
Kleinere Orte tun sich schwer mit dem komplexen Prozess
Und immerhin 104 Kommunen in Baden-Württemberg haben sich seit 2016 auf den Weg gemacht; das sind zehn Prozent der Städte und Gemeinden. Hans-Martin Waldner, der das Thema beim Regierungspräsidium Tübingen zusammen mit Anne-Marie Albrecht betreut, hält das für einen starken Anfang angesichts der vielen sonstigen Pflichtaufgaben, die Kommunen heutzutage zu stemmen haben. Unter den knapp 30 Kommunen, die schon Gefahrenkarten erarbeitet haben, sind in der Region Stuttgart: Wernau, Filderstadt, Denkendorf, Waldenbuch, Stuttgart-Ost, Höpfigheim und Steinheim sowie die Glemstalgemeinden. Fertig ist aber noch keine der 100 Gemeinden, und sowieso, sagt Waldner, „ist das eine Daueraufgabe. Komplett fertig wird eine Gemeinde deshalb nie werden können.“ Jedes neue Baugebiet, ja jeder neue Zaun muss berücksichtigt werden, weil er das Wasser anders lenkt oder Geröll anders zurückhält.
Ingenieurbüro muss zuerst Gefahrenkarten erstellen
Aber alles beginnt bei diesem sogenannten Starkregenrisikomanagement mit einer Analyse. Aufgrund von geologischen und hydrologischen Daten, die das Land zur Verfügung stellt, errechnet ein Ingenieurbüro im Auftrag der Gemeinde Überflutungskarten. Damit keine groben Fehler auftauchen, muss jedes Büro beim ersten Mal in einem landeseigenen Testgebiet bei Bretten eine Analyse erstellen; dort sind mehrere Fallstricke eingebaut. Erst mit Zertifikat darf es dann loslegen. Anhand dieser Gefahrenkarten, die im Fall von Eningen alleine 140 000 Euro gekostet haben, und beim Begehen aller Gewässer werden nun alle neuralgischen Punkte aufgelistet. Da geht es auch um scheinbare Kleinigkeiten: Wo steht ein Holzstapel zu nahe am Bach und könnte einen Ablauf verstopfen, wenn die Scheite mitgerissen werden? Wo kann man schon oben im Wald eine Grobsperre einbauen, damit nicht ganze Bäume zu Tal donnern? Aber es geht auch darum festzulegen, wie im Notfall wichtige Einrichtungen wie Altenheime oder Kindergärten geschützt werden können. Und natürlich werden auch Firmenchefs und Hauseigentümer beraten, wenn ihre Gebäude im Überflutungsgebiet liegen.
Eningen geht sogar noch einen Schritt weiter und kauft Gebäude auf, die einem natürlichen Abfluss von Starkregen im Wege stehen. Das werde manchmal kontrovers in der Bevölkerung diskutiert, sagt Schweizer – aber die Mehrheit stehe hinter ihrem Konzept. Rainer Klett hat alle notwendigen Maßnahmen nun nach ihrer Priorität zusammengestellt, jetzt soll Projekt für Projekt abgearbeitet werden. Dazu gehören ein neues Rückhaltebecken und ein Damm, der den Pool für Kleinkinder schützt. Im Gewerbegebiet Richtung Pfullingen wird der Arbach wieder aus seinem Dolenkorsett befreit und renaturiert – das dient also zugleich der Umwelt. Es sei ein langer Weg, hart und steinig wie das Wasser, das aus der Teufelsschlucht heruntergeschossen war. Aber es lohne sich, sagt Rainer Klett. Und Bürgermeister Schweizer nickt ihm nur zu: „Du bist immer dran geblieben. Das rechne ich dir hoch an.“