Start beim Musikfest Stuttgart So klingt das Paradies
Zum Auftakt des Musikfests Stuttgart hat Hans-Christoph Rademann zwei Vertonungen der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz dirigiert: von Joseph Haydn und von Sofia Gubaidulina.
Zum Auftakt des Musikfests Stuttgart hat Hans-Christoph Rademann zwei Vertonungen der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz dirigiert: von Joseph Haydn und von Sofia Gubaidulina.
Liegt’s an den Pfingstferien? An Post-Corona-Zurückhaltung? Am heißen Sommerwetter? Oder doch am Programm mit Werken des ewig unterschätzten Joseph Haydn und einer zeitgenössischen Komponistin? Traurige Tatsache: Beim Eröffnungskonzert des Musikfests Stuttgart am Samstagabend war der Beethovensaal höchstens zu einem Viertel gefüllt. Dabei hätten die Werke des Abends und ihre Darbietung mehr verdient als gähnende Leere.
„Ins Paradies“ ist das diesjährige Festival überschrieben, und so standen beim Auftakt mit gutem Grund zwei Vertonungen jener biblischen Sätze im Zentrum, die als die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz überliefert sind. Schließlich gehört zu ihnen auch das „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein“, das dem Schwerverbrecher am benachbarten Kreuz galt.
Von Haydns Vertonung gibt es mehrere Versionen: für Orchester, Streichquartett, Klavier und für Chor. Die oratorische Fassung haben jetzt der Chor und das Orchester der Gaechinger Cantorey unter Hans-Christoph Rademanns Leitung aufgeführt: sieben Sätze, denen der Chor a cappella jeweils einen der sieben Sätze Jesu voranstellt. Abgeschlossen wird das Stück durch eine wirkungsvolle klingende Bebilderung des Erdbebens, das nach dem Tod Jesu die Welt rund um Golgatha erschütterte. Diesem wunderbar eigenartigen Werk begegnet man im Konzertsaal viel zu selten.
Elisabeth Breuer, Anke Vondung, Sebastian Kohlhepp (mit großer Präzision und Hingabe beim „Mich dürstet!“) und Johannes Kammler bildeten ein exzellentes Solistenquartett. Der Chor sang homogen und in guter Balance, allerdings in der konsonantischen Artikulation nicht mit letzter Prägnanz. Zuweilen gab’s bei den Anfängen kleine Wackler. Und insgesamt hätte man sich ein Quäntchen mehr dramatische Zuspitzung gewünscht, vielleicht auch eine stärkere Dynamisierung einzelner Phrasen. Dann wäre der Eindruck weniger flächig, die Interpretation noch überzeugender gewesen.
Aber dann: die „Sieben Worte“ für Cello, Bajan (Knopfakkordeon) und Kammerorchester, komponiert 1982 von der Russin Sofia Gubaidulina, eine dichte, textlose, dennoch eindringlich sprechende Instrumentalmusik. Zwischen schwebenden Streicherpassagen des Stuttgarter Kammerorchesters agierten die Solisten Nikolaus von Bülow und Geir Draugsvoll wie zwei Seelen in einer Brust, zwei Möglichkeiten eines einzigen Klangwesens, halb ätherisch, halb fest geerdet: mit Melodielinien, deren Herkunft man kaum verorten kann.
Das Stück projiziert das Kreuzigungsgeschehen vollständig ins Innere, und es ist prall gefüllt mit Kreuzfiguren und mit Bildern. Einmal meint man sogar, in einem Fortissimo-Abwärtslauf des Bajans dem Reißen des Vorhangs im Tempel beizuwohnen. Ein Erdbeben gibt es ebenfalls. Nicht nur am Ende wie bei Haydn, sondern immer wieder. Und das Original zu Gubaidulinas kurzem Zitat aus Heinrich Schütz’ „Sieben Worten“ kann man am nächsten Sonntag mit dem Dresdner Kammerchor hören.