Start der Berlinale 2018 Rüdes Rumpeln in der Kulisse
Zum Start der Berlinale ist die Stimmung mies. Deutsche Regisseure und Produzenten rufen nach einem Neuanfang. Warum eigentlich, fragt sich Kultur-Ressortleiter Tim Schleider.
Zum Start der Berlinale ist die Stimmung mies. Deutsche Regisseure und Produzenten rufen nach einem Neuanfang. Warum eigentlich, fragt sich Kultur-Ressortleiter Tim Schleider.
Berlin - Genau jetzt, Mitte Februar, beginnen fast alle Mitteleuropäer, den Winter satt zu haben. Es ist immer noch kalt, es ist immer noch zu oft dunkel, und die Grippewelle ist auch noch längst nicht überstanden. Allein deswegen müssten eigentlich alle jubeln, dass an diesem Donnerstag endlich wieder die Internationalen Filmfestspiele in Berlin beginnen: statt frostiger Kälte viele Stars im heißen Blitzlichtgewitter; statt Dunkelheit das verheißungsvolle Licht auf der Leinwand, statt Keuchen und Schniefen auf allen Kanälen spannende Interviews mit Berühmtheiten aus aller Welt.
Seit 17 Jahren verantwortet Dieter Kosslick als Direktor dieses Festival. Und seit 17 Jahren läuft summa summarum der Laden rund. Die Zahl der Besucher ist von rund 400 000 auf rund 500 000 gestiegen. Elf Tage lang prägt die Berlinale das Leben der Hauptstadt. Das Programm ist gewachsen. Die Leute stehen bereits Tage vor dem Start Schlange, um die Tickets ihrer Wahl zu ergattern. Über die Jahre hat sich beinahe jeder der großen Namen aus der Filmwelt blicken lassen; Jolie, Pitt, Clooney, Streep, Huppert, Binoche, Scorsese, die Coen-Brüder. Auch in diesem Jahr ist die Zahl der Angebote so groß, dass kein Medium dieser Welt auch nur ansatzweise alles berichten kann, was berichtenswert wäre.
Und trotzdem reden seit ein paar Wochen alle von Krise. Plötzlich finden alle, mit der Berlinale sei irgendetwas schief gelaufen. Auslöser der Debatte ist ein offener Brief von 79 deutschen Regisseuren und Produzenten an die Kulturstaatsministerin der Bundesregierung, Monika Grütters. An sich ging es nur darum, bei der Suche nach einem Nachfolger für Dieter Kosslick, der im kommenden Jahr dann 70-jährig seinen Posten aufgibt, auf ein offenes Verfahren zu drängen und internationalen Rat einzuholen. Beides kann bestimmt nichts schaden. Verbunden war dieser Wunsch aber mit der Behauptung, das Festival brauche einen „grundlegenden Neuanfang“. Das klang, als wenn die Karre gehörig im Dreck steckt. Doch wie und warum, da blieb der Brief schwammig (und die vielen nachfolgenden Interviews blieben es leider auch).
Was könnte man gegen die Berlinale, wie wir sie seit 17 Jahren erleben, einwenden? Ja, es stimmt, nicht in jedem Jahr war der Wettbewerb um den Goldenen Bären von überragender Qualität. Was aber natürlich auch ein bisschen abhängig ist vom Angebot jener Werke, die für eine Weltpremiere jeweils zur Verfügung standen; der Festivalchef dreht sie bekanntlich nicht selbst. Ja es stimmt, deutschsprachige Filme haben zu Kosslicks Zeiten auch nicht öfter Preise eingeheimst als zuvor und anderswo. Was aber, mit Verlaub, auch nicht von Kosslick entschieden wurde, sondern von Jurys. Und ja, es stimmt, die Berlinale bietet ein riesiges Angebot; das mag man als Beliebigkeit wahrnehmen. Aber viel früher und stärker als die Konkurrenz in Cannes und Venedig hat eben just Kosslicks Berlinale die dramatischen Veränderungen auf dem Kinomarkt zur Kenntnis genommen, hat junge Talente, neue Filmländer, Serien und viel Crossover mit ins Boot geholt. Wer will heute noch diktatorisch entscheiden, was von den tausend Möglichkeiten wahre Kunst ist, was womöglich nur reiner Kommerz? Wünschen sich die deutschen Regisseure wirklich diese Dogma-Debatten zurück? Die Zuschauer tun dies sicher nicht.
Und übrigens noch ein Markenzeichen hat Dieter Kosslick für die Filmfestspiele in Berlin entwickelt: Kein Festival ist so politisch wie die Berlinale! Kein großes gesellschaftliches Thema der jüngeren Zeit ist nicht auch hier mit den Mitteln der Filmkunst erörtert worden. Kosslick hat in Berlin ein großes Publikumsfestival entwickelt. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin werden sicher neue, eigene Impulse setzen. Aber das Rad neu erfinden müssen sie nicht. Und nun genug der Grundsatzdebatten. Das Programm ist viel spannender.