Auch der Proteinsnack auf Grillenbasis dürfte seine Käufer finden, denn der Boom des Laufsports ist ungebrochen. Das Ende der Winterzeit und der Beginn des Frühlings bedeutet für viele Hobbyläufer den Startschuss in die neue Saison. Von jetzt an vergeht kein Wochenende mehr, an dem nicht irgendwo in der Nähe ein Volkslauf, ein Halb- oder gar ein Marathon stattfinden würde. Immer größer wird die Zahl derer, die in ihrer Freizeit durch die Wälder, Parks und Innenstädte rennen. Laut einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr gehen mehr als 22 Millionen Menschen in Deutschland zumindest hin und wieder laufen – sieben Millionen mehr als 2002.
Laufen ist modernes Lebensgefühl – und damit ein gigantischer Markt
Der Trend zu einer gesunden Lebensweise hat das Laufen zur Massenbewegung gemacht. Als Statussymbol gilt die Teilnahme an einem Marathon, die als Zeichen besonderer Leistungsfähigkeit gerne in Bewerbungsschreiben aufgelistet wird. 244 Teilnehmer waren es, die 1974 beim ersten Berlin-Marathon an den Start gingen – inzwischen werden die 40 000 Plätze im Losverfahren vergeben.
Bei vielen anderen der mehr als 3500 Laufveranstaltungen in Deutschland stagnieren die Starterzahlen zwar oder sind gar leicht rückläufig. Doch sehen Experten darin kein Ende des Laufbooms, sondern vielmehr eine Veränderung der Motivation. Wichtiger als die Teilnahme an Wettkämpfen und eine neue Bestzeit sind vielen Läufern inzwischen der Gesundheitsaspekt und die Geselligkeit. Laufen ist kein Sport mehr für Einzelkämpfer, sondern ein sozialer Trend. Es gibt daher immer mehr regionale Lauftreffs – im Sinne der Kundenbindung kostenlos organisiert von den Sporthändlern vor Ort oder den großen Konzernen wie Nike, Adidas oder Asics. Sie haben erkannt: Laufen ist modernes Lebensgefühl – und damit ein gigantischer Markt.
Das Laufen mag der einfachste Sport der Welt sein – es bedarf keiner Trainerstunden, keiner Verabredungen und keiner Ausrüstung. Doch sind sie längst vorbei, die Zeiten, in denen in Baumwollshirts und alten Turnschuhen durch den Wald gerannt wurde. Milliarden werden heute mit teurer Funktionskleidung für jedes Körperteil und Schuhen für jeden Untergrund umgesetzt. GPS-Uhren zählen nicht nur die Kilometer, sondern auch die verbrannten Kalorien. Und dank der Lauf-Apps können auch die Freunde in den sozialen Netzwerken die neue Fitness bestaunen.
Unter den großen Herstellern ist ein Wettrüsten entstanden
Laut einer neuen Umfrage der deutschen Ausgabe der „Runner’s World“, des größten Laufmagazins der Welt, besitzen regelmäßige Läufer im Schnitt fast sechs Paar Laufschuhe und geben für ihre Laufausrüstung jährlich 1000 Euro aus, Tendenz steigend. Es sind keine repräsentativen Zahlen, vielen Hobbysportlern reicht noch immer ein einziges Pärchen, manche laufen auch weiter in Baumwollshirts und Jogginghosen. Trotzdem lassen die Umfragewerte erahnen, wie viel Geld sich im Laufsport inzwischen verdienen lässt.
Unter den großen Herstellern ist ein Wettrüsten entstanden. Viele Millionen investieren sie in neue Technologien und werfen in immer kürzeren Abständen neue Modelle in verschiedenen Farbkombinationen auf den Markt, die auch mal 250 Euro kosten. Dass Adidas, nach Nike zweitgrößter Sportartikelkonzern der Welt, für das Geschäftsjahr 2017 eine Umsatzsteigerung um 16 Prozent verkünden durfte, war nicht zuletzt einem zweistelligen Wachstum in der Running-Sparte zu verdanken.
Über Rekordzahlen dürfen sich aber auch viele kleine Hersteller freuen, für die in diesem riesigen Markt ebenfalls Platz bleibt. Erfolgsgeschichten schreiben etwa die dänische Bekleidungsfirma Saysky oder der Schweizer Schuhhersteller On – Edelmarken aus dem Hochpreissegment, die den Wunsch der Läufer nach Exklusivität und Individualität bedienen.
Laufen ist Lifestyle
„Der Kunde ist heutzutage viel besser informiert und viel anspruchsvoller“, sagt Thomas Lippert, der seit 1992 das kleine, aber feine Lauffachgeschäft Heart & Sole in Stuttgart betreibt und vor einigen Jahren eine zweite Filiale eröffnet hat. Auch er hat festgestellt, dass das Gros der Läufer nicht mehr so leistungsorientiert wie früher ist und keine 70 Kilometer pro Woche abspult. „Es laufen heute mehr Leute – aber mehr Leute laufen weniger.“ Ihm kann es recht sein, denn je mehr Läufer, desto mehr Schuhe. Mit intensiver Beratung bietet Lippert erfolgreich dem Onlinehandel die Stirn – kann aber nicht jeden Wunsch erfüllen. Die häufigste Frage, die er mittlerweile zu hören bekommt, lautet: „Gibt’s den Schuh auch in einer anderem Farbe?“
Dass Laufen Lifestyle ist, haben aber nicht nur die Sportartikelhersteller und -händler erkannt. BMW etwa überlässt der Konkurrenz von Mercedes und VW das Fußballsponsoring und hat sich aus der Formel 1 zurückgezogen. Stattdessen wird ins Laufen investiert. Seit 2011 sind die Münchner Titelsponsor des Berlin-Marathons. „Jeder vierte BMW-Kunde ist selbst aktiver Läufer“, sagte Marketingchef Friedrich Edel dem Branchenportal ispo.com. Eine Marktforschung habe ergeben, „dass BMW die Sympathiewerte bei den Marathon-Teilnehmern kurz- und langfristig signifikant steigern konnte“.
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