Sieben Wochen Vesperkirche beseitigen die Armut nicht, machen aber Hoffnung. Denn sie zeigen: Viele Menschen sind bereit, sich einzubringen. Ein Kommentar von Jan Sellner

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

In einer idealen Welt gibt es keine Vesperkirche, keine Essensausgabe an Bedürftige, keine Notwendigkeit, die Leonhardskirche für sieben Wochen im Winter zu einer Art Mensa umzubauen und dort mit Unterstützung vieler Helferinnen und Helfer für Gastlichkeit und Gemeinschaft zu sorgen. Weil die ideale Welt jedoch in weiter Ferne liegt, ebenso wie das Schlaraffenland, weil die Wirklichkeit voller Unzulänglichkeiten steckt, weil es auch in der lokalen Welt von Stuttgart Armut gibt, die nach den Beobachtungen von Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann sogar noch wächst, ist es wichtig, dass es die Vesperkirche, gibt. Und die tägliche Essensausgabe an Bedürftige. Und die freiwilligen Helferinnen und Helfer, die sie am Laufen zu halten. Jahr für Jahr.

 

An diesem Sonntag wird in der Landeshauptstadt die 32. Vesperkirchensaison eröffnet – mit einem Gottesdienst, den die bekannte Theologin Margot Käßmann hält. Bis 10. März ist die Leonhardskirche dann wieder tägliche zentrale Anlaufstelle für Menschen, für die eine warme Mahlzeit keine Selbstverständlichkeit ist. Die sich einen Friseurbesuch nicht leisten können, Scheu haben, zum Arzt zu gehen oder Kulturangebote zu nutzen, weil die Schwellen für sie vielleicht zu hoch sind. All das ist unter dem Dach der Vesperkirche leichter möglich.

Über das Essen hinaus gibt es ein Bedürfnis nach Austausch und Wärme

Es wäre daher verkürzt, in der Vesperkirche eine reine Verpflegungsstation zu sehen. Die rund 800 Essen, die dort täglich ausgegeben werden, stillen das Grundbedürfnis nach Nahrung. Daneben gibt es das Bedürfnis nach Wärme, das sich nicht nur nach den Außentemperaturen bemisst. Dem versucht die Vesperkirche nachzukommen, indem sie ohne Ansehen von Person oder Religion einerseits zum Essen einlädt, andererseits Möglichkeiten eröffnet, anzukommen und sich auszutauschen. Daraus ergibt sich ein ganz besonderes Menü aus Wertschätzung, Gemeinschaft und Kultur.

Die ideale Welt ist ein Wunschtraum, doch das Ideal von Vesperkirche ist in der Realität anzutreffen. Dazu tragen Hunderte von Freiwilligen bei, die sich tageweise oder auch länger aktiv einbringen – bei der Essensausgabe, bei der Betreuung der Gäste oder beim Organisieren. „Die Armut findet zuweilen Wohltäter, selten Freunde“ befand der deutsche Dramatiker August von Kotzebue. Bei der Vesperkirche ist das anders. Die Bereitschaft, dort mitzuhelfen und Not zu lindern, geht über das Wohltätig-Sein hinaus. Das zeigt das Echo auf die Helfersuche. Diakoniepfarrerin Ehrmann und ihr Team führen auch diesmal Wartelisten, weil der Zahl derjenigen, die mitmachen wollen, weit größer ist, als der nicht gerade kleine Bedarf an Helferinnen und Helfern.

Die Leonhardskirche als großer Gastraum Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Das Vesperkirchen-Team sieht darin ein ermutigendes Zeichen. In der Tat ist es ein Kennzeichen der Stadtgesellschaft, dass viele Bürgerinnen und Bürger den bekannten Unzulänglichkeiten und fortbestehenden Ungerechtigkeiten mit persönlichem Engagement begegnen. Dabei machen viele die Erfahrung, wie gewinnbringend es sein kann, gemeinsam etwas zum Wohle Anderer zu bewegen – auch wenn die Armut am Ende der Vesperkirchensaison nicht beseitigt ist. Dennoch lässt diese Zeit hoffen: Wenn wieder mal von Besonderheiten Stuttgarts die Rede ist, dann sollten seine lebendige Vesperkirche und alle, die daran mitwirken, in der Aufzählung nicht fehlen.